Bei Silke, anwesend waren außerdem Ute, Sven, Maren und Gunnar.
Silke schreibt selbst sicher noch etwas zum Film, von mir nur ein paar Anmerkungen vorab, weil mir einige Argumente der Diskussion noch eimal durch den Kopf gegangen sind und ich mich im wichtigsten Punkt korrigieren will.
Ich hatte deutlich gemacht, dass ich das Waisenhaus-Drama nicht nur ein bisschen doof oder konventionell gefunden habe, sondern nahezu unerträglich scheiße. Und mit dieser harschen Ablehnung stand ich ziemlich allein da. Ich hatte währende des Guckens regelrecht Aggressionen gegen den Film entwickelt, weil ich das Gefühl hatte, dass er in einem vorwitzigen Ausmaß versucht mich als Zuschauer emotional zu manipulieren.
Der Vorwurf richtete sich vor allem gegen das ausschließlich auf maximalen Effekt kalkulierte Drehbuch: Es sind nicht irgendwelche Probleme im Elternhaus der beiden Brüder, sondern damit es maximal rührend ist, muss Papa tot sein und Mama krank werden. Und welche Krankheit ist es natürlich? Krebs. Die Jungs kommen „vorübergehend für zwei Monate“ ins Waisenhaus und wann stirbt die Mutter? Natürlich wenn die Entlassung vermeintlich kurz bevor steht. Im Waisenhaus werden die Neuankömmlinge sofort vom sadistischen Personal geschlagen. Und was ist der erste Auslöser? Natürlich eine vollkommen offene und ehrliche Antwort, die einer der Jungen auf die Frage nach seinem Berufswunsch gibt. Bei irgendeinem nachvollziehbareren Regelverstoß wär’s halt ein Ticken weniger ungerecht und empörend. Es muss immer voll auf die zwölf sein, immer wieder. Natürlich wird der kleinere Bruder zuerst auch von den Mitschülern schikaniert, damit es umso herzerwärmender ist, wenn sich dann herausstellt, dass er wahnsinnig kreativ darin ist, schöne, trostreiche Wunschmärchen aus dem Stegreif für die Peiniger zu entwickeln, die dann in der Reihe anstehen und um ihn herumsitzen, um sich von ihm ihre Post „vorlesen“ zu lassen. Da jubilieren die Geigen und in den Sonnenstrahlen tanzen glitzernd die Staubpartikel. Ach, wie ist das schön. Schnitt. Und zu sehen ist der schmierig zurecht gemachte, kinderschändende Lehrer, und los geht’s mit dem sexuellen Missbrauch. Wenn’s nicht nicht von ganz oben ab ins Tal ginge, wär’s halt wieder nicht der maximale Effekt gewesen. Ich könnte den ganzen Plot so durchgehen, es ist – aus meiner Sicht – durchweg zum Kotzen.
Das wichtigste formale Mittel, um die beabsichtigte Wirkung zu unterstützen, ist die Musik, die holzhammerartig vorgibt, was ich als Zuschauer fühlen soll. Dass die Darsteller durchweg gut spielen und Kamera und Licht ebenfalls auf hohem Niveau sind, hat es in meiner Wahrnehmung noch schlimmer gemacht, weil es noch mehr Kraft erfordert, dem Machwerk Widerstand entgegenzusetzen.
Sven hatte mir entgegengehalten, dass nicht nur verstärkender Musikeinsatz, sondern genauso der Verzicht auf Musik in einer bestimmten Szene manipulierend sein könne und dass sowieso alle formalen Mittel in jedem Film der Manipulation dienten.
Und nachdem ich ein wenig drüber nachgedacht habe, stimme ich ihm zu. Mein Vorwurf ist falsch, Es geht gar nicht darum, dass der Film manipulativ ist. Jeder Film ist manipulativ. Wir gucken uns Filme an, WEIL wir manipuliert werden wollen. Wir wollen mitfühlen, wir wollen lachen, wir wollen berührt werden und wenn einem Film das gelingt, beschreiben wir ihn eben darum positiv. Das Problem mit dem hier beschriebenem Scheißfilm ist nicht, dass er manipuliert, sondern dass er es so plump tut und darum beim Manipulieren scheitert. Er beleidigt unsere Intelligenz, in dem er so offensichtlich unsere Emotionen zu steuern versucht. Die Produzenten machen sichtbar, für wie blöd sie uns Zuschauer halten. Und das erklärt auch meine Aggressivität als Reaktion.
Mir fällt in diesem Zusammenhang noch Robert Bresson ein. Dessen Filmsprache versucht sich am genauen Gegenteil: Zurückhaltung auf allen Ebenen, statt Überwältigung. Umso effektiver kann die Wirkung sein: Pickpocket hat mich stark berührt, gerade weil er seine emotionale Geschichte so spröde erzählt.
Beim gemeinsamen Gucken im VC ging euch das anders. Aber vielleicht gab’s einfach zu viele Störungen und zu viel Gequatsche, um sich drauf einzulassen.
Ich würde gern einen erneuten Bresson-Versuch wagen. Hoffentlich seid ihr dafür aufgeschlossen.
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IMDb wertet „Der Tag wird kommen“, so der deutschsprachige Titel, mit 7,8 und listet „9 wins & 8 nominations“ – die Gastgeberin sieht sich daher in bezug auf ihre Sorgfaltspflicht dem VC-Publikum gegenüber als unschuldig an, kann die obenstehende Wutrede aber durchaus nachvollziehen.
Mit Mads’ Bruder Lars Mikkelsen und der großen Sofie Gråbøl; auch die Kinder-Darsteller der beiden Brüder machen ihre Sache großartig (sl 31.5.2019).

5 Kommentare:
Ich bin auf jeden Fall offen dafür - ich war damals, glaube ich, die einzige, die "Pickpocket" auch gut fand...
Ich habe den Film ja nicht gesehen (sorry übrigens dafür, dass ich nicht abgesagt habe!), kann mir zu diesem also kein Urteil erlauben, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich eher auf Gunnars Seite gewesen wäre. Jedenfalls fand ich seine Präzisierung absolut einleuchtend und ich werde sie zum Anlass nehmen, auch meine Argumentation in ähnlichen Fällen zu schärfen. Hinzuzufügen wäre vielleicht noch, dass es zwar richtig ist, dass an sich nicht die von (unter anderem) der Musik ausgehende Manipulation das Problem ist, sondern die Art der Manipulation, dass es aber doch nach meiner Erfahrung wesentlich häufiger vorkommt, dass eine plumpe, die Intelligenz beleidigende, das ewig gleiche Gefühlrepertoire festschreibende Manipulation von einem Musikeinsatz als von dem Verzicht auf einen solchen ausgeht – wiewohl Sven mit seinem Argument, dass auch letzterer eine Form der Manipulation darstellt, natürlich prinzipiell recht hat.
Zum Thema Bresson: Ich bin natürlich auch sehr offen für weitere Versuche. "Pickpocket" hat mich an dem unglückseligen Abend damals ja eher ratlos zurückgelassen.
Am 17.08.2019 schrieb Silke:
Hallo Runde,
heute lieferte Gunnar einen realen Nachtrag zu dem im VC gesehenen Film Der kommer en dag (DK 2016): „Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat sich am Dienstag im Namen ihrer Regierung entschuldigt bei den Heimkindern des Landes, die in der Vergangenheit misshandelt wurden“ (Zitat www.sueddeutsche.de/politik/daenemark-kinder-misshandlungen-1.4562820, gesehen 17.8.2019).
Andreas las daraufhin alle drei Entschuldigungen der dänischen Regierung vor – vielleicht war die Quelle sogar die Süddeutsche. Die schrieb dieser Tage jedenfalls:
"Eine Entschuldigung im Namen des dänischen Staates hat es bislang erst zwei Mal gegeben: 1999 entschuldigte sich der damalige Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen bei jenen Grönländern, die 1953 aus ihrer Heimat Thule zwangsumgesiedelt wurden, um Platz zu machen für einen Stützpunkt der US-Luftwaffe. Und 2005 entschuldigte sich der damalige Premier Anders Fogh Rasmussen für die Auslieferung verfolgter Juden an Nazi-Deutschland“ (Zitat www.sueddeutsche.de/politik/daenemark-kinder-misshandlungen-1.4562820, gesehen 17.8.2019).
Da Andreas annahm, dass es sich um dänische Juden handelte und Ich dies anzweifelte, bin ich von Gunnar aufgefordert worden, den Inhalt der zweiten Entschuldigung Dänemarks zu überprüfen. Tatsächlich ist in AFRs Rede gar nicht von Juden die Rede, sondern von deutschen Flüchtlingen allgemein. Auch geht es nicht um Ausweisungen, sondern, im Gegenteil, ums Reinlassen (vielleicht sollte man einfach einen umfänglich ausgebildeten Sinologen nicht als Skandinavien-Korrespondent bestellen):
"Das erste Mal, dass sich ein dänischer Beamter mündlich entschuldigte, fand im Mai 2005 in Mindelunden statt. Während der Besetzung hatten die dänischen Behörden deutsche Flüchtlinge, die in Dänemark Zuflucht suchten, abgelehnt. Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen nannte diese Entscheidung einen „Fleck für Dänemarks ansonsten guten Ruf in diesem Zusammenhang". Er fuhr fort: "Ich möchte daher [...] im Namen der Regierung und damit des dänischen Staates Beschwerde einlegen und mich für diese Handlungen entschuldigen." Da es keine überlebenden ehemaligen Flüchtlinge gab, geschweige denn Verwandte, fehlte der Entschuldigung ein primäres Publikum. Dies bedeutete, dass die wertpolitische Botschaft der Rede an die zeitgenössischen Dänen, moralische Entscheidungen zu wagen, zum Beispiel in Bezug auf Dänemarks Beteiligung am Irakkrieg, tatsächlich im Mittelpunkt der Rede stand" (Zitat https://danmarkshistorien.dk/leksikon-og-kilder/vis/materiale/officielle-undskyldninger-1945/, gesehen 17.8.2019; aus dem Dänischen von Google Translate).
Natürlich gibt es zu der zumeist erfolgreichen Flucht dänischer Juden 1943 nach Schweden auch einen Film: Fuglene over sundet (2016).
Die dritte Entschuldigung an die Godhavn-Jungs – zu der Der kommer en dag (2016) sicher beigetragen hat – weist übrigens eine bizarre Verbindung zur ersten auf: Es war im grönländischen Godhavn („guter Hafen“, grönlänischer Name lautet Qeqertarsuaq, „große Insel“), wo einst beschlossen wurde, dass die USA Militärbasen in Grönland errichten dürfen (https://de.wikipedia.org/wiki/Qeqertarsuaq). Das Kinderheim trägt also einen kolonialen Namen. – Bizarr auch die thematische Verbindung zu einer verweigerten Entschuldigung: "Im Jahr 2009 lehnte Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen die Forderung grönländischer Parlamentarier ab, sich offiziell bei grönländischen Kindern zu entschuldigen, die in den 1950er Jahren aus ihren Familien entfernt wurden, nach Dänemark geschickt wurden, um dort zur Schule zu gehen und Dänisch zu lernen, und später entweder adoptiert oder untergebracht wurden in Waisenhäuser“ (Zitat https://danmarkshistorien.dk/leksikon-og-kilder/vis/materiale/officielle-undskyldninger-1945/, gesehen 17.8.2019; aus dem Dänischen von Google Translate). Da gibt es auch einen Film zu: Eksperimentet (2010), den ich mich nicht trauen werde, zu zeigen im VC, da das auch ist ein Movie with a Mission. ;-)
--Teil 2 folgt--
--Teil 2--
Noch ein Übrigens: Dass seine Initialen AFR schon das halbe Afrika ausmachen, ist Anlass und Inhalt einer schreiend komischen Mockumentary über Anders Fogh Rasmussen: AFR (2007)“ – der homosexuelle Fogh wollte demnach Afrika alle Schulden erlassen, weswegen er ermordet wurde. Andreas empfiehlt die seriöse Doku "Alles Banditen“ (wohl 2003) über AFR (s. dazu www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/daenische-polit-doku-alles-banditen-von-vorne-oder-von-hinten-a-254391.html, gesehen 17.8.2019). Vielleicht war die Doku ja sogar Anlass für die Mockumentary, um aufzuweisen, welch kruden Kack man mit realem Filmmaterial zusammenfabulieren kann und dass ohne Kontextwissen alles nichts ist.
In der Hoffnung, mit der korrekten Ausweisung aller wörtlichen Zitate nicht mein Internet-Zertifikat aberkannt zu bekommen, und mit vorauseilender Entschuldigung für den Umfang dieser Mail
herzliche Grüße zur wachen Nacht
Silke
Von Gunnar am 21. August 2019:
Danke für die Infos. Erstaunlich, dass der Inhalt der Rasmussen-Entschuldigung 2005 offenbar völlig falsch wiedergegeben wurde und auch erstaunlich, dass es deutschsprachig im Netz offenbar keinerlei Informationen zum Sachverhalt gibt. Danke umso mehr für die dänischsprachige Suche. Wofür er sich nun genau entschuldigt hat, wird aber auch aus dem von dir zitierten Text nicht richtig klar, oder? Ablehnung von Flüchtllingen „während der Besetzung“. Was heißt das denn? Geht es um einen Vorfall? Oder um einen Dauerzustand? Um wieviele Menschen so ungefähr? Alle jüdisch? Warum steht das da nicht?
Von den Rettungsaktionen der dänischen Juden hatte ich zumindest noch nie gehört, hier der Wiki-Artikel dazu, falls noch jemand ahnungslos ist.
Der von dir erwähnte Spielfilm zu dem Thema "Fuglene over sundet“ ist vermutlich der Film, über den du am VC-Abend meintest, du würdest dich nicht trauen ihn zu zeigen, weil er "auch ein Film mit einer Mission" (englisch ausgesprochen) sei. Dazu nur die Anmerkung, dass es, glaube ich, kein Problem mit guten Absichten gibt, sondern eher mit Filmen, die sich wahrer Begebenheiten bedienen, um noch effektiver spekulative Rührstücke zu inszenieren, die keinen Gedanken, sondern bestenfalls wohliges Schauern auslösen. So wie halt der Godhavn-Film "Der kommer en dag“ von dem ich übrigens, im Gegensatz zu dir, nicht glaube, dass er, trashig wie er ist, Einfluss auf die aktuelle Entschuldigung bei den Opfern der Waisenhäuser gehabt haben kann.
Bei der Aufarbeitung der finsteren Geschichte hat wohl tatsächlich ein Film eine große Rolle gespielt, aber kein Spielfilm sondern eine Doku, die laut diesem Eintrag sogar der direkte Auslöser war.
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Zur empfohlenen Rasmussen-Mockumentary: Bei Imdb ist „AFR" mit 5,2 bewertet. Da trau’ ich mich nicht ran.
Die von von Andreas erwähnte Doku ist hier bei YouTube in der deutschen Fernsehfassung verfügbar, statt mit Untertiteln, mit ständigem Reinquatschen aus dem Off, wie bei uns üblich. Wer des Dänischen mächtig ist, kann sich stattdessen hier die mehrsprachige Originalversion mit dänischen Untertiteln anschauen, wie sie in Dänemark ausgestrahlt wurde.
Einen schönen Abend & beste Grüße
G
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