Freitag, 22. März 2024

Le Voyage en douce (1980, Michel Deville)

 


Michel Deville ist in meiner Wahrnehmung ein zu Unrecht ins Vergessen geratener Regisseur, der in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern vorwiegend flirrend leichte, erotisch aufgeladene Komödien gedreht hat, in denen eher die Frauenfiguren im Vordergrund stehen. Den Stil hat er zusammen mit Nina Companeez entwickelt, die siebzehn seiner Filme geschrieben hat. Ich erinnere mich gern an Das wilde Schaf (1974, mit Romy Schneider, Jane Birkin und Jean-Louis Trintignant), Der Bär und die Puppe (1970, mit Brigitte Bardot und Jean-Pierre Cassel), Gefahr im Verzug (1985, mit Anémone und Richard Bohringer) und an Die Vorleserin (1988, mit Miou-Miou).

Ich habe wieder an ihn denken müssen, nachdem ich die Filme von Emmanuel Mouret entdeckt habe, der, so schien mir, Devilles Tradition fortsetzt. Letztes Jahr  habe ich Chronique d'une liaison passagère (2022) von ihm gezeigt.

Der Auftakt einer großen VC-Michel-Deville-Retrospektive, die ich für möglich gehalten hätte, war dann aber ein großer Reinfall. An der Geschichte von zwei Freundinnen (Dominique Sanda und Geraldine Chaplin), die sich auf eine Reise in den Süden begeben, um Ferienhäuser zu besichtigen und sich dabei gegenseitig von ihren sexuellen Erfahrungen erzählen, haben vor allem Lisa und Ute kein gutes Haar gelassen. Schmierige Männerphantasien seien das, Frauen hätten andere Themen. Als besonders unangenehm wurde die Sexualisierung der Szenen, in denen die Kinder der Sanda-Figur auftraten, empfunden. Bei letzterem Punkt ging es mir ganz genauso, ansonsten habe ich versucht den Film zu verteidigen, war damit aber nicht sonderlich überzeugend. Tilman hat sich auch positiv zum Film geäußert, die harsche Kritik aber kaum entkräften können. Alle anderen (Wer war war alles dabei? Im Chat steht leider nichts…) fanden den Film auch eher schlimm, ganz besonders Rene, wenn ich mich richtig erinnere.

Ich stimme zu, dass vor allem der Male Gaze, mit dem die Kamera auf die Protagonistinnen blickt, problematisch ist. Da nützt es nichts, dass die beiden selbstbewusst und selbstbestimmt sind, wenn gleichzeitig die Kamera ihre Körper zu Objekten macht und halt gerade nicht jene der Männer, von denen in den Erinnerungen ständig die Rede ist. Anders gefilmt und ohne die befremdlichen Szenen mit den Kindern, könnte es dennoch ein guter Film sein, behaupte ich immer noch. Ganz besonders gefallen hat mir die Rahmung: Am Anfang des Films sitzt Geraldine Chaplin nach einem Streit mit ihrem Mann verheult im Treppenhaus vor der Tür ihrer Freundin, die nicht zuhause ist. Und am Ende setzt sich Dominique Sanda mit Gepäck an genau die gleiche Stelle vor die eigene Tür, unschlüssig, ob sie weggehen und die Beziehung beenden soll, oder nicht. Und dass offen bleibt, wie wahr die Geschichten eigentlich sind, die sich die beiden erzählen, fand ich gut. (– „When did it happen? Never?" – „Never. But it could have.“)

Mal gucken, ob ich mich traue, noch einmal einen Deville-Film in unserer Runde zu zeigen.


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