Diesen Film hatte ich vor Jahren schon einmal gesehen und. Jetzt habe ich die Möglichkeit genutzt ihn im VE zu zeigen auch um ihn mir ein zweites mal anzusehen. Es handelt sich bei dem Film um keine leichte Kost. Er ist verstörend und sehr anstrengend. Moodysson selber sagte hierzu:
"I have cooked you a delicious meal, but I'm not going to chew it for you."
Auf Schnittberichte.com habe ich folgende kurze Inhaltsangabe gefunden:
"Rickard
und Geko sind zwei Verlierer, wie sie im Buche stehen. Sie verbringen ihre Tage
mit Zocken, Saufen und Amateurpornos, die sie mit der jungen Tess drehen.
Rickards Sohn Eric erlebt dies alles aus seinem abgedunkelten Zimmer heraus, in
dem er sich einigelt. Vier verlorene Seelen ohne jegliche Perspektive auf
engstem Raum..."
Diese Inhaltsangabe der Story-line sagt jedoch eigentlich nur wenig über den Film selber und lässt die Einsätze von Hand-Kameras, die schnellen Schnitte, Einblendungen von OP-Bildern und die Bilder von verstörenden Baby-Puppenspielen und rauschhaften Exzessen, in denen es für den Zuschauer teilweise offen gelassen wird, wo Fantasien aufhören und die Realität anfängt, unerwähnt; die jedoch eine wesentliche Essenz dieses Films ausmachen.
Anwesend waren: Sven, Lisa, Gunnar und ich.
Zugeschaltet waren Rene und Miriam, die beide den Film vorzeitig abgebrochen und sich für die Telko abgesagt hatten.
Bei Sven muss ich mich wohl entschuldigen. Er hätte den Film wohl auch nicht zu Ende gesehen und hat danach wohl auch nicht gut geschlafen. Es tut mir wirklich leid.
In der Anfangsszene des Films wird die Frage gestellt "Wenn Du Deine Augen schließt, was siehst Du dann?" auf die dann zunächst eine Sequenz schnell geschnittener, teils verstörender Bilder begleitet von einer lärmenden Klangkulisse folgt. Der Film endet mit derselben Frage, dem der Zuschauer die entsprechenden Bilder dann selber hinzufügt. - Sprich, es ist keine gute Idee gleich nach dem Film ins Bett zu gehen und wir waren uns nach Ende des Films alle einig, dass ein Schnaps keine schlechte Idee wäre.
Einigkeit herrschte außerdem weitgehend darüber, dass es kein Film ist, den man sich ein zweites Mal ansehen möchte. Auf Moviepilot.de habe ich jedoch auch einen Kommentar von jemandem gefunden, der sich den Film wie ich ein zweites Mal angesehen hat:
„… Die Zweitsichtung hat dem Film bei mir einige Punkte mehr eingebracht. ...Natürlich ist das kein Unterhaltungsfilm, aber das was er will, schafft er auch größtenteils. Verstören und aufwecken.“
Weiter kann ich mich erinnern, dass Gunnar in unserer anschließenden Diskussion angemerkt hat, dass der Film einem gewissen Aufbau folgt, dass er (Gunnar) eine gewisse Zeit nach Anfang des Films befürchtet hat, dass dieser sich in gleicher Weise fortsetzen würde, sich dann aber die Erzählweise geändert hätte.
Dieser filmische Aufbau wird auch in der folgenden Filmbeschreibung und Kritik erwähnt, die ich auf Schnittberichte.de gefunden habe und von einer cecil b. beschrieben wurde, die dem Film 8(10) Punkten gegeben hat. Da ich ihre Beschreibung des Films sehr treffend find möchte ich diesen, für alle die, die noch mehr über den Film erfahren möchten, hier im ganzen posten:
"Wer am 04.04.2008 durch das Fernsehprogramm zappte, könnte sich gewundert haben. Denn an diesem Tag war es öffentlich-rechtlich legitimiert möglich, dabei zuzuschauen, wie ein Akteur einer Kollegin in den weit geöffneten Mund kotzt, und reale Operationen an einer Vagina sowie inneren Organen sieht man auch nicht alle Tage. So ein Schund, schreit bei manchen der geistige Abwehrmechanismus, der Sender ARTE hat das nicht berücksichtigt, als er A HOLE IN MY HEART ungeschnitten zeigte. Es handelt sich um ein unbequemes Drama mit taktvoll gestalteten Figuren, die Story befolgt keine einfache Einteilung der dramatischen Faktoren, damit kann nicht jeder umgehen. Den Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben ist in Sachen Kunst nur in wenigen Punkten gerechtfertigt und mitnichten widersprüchlich, der Sinn des künstlerischen Schaffens ist relativ. Ich denke, A HOLE IN MY HEART wäre auch gut ohne die besagte explizite Darstellung ausgekommen, das ist Effekthascherei. Problematisch sind diese Szenen aber auch nicht, sie demonstrieren das unwiderlegbare Gegenstück des gezeigten Eskapismus.
Der schwedische Regisseur Lukas Moodysson liebt es, durch seine Drehbücher fiktive Menschen zu porträtieren, die mit ihrem Leben sehr unzufrieden sind, manchmal steckt ein zutiefst erschütterndes Drama dahinter. Bisher erhielt der Schundfilmer schlappe 42 Auszeichnungen, Filme wie Fucking Åmål und Lilja 4-ever haben meistens gute Kritiken bekommen, A HOLE IN MY HEART wurde richtigerweise verschmäht und gefeiert, der soll polarisieren. Moodysson arbeitete bei diesem Drama mit 4 Kameramännern zusammen, Malin Fornander, Lukas Moodysson, Karl Strandlind und Jesper Kurlandsky, die ihn sonst in anderen Bereichen bei seiner Arbeit unterstützt haben. Auch der Cutter Michal Leszczylowski (Fucking Åmål) und Jesper Kurlandsky (Jalla!, Jalla! Lilja 4-ever), der für die Musik zuständig war, waren ihm nicht unbekannt.
Ett hål i mitt hjärta ist inszenatorisch und narrativ sehr speziell. Ein Homevideo-Wackelkamera-Stil, herrje, da macht die Masse meist die Schotten dicht, in der Vorstellung, dass da ein Unvermögen prävaliert. Erfolgreiche anerkannte Regisseure haben dann offensichtlich einige zufällige Glücksgriffe inszeniert, wenn sie mal einen Film in diesem Stil drehen?
Die sanften Töne sind die absoluten Höhepunkte des Dramas, ein Ausbruch aus dem Elend, und mit solchen fängt A HOLE IN MY HEART an. Störgeräusche, und undefinierbare, blutige Bilder, die abrupt hineingeschnitten worden sind, zerstören die kurze Idylle mit enormer Wirkung. Eine seltsame Geräuschkulisse ist die perfekte Vorhut für die wunderschönen Geigen- und Klavierspiele, die zielgenau eingespielt werden. Zu 95 % spielt sich alles in einer Wohnung ab, mit vielen unterschiedlichen Perspektiven, die das Miteinander der Figuren oder die Konzentrierung auf Einzelne wie in einem Guss präsentieren. Ein Trommelfeuer verstörender Eindrücke macht aus den vier Existenzen zunächst wenig greifbare Personen.
Richard (Thorsten Flinck: URO) ist der Mieter der Wohnung. Er besäuft sich regelmäßig mit seinem fast immer anwesenden Freund Geko (Goran Marjanovic: Millennium Brüder), sie vögeln die 21 Jahre alte Tess (Sanna Bråding: 7 Miljonärer) vor laufender Kamera, wenn diese zu Besuch kommt, Eric (Björn Almroth) lebt vor allem zurückgezogen in seinem Zimmer. Tess hat ihre Vagina operativ 'verschönern' lassen, die junge Frau hält ihr sportliches Gewicht durch Bulimie, sie habe schon in jungen Jahren ein Interesse daran gehabt, die Aufmerksamkeit von Männern durch sexuelle Reize zu erlangen. Der Sex ist sadomasochistisch geartet, hinter dem Trieb steckt nicht nur die reine Befriedigung. Geko und Richard sind mehr davon fasziniert, als dass sie dadurch erfüllt sind, die Frau sucht eigentlich Nähe, und bittet gelegentlich darum zu kuscheln. Auch das Verhältnis zwischen Richard und seinem Sohn ist ungewöhnlich, der Witwer vernachlässigt Eric, und beschimpft diesen ab und zu, aber er diskutiert mit Geko darüber, wie die Lage zu verbessern sei. Desorientiert steigern sich die Drei exaltiert in Hochgefühle hinein, die in Gelagen, einer Exhibierung sowie Orgien enden, und teilweise ausufern. Erik beobachtet ihre Handlungen skeptisch durch einen Türspalt, blutige Gewaltfantasien treten verstärkt auf, jeglicher Kontakt zu den anderen Figuren ist von beiden Seiten aus unbeholfen. Spannend ist die Kommunikation zwischen Tess und Eric, ein Beispiel dafür, dass jeder in einem anderen eine Projektionsfläche sieht. Die Figuren sind auch dafür prädestiniert, dass der Zuschauer seine Ängste auf sie projiziert. Dann wendet sich das Blatt.
Moodysson pickt sich einen nach dem anderen heraus, die zahlreichen wirkungsvollen Großaufnahmen der Gesichter erreichen die nächste Ebene, die Kamera wird jetzt praktisch auch mal dem Zuschauer überreicht. Oft frontal inszeniert reflektieren die Figuren einen Teil ihres Werdegangs, und analysieren die psychischen Probleme. Wir sind nun der wortlose Gesprächstherapeut, die Figuren sind mehr als Personen, die sich unangenehm und bedenklich verhalten, sie haben alle ein Kreuz zu tragen. Eine erstklassige Dramaturgie, wie sich zeigen wird.
Die weibliche Figur fühlt sich in der Normalität des Alltags verloren, steht ratlos im Supermarkt, so, dass ich Bråding nur zu gern mitteilen würde, wie genial sie diese Rolle ausgefüllt hat. Atemberaubend. Aus Tess ist ein Mädchen geworden, das man 'beschützen' möchte, eine Verharmlosung ihrer ausgewachsenen Zerrissenheit bleibt jedoch aus. In einer Szene, in der sie "gefickt" wird, liegen wir perspektivisch unter ihr, schauen zu dieser Frau hinauf, ihre Haare hängen kunstvoll zu uns runter. Diese kurzzeitige Selbstaufgabe verstärkt das Staunen, wenn Tess sich auch ganz anders gibt. Ihre liebevolle Seite, die sie Eric zeigt, ist gleichsam eine Tragik an und für sich. Der junge Mann im Gothik-Look verweigert sich der Normalität, realisiert Eric doch, dass er fast nichts mit ihr zu tun hat. Seine Einbahnstraße in vier Wänden ist erdrückend, die Aggressionen sind nur eine Abwehr, kein Angriff. Eine tickende Zeitbombe ist er aber trotzdem. Die Kamera sucht mit langen Einstellungen und Detail-Aufnahmen Türen und Wände ab, Eric steht daneben, als ob er auf diese Umgebung auch schon seine Verstörtheit projiziert. Almroth glänzt. Als dann dieser unerfahrene Mensch damit beginnt, ebenfalls die anderen zu analysieren, und somit seine ausgeprägte Intelligenz zur Sprache kommt, entsteht eine weitere Ebene. Ist eine wesentliche Veränderung möglich? Richard und Geko können schnell verurteilt werden, aber der eine ist begreiflicherweise psychisch verwirrt, der andere verlässt in manchen Momenten die nicht aushaltbare Realität, und ist dann wie weggetreten. Seine sichtbare Fantasie erzählt von etwas Anderem, davon, wie er glücklich über Felder springt, weit und breit sind sie zu sehen, das Gegenteil der ermattenden Perspektivlosigkeit. Flinck hatte für ein paar Szenen Drogen genommen, weil er der Meinung war, diesen dann gerecht zu werden. Das spricht nicht für ihn. Marjanovic hat seine vielseitige Figur großartig gespielt.
Bei allem Gelächter, Gekotze und Geficke, ist man fast mit diesen Gestalten per du, wenn sie dann weinen, reflektieren, philosophieren, sich sensibel zeigen, stark, weil sie die Schale abwerfen.
A HOLE IN MY HEART macht es niemanden leicht. Die Eskapaden präsentieren keine 'sehenswerten' Folterungen, für eine filmische Sozialstudie sind Aufnahmen von echten Operationen und ein ekliger Umgang mit Körperflüssigkeiten ungeeignet. Der Stil sowie die abstrakte Narration fordern heraus. Ein tolles Drama, mit guten Schauspielern. "
Und noch ein Kommentar den ich auf Moviepilot.de gefunden habe:
"Es passiert leider immer seltener, dass mich ein Film noch tief beeindrucken oder erschüttern kann - dazu habe ich wohl schon zu oft dasselbe gesehen und gehört. Aber "A Hole In My Heart" ist ein Film (der durch die chaotische und wackelige Handkamera eher wie eine Livedokumentation anmutet), der mich von der ersten Sekunde an völlig mitgerissen hat. Das Besondere an diesen Streifen ist, dass Moodysson wie kein anderer den Zuschauer selbst in den Mikrokosmos aus Hoffnungslosigkeit, Angst, Einsamkeit und Zukunftslosigkeit zieht, in dem auch die Protagonisten gefangen sind. Metaphorisch wird dies durch die kleine, spärlich eingerichtete Wohnung dargestellt, in der fast der gesamte Film spielt - Zuschauer wie Charaktere sind völlig von der Außenwelt isoliert.
Während der Laufzeit erfährt der Zuschauer, vor allem
durch die immer wieder eingeblendeten Einzelinterviews, Stück für Stück mehr
über das, was in den Köpfen der Charaktere vor sich geht. Jeder der Charaktere
wirkt zunächst auf eine andere Art kaputt, ihre Handlungen und Reaktionen sind
teilweise schwer nachvollziehbar, aber es wird immer mehr deutlich, dass es
sich hier um Menschen mit tiefsitzenden Problemen handelt.
Mit der Zeit setzen sich die einzelnen Informationen zu einem klaren Bild
zusammen und der Zuschauer fängt an, die Zusammenhänge zwischen den intimsten
Gedanken der Protagonisten, ihrer Vergangenheit, ihren Träumen, Ängsten und
Sorgen zu erkennen. Die Zunächst recht hölzern wirkenden Charaktere werden
schnell immer mehr zu komplexen Metaphern für die Risse, die sich unsere
Gesellschaft ziehen.
"A Hole In My Heart" ist sicherlich kein Streifen für Leute mit
schwachem Magen, ist aber ein Stück Gesellschaftkritik, das in seiner
Konsequenz und Deutlichkeit einmalig ist und wie kein anderer Film den
Zuschauer in den Mikrokosmos der Protagonisten ziehen kann."
7 Kommentare:
Dazu möchte ich anmerken, dass René und ich die Telko nicht abgesagt haben, sondern wir haben gewartet, und es stand niemand zur Verfügung. René hat zudem den Film nicht selbst abgebrochen.
Toll, danke Ute! Super, dass du den Text von Cecil B gefunden hast. Seh' ich sehr ähnlich.
@Miriam: Dass ihr zur Telko bereit wart, haben wir nicht kapiert, nachdem ihr beide geschrieben hattet, dass ihr nicht zu Ende geguckt habt.
Ach so, alles klar!
Also ich weiß auch gerad nicht, wo ich geschrieben hab, dass ich den nicht zuende schaue? "Bei mir ist die Übertragung abgebrochen, als Geko das Haus verlässt." Sollte daraufhinweisen, dass ich nicht weiterschauen kann, da Plex nicht weitergemacht hat. Ich fand den Film übrigens nicht schlecht, war halt keine einfache Kost.
Das Ende hätte ich auf jeden Fall gerne mitbekommen & in der Abschluss-Telko hätte ich was zusagen gehabt - war aber ja leider der einzige Teilnehmer :-P
Ich weiß nicht wie es den anderen geht, die den Film mit zuendegeguckt haben; bei mir bleibt nach einigen Tagen des Sacken lassens als verbleibender Eindruck, wie bereits auch nach meinem ersten mal Schauen des Films, die Erinnerung an den beobachtenden Jungen und die zarte sich im Verlauf des Films anknüpfende Beziehung zu Tess übrig- als quintesscenze eben ein "comming of age" Film. Die Figuren der beiden Männer verblassen zusehens.
Noch ne steile Hypothese dazu:
Der Film ist eine Parabel derfür di heutige Weltenordnung, in der infantiele, triebgesteuerte Männer die Welt, so wie in dem Film die Wohnung, dominieren und beherrschen. Ihre Traumata machen ihr verhalten nachvollziebar, was es darum trotzdem nicht rechtfertigt. Der Junge und die Frau stehen in einem emotionalen und sexuellen Abhängigkeitsverhältnis zu den beiden und suchen einen Ausweg in einer gegenseitigen Annäherung ohne jedoch die aktuelle Situation im Kern ändern zu wollen (zu können).
So kann man's sehen. Puh.
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