Freitag, 22. März 2024

Le Voyage en douce (Michel Deville, 1980)


Bei Gunnar mit Rene, Ute, Lisa, Andreas, Sven und erstmals Maren Borgerding. Und mit Tilmann per Telko.

Ich habe die Deville-Filme  La Lectrice mit Miou-Miou, Gefahr im Verzug (Péril en la demeure) und vor allem Das wilde Schaf (Le Mouton enragé mit Romy Schneider, Jean-Louis Trintigant und Jane Birkin) in sehr guter Erinnerung – allesamt sind sie von erfrischendem Unernst und einer gewissen Frivolität und Leichtigkeit geprägt. Ca. 30 Filme hat er gemacht, viele davon sind verfügbar, obwohl Deville immer mehr in Obskurität versinkt, wohl vor allem, weil er nie in der englischsprachigen Welt bekannt geworden ist.

Also ganz klar ein Fall für den VC.

Auf die „süße Reise“ begeben sich die Freundinnen Dominique Sanda und Geraldine Chaplin. Beide in den Dreißigern, beide verheiratet, brechen sie aus dem Alltag aus und fahren durch die Provence um sich nach Häusern umzuschauen. Die sind dann aber nicht wirklich wichtig, vor allem verbringen sie ihre Zeit damit, sich über sexuelle Erfahrungen und Phantasien auszutauschen, die in in kurzen Episoden über den ganzen Film verstreut sind.

Formal gibt es einige schöne Ideen, zum Beispiel wird mit Still-Bildern erzählt, es gibt lange Totalen, in denen die beiden Protagonistinnen ganz klein langsam von einer Seite zur anderen durch die Landschaft laufen und am Bemerkenswertesten ist die Entscheidung, eine Vergewaltigungsszene aus der Vergangenheit nur über die Tonspur zu „zeigen“, während die beiden in der filmischen Gegenwart zu sehen sind.

Am Anfang des Films sitzt Geraldine Chaplin heulend vor der Wohnungstür von Dominique Sanda, nachdem sie sich mit ihrem Mann gestritten hat. Am Ende des Films kauert Dominique an gleicher Stelle vor der eigenen Tür, offenbar unentschlossen, ob sie ihren Mann verlassen soll oder nicht.

Ansonsten spielen Männer in dem Film vor allem als Sexobjekte eine Rolle, viel zu sagen bekommen sie nicht. (Einen umgekehrten Bechdel-Test (Reden Männer miteinander und wenn, dann über etwas anderes als Frauen?) würde Un voyage douce nicht bestehen.)

Eigentlich alles toll, fanden zumindest Tilmann, Andreas und ich. Wenn der Blick der Kamera nicht so anzüglich auf die Körper der Frauen gerichtet wäre, fanden Ute, Lisa und Maren. Und das ist er wirklich. Auch wenn in der ersten Filmhälfte gerade nicht viel nackte Haut gezeigt wird, wie Andreas angemerkt hat, wird die ganze Zeit mit der voyeuristischen Erwartung gespielt. Und in der zweiten Hälfte geht es dann so weit, dass etwa Dominique Sanda eine (ausgedachte) Erinnerung von einem Erlebnis erzählt, bei dem sie ihre Brüste gezeigt hat und entblößt sie, während sie das erzählt, narrativ völlig unmotiviert, auch für uns Zuschauer: erst die eine und dann die andere Brust und schließlich beide zusammen.

Tilmann war von diesen Einwänden hörbar genervt und wollte die Kritik nicht gelten lassen. Toll fand er, wie Dominique Sanda gespielt hat, der wir im VC zuletzt zusammen mit Stefania Sandrelli in Bertoluccis Il conformista begegnet sind. (Ich würde sehr gern einmal den ziemlich unbekannten Robert-Bresson-Film Une femme douce mit ihr in der Hauptrolle sehen…)

Für Ute und Lisa hat der Voyeurismus den Film weitestgehend ungenießbar gemacht, das seien dann letztlich ja bloß „Männerphantasien“ (Lisa). „Jaja, so stellen sich Männer vor, wie das ist, wenn Frauen zusammen verreisen: Sie reden nur über Männer und Sex und sind die ganze Zeit kurz davor, es miteinander zu treiben.“ (Ute).

Dass nicht wirklich viel passiert und vor allem viel geredet wird, hat uns Zuschauer auch polarisiert. Die, die Eric Rohmer mögen, haben daran Gefallen gefunden. Und die, die Rohmer hassen, haben bei dem ganzen Gequatsche über Sex erst recht allergisch reagiert. Vor allem Rene, der rekordverdächtig viel und intensiv gemeckert und gelitten hat. Auch schon während des Films. Sven hat der Film auch nicht gefallen, ich kann mich aber leider nicht mehr erinnern, wie er seine Kritik formuliert hat.

Ich frage mich, wie der Film ausgesehen hätte, wenn eine Frau, etwa Catherine Breillat, die dafür prädestiniert gewesen wäre, die Regie übernommen hätte. Und wie die gleiche Geschichte heutzutage gefilmt werden würde. Und ob der Film bei uns im VC mehr Zustimmung gefunden hätte, wenn es eher einen voyeuristischen Blick auf männliche Körper gegeben hätte, passend zur Geschichte aus weiblicher Perspektive.

Ein gelungener Auftakt für die große Michel-Deville-Retrospektive im VC war das leider nicht. Einen Versuch mach’ ich aber noch, das kann ich schon einmal androhen.


Nachtrag: in Bezug auf meine Antwort auf Jös Kommentar unten hier ein paar Szenenfotos von weiblichen Körpern in "Voyage en douce":











Und so werden Männer in Voyage en douce gezeigt:







So filmt Lina Wertmüller 1974 dagegen in Swept Away einen Mann (nackten Busen zeigt sie nicht):


 

2 Kommentare:

Jö hat gesagt…

Gestern Abend nachgeholt. Im Anschluss an einen Ozu auf ARTE, Late Autumn. Warum unter euch die Nacktheit moniert wurde, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ebensowenig, dass es sich um Männerfantasien handeln soll, noch dass die Nacktheit unmotiviert sei. Bis fast zum Schluss habe ich mich gefragt, wann endlich die Männerfantasien kommen. Die oben angegebene Szene, in der die eine der beiden ihre Brüste zeigt, sehe ich nicht lüsternd, sondern pädophil. Die Szene korreliert mit der Tonspur der Vergewaltigung. Es ist eine sexuelle Erinnerung, die mir jedenfalls etwas im Halse steckenblieb. Als Mann, der gerne nackte Frauen im Film sieht, hat keine der Szenen irgendwelche Lust angestachelt. Jene Szene, auf die Gunnar eingeht, ist doch überhaupt nicht Bilitis oder ähnlicher Davihamiltonkram mit nackten Mädchen im durchscheinenden Gazefummel! Und von wegen Filmemacherinnen. Ich erinnere da einen Lina Wertmüller, die ihre Frauenfigur als Demmannhörigen gezeigt hat, nachdem der sie mal eben vergewaltigt hatte. In diesem Deville sehen wir zwei sehr miteinander vertrauten Freundinnen zu, die jede ihre eigenen sexuellen Erfahrungen gemacht hat, von der sie jeweils der anderen gegenüber wenig preisgeben. Nur der Film erzählt davon etwas aber auch das nicht sehr explizit. Gut, die eine zieht sich aus und lässt sich fotografieren. Gibt es diese Frau nicht, die über die eigene Attraktivität nachdenkt. Reden Frauen etwa nicht darüber, ob die gut, besser oder sonstwie aussehen? Sind es nur Männer, die über ihre Schwänze labern? Mir jedenfalls schienen die Frauen plausibel, die Nackheit logisch und nicht dazu geeignet irgendwelche Fantasien anzustacheln. Ob das ganze deshalb ein guter Film ist, weiß ich noch nicht. Formal bemerkenswert. Sozialpolitisch aus einer Zeit, in der Filmemacherinnen doch sehrselten waren, und vor Thelma und Louise, zwei unbeschwert mit ihrer Sexualität lebende Frauen zu porträtieren finde ich ebenso gut. Andererseits hampelt das ganze irgendwie auch freudlos daher. Beide haben für die kurze Reise etwas Spaß, die Erinnerungen an Männer zeigen nur die Blödheit der Typen, oder wir hören davon. Am Ende geht Geraldine Chaplin zu ihrem Blödmann zurück, während die andere eventuell abhaut. Aber ihr Kerl ist auch sexy, wie zu Beginn zu sehen war.

Gunnar hat gesagt…

Erstaunlich, dass du das so komplett anders siehst. Die oben angegebene Szene, in der die eine der beiden ihre Brüste zeigt, sehe ich nicht lüsternd, sondern pädophil.“ Verstehe ich nicht. Die Sexualisierung nahezu aller Auftritte der Kinder hatte ich gar nicht erwähnt, die ist auch noch ein Aspekt an dem Film, der klebrig-unangenehm ist. Aber in der Szene gibt’s doch weder Kinder noch Jugendliche. Sanda redet mit Chaplin, beide gehen dabei auf die Kamera zu, Sanda vor Chaplin und und sie packt nacheinander ihre Brüste aus, nicht etwa für ihre Gesprächspartnerin, die ja hinter ihr ist und das eh nicht sieht, sondern für die Kamera bzw. für die Zuschauer. Damit wir halt Brüste zu sehen bekommen. Das meine ich mit narrativ unmotiviert.

Ob dich speziell das nun besonders erregt oder nicht, ist dabei nicht sonderlich relevant. Die Körper der Frauen werden voyeuristisch gezeigt, es gibt immer wieder Szenen, in denen es ums Ausziehen geht und manchmal wird etwas entblößt und manchmal, ganz neckisch, eben nicht.

Wohingegen die Männer, um die es doch in fast allen erzählten Anekdoten geht, in keinem einzigen Bild mit einem ähnlichen Blick von der Kamera erfasst werden. Visuell bleiben nur die Frauen sexuell Objekte, selbst in der Szene, in der sie den Hotelpagen verführen. Der Page wird kaum gezeigt, die Kamera interessiert sich gar nicht für ihn, sie zeigt ihn vor allem völlig bekleidet von hinten und an ihm vorbei räkeln sich die beiden Frauen auf dem Bett. Obwohl sie doch sind, die vollkommen das Heft in der Hand haben.

Visuell ist das alles aus männlicher Perspektive gezeigt und das steht in Widerspruch zu dem, was eigentlich erzählt wird. Und rückt den Film halt leider doch ein bisschen in die Nähe der ästhetisierten Softpornos wie Emmanuelle (sechs Jahre vorher gedreht) oder Bilitis (drei Jahre vorher).

Lina Wertmüller als weibliche Regisseurin dagegen inszeniert im VC-Film „Swept Away“ („Travolti da un insolito destino nell'azzurro mare d'agosto“), auf den du anspielst, Giancarlo Giannni als sexuelles Objekt der Begierde. Die Kamera verweilt auf seinem halbnackten Körper mehr als auf dem der weiblichen Darstellerin Mariangela Melato. Es gibt eine Szene, in der sie komplett schwarz verhüllt ist und ihn anguckt und sein Körper wird im warmen Abendlicht gezeigt, gefolgt von eine Close-Up von seinem Mund und seinen Augen.

Ich habe ein paar Szenenfotos zur Illustration oben am Ende des Posts eingefügt.

Und“: Sind es nur Männer, die über ihre Schwänze labern?“ Ähm, ich kann mich an keine Unterhaltung von Männern erinnern, in der es um Schwänze geht. Nicht selbst erlebt, nicht mit angehört, nicht im Film gesehen, nicht im Roman gelesen.