Freitag, 15. März 2024

Metro Manila (UK Phillipines, R: Sean Ellis, 2013)

 

Meinen Einstand als Zeigerin hatte ich am Freitag den 1. März mit "Metro Manila" in der Fichtestraße (Eilbek). Grenre: Thriller, Drama (tendenziell eher Drama)

Protagonist Oscar flieht mit seiner Frau und Tochter vor Hunger und Armut von den Reisterassen in Banau (ürbrigens UNESCO-Weltkulturerbe) im Norden der Insel Luzon nach Manila. Ihr Hoffnung: Arbeit finden und sich ein Leben Leben aufbauen. Die beiden sind gutgläubig und -herzig und werden über den Tisch gezogen. Seine Frau muss in einer Sex-Bar arbeiten. Oscar scheint Glück zu haben, er landet bei einem Wachdienst für Geldtransporte. Sein Kollege Ong umgarnt ihn und natürlich ahnen wir die ganze Zeit, dass da was nicht stimmt. Das Ende ist auf eine Art unerwartet und in seiner Traurigkeit versöhnlich.

Wenn ich mich recht entsinne, gefiehl der Film allen. Ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten der Diskussion erinnern, ergänzt gerne im Kommentar, wenn ihr mögt.

Ich hatte Angst den Film zu zeigen, weil ich nicht wusste, ob er nicht seelisch und körperlich zu brutal wird. Bin froh, dass das nicht so war und würde allen empfehlen den Film zu gucken, die es noch nicht getan haben.

Vor Ort waren: Sven, René, Gunnar, Silke, Abo und meine Freundin Bea. Remote: Andreas und Ute.

Ich bekomme einen Länderpunkt, habe ich gehört, und gelobe, dass es nicht der letzte Film zum Thema Philippinen gewesen sein wird. Mein Traum wäre es, mit euch eines Tages einen Lav Diaz Film zu sehen. Vielleicht Ang Babaeng Humayo, The Women who left, der ist nur knappe vier Stunden lang und wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet ... 

Und das hier hat mich im Nachgang besonders gefreut: "Metro Manila returned to 12 UK cinemas on 28th November 2013 for a one off screening to raise money for the victims of typhoon Haiyan/Yolanda that had hit the Philippines and killed close to 6000 people. 12 screens were donated by VUE cinemas and raised a total of £3540 for the DEC charity. Its British director, Sean Ellis said: "The people of the Philippines were tremendously supportive during the making of Metro Manila, and it's only right that we should now use the film to raise money to help the victims of this terrible disaster." 

Yolanda war einer der stärksten Tropenstürme seit Aufzeichnung und einer der tötlichsten für die Philippinos. Im Zentrum des Typhoons: Tacloban auf der Insel Leyte, wo meine Mutter herkommt, dort blieb kaum ein Stein auf dem anderen ...


Nachtrag aus dem Salon-Chat:

Gunnar: Am Freitag ging's nach Metro Manila auch kurz um die katastrophalen politischen Verhältnisse auf den Philippinen und um die mörderische Präsidentschaft von Rodrigo Duterte. Dabei fällt mir ein Kapitel aus Peter Pomerantsevs Buch Das ist keine Propaganda - Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird ein, auf das ich nach dem Schock vor zwei Jahren gestoßen bin, als der Krieg losging. Pomerantsev geht es im wesentlichen um die extrem erfolgreiche moderne Form der Desinformation des russischen Regimes, aber für ein superinteressantes Kapitel hat er die Phillippinen besucht.Hier das ganze Buch, für die die E-Reader benutzen und Interesse haben. Gleich das erste Kapitel nach der Einleitung... So geht's los:

"Man nehme zum Beispiel die Philippinen. 1977, als meine Eltern in die Fänge des KGB gerieten, herrschte in diesem Inselreich im Westpazifik Oberst Ferdinand Marcos, ein von den USA gestützter Militärdiktator, unter dessen Regime, wie ich auf der Webseite von Amnesty International erfahre, 3257 politische Gefangene getötet, 35 000 gefoltert und 70 000 eingesperrt wurden. Marcos vertrat eine recht theatralische Auffassung von der Rolle, die Folter bei der Befriedung der Gesellschaft spielen könnte. Anstatt Getötete einfach verschwinden zu lassen, ließ er 77 Prozent der Leichen als Warnzeichen am Straßenrand ausstellen. Bei manchen Opfern hatte man das Hirn entfernt und den leeren Schädel mit ihren Unterhosen ausgestopft. Andere waren zerteilt worden, sodass die Menschen auf dem Weg zum Markt an einzelnen Körperteilen vorbeikamen.1
Marcos’ Regime stürzte 1986 angesichts von Massenprotesten und weil die Amerikaner ihn nicht weiter stützten und Teile der Armee sich gegen ihn wandten. Millionen Menschen gingen auf die Straße. Es sollte ein Neubeginn werden: das Ende von Korruption und Menschenrechtsverletzungen. Marcos ging ins Exil und lebte bis zu seinem Tod auf Hawaii.
Heute wird man in Manila vom Geruch von fauligem Fisch und Popcorn, von Abwasser und Speiseöl empfangen, der einem auf den Bürgersteigen den Atem nimmt. Allerdings kann man kaum von Bürgersteigen sprechen. Breite Trottoirs, auf denen man spazieren gehen kann, gibt es kaum. Stattdessen balanciert man auf schmalen Simsen entlang der Fassaden von Shoppingmalls und Wolkenkratzern, neben einem der tosende Lavastrom des Straßenverkehrs. Zwischen den Malls erstrecken sich tiefe Slumtäler. Hier stolpert man nachts über die Füße von Obdachlosen, die in Alufolie eingewickelt auf der Straße schlafen, findet Bars, in denen Boxkämpfe zwischen Kleinwüchsigen dargeboten werden, und Karaokelokale, in denen man Truppen von Frauen, deren Kleider so eng sind, dass sie wie Zangen in ihre Oberschenkel kneifen, mieten kann, um mit ihnen koreanische Popsongs zu singen.
Tagsüber navigiert man zwischen Malls, Slums und Wolkenkratzern in einem Netz aus schmalen, von Menschen wimmelnden Gehwegen, die sich mitten in der Luft zwischen den mehrstöckigen Autobahnen entlangwinden. Man zieht den Kopf ein, um nicht an Pfeiler der Hochstraßen zu stoßen, taumelt angesichts der Kakophonie aus Hupen und Sirenen, die von der Straße hochtönt, und steht plötzlich in Augenhöhe vor einer Frau, die auf einem riesigen Werbeplakat Dosenfleisch isst. Diese Plakatwände findet man überall; sie trennen Slums von Wolkenkratzern. Von 1898 bis 1946 – nur unterbrochen von der japanischen Besetzung zwischen 1942 und 1945 – wurden die Philippinen von den Vereinigten Staaten verwaltet. Seitdem gibt es hier US-Marinestützpunkte, und das, was den US-Truppen als Verpflegung serviert wurde, ist zu einer Delikatesse geworden. Auf einem Plakat füttert eine glückliche Hausfrau ihren gut aussehenden Ehemann mit Thunfischstücken aus einer Konservendose. Anderswo hängt das Bild eines fetttriefenden, gebratenen Schinkens über einem dampfenden Fluss, in dem Straßenkinder baden; dahinter verspricht eine Leuchtreklame: »Jesus wird dich retten«. Es ist ein katholisches Land. Der fünfzigjährigen amerikanischen Kolonisierung ging eine dreihundertjährige spanische voran. »Wir hatten dreihundert Jahre Kirche und fünfzig Jahre Hollywood«, spotten die Filipinos. In Shoppingmalls gibt es Kirchen, in denen man beten kann, und Wachen, welche die Armen fernhalten. Manila ist eine Stadt mit 22 Millionen Einwohnern, aber so gut wie keinem öffentlichen Raum. In den übermäßig gekühlten Malls atmet man parfümierte Luft: In den billigeren, in denen sich eine Fast-Food-Filiale an die nächste reiht, dominiert Lavendel. Die schickeren duften leicht nach Zitrone. So oder so riecht es nach Toilette. Man wird den Latrinengestank nie los, ob durch die parfümierte Luft drinnen oder das Abwasser draußen."

Lisa: Interessanter Literaturhinweis. Danke! Die Einleitung finde ich allerdings problematisch: die Spanier habe den Fillipinos den Katholizismus und das Schweinefleisch gebracht, die Amis das Fast-Fast-Food. Beide haben den Philippinien ihr eigene Kultur ausgetrieben. Jetzt - und wie so oft - aus der Perspektive des Globale Nordens die krassen Missstände gefühlig auszubreiten (und zwar nur die) missfällt mir, gelinde gesagt.

Gunnar: Berechtigte Kritik, fürchte ich. Aber lies mal das ganze Kapitel, bitte.

(Ich habe keinen E-Reader und könnte das ganze Kapitel noch nicht lesen)


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