Bei Gunnar mit Miriam, Larissa, Sven und Stefan vor Ort sowie Tilmann und Maren aus der Ferne.
Emmanuel Mouret macht seit einem Vierteljahrhundert viel gelobte Liebeskomödien, 12 Stück bislang und wird wegen der Luftig- und Dialoglastigkeit dieser Filme oft mit Eric Rohmer verglichen. Hierzulande interessiert so etwas kaum noch jemanden, nur zwei seiner Filme haben es bei uns ins Kino geschafft und entsprechend selten taucht sein Name in den Feuilletons auf. Auslöser für mich seinen jüngsten Film im VC zu zeigen war die Besetzung einer der beiden Hauptrollen mit Sandrine Kiberlain, die ich immer toll fand (seit dem leider verschollenen En avoir (ou pas) von 1995) und lange nicht mehr gesehen habe.
Die Chronik einer flüchtigen Affäre wie der Film auf deutsch
heißen müsste, erzählt von Charlotte und Simon. Sie ist Single mit zwei
Kindern, er ist verheiratet, auch mit Kindern und sie wollen einander,
aber bitte ohne Verpflichtungen und große Gefühle. Wir sehen ausschließlich Szenen, in den
die beiden miteinander reden, streng chronologisch aufeinander folgend
und jeweils getrennt durch Schwarzfilm und eine kalendarische
Zuordnung. Die Überleitungen werden meist von klassischer Musik
begleitet, von Mozart bis Shostakovich. Am prominentesten kommt
allerdings Gainsbourgs La Javanaise in der Fassung von Juliette Greco
zum Einsatz: Im Vor- wie im Abspann und auch noch ein paarmal
dazwischen.
Wir sehen nichts sonst aus der Welt der beiden,
keine Freundinnen, keine Arbeitskollegen, keine Ehefrau, keine Kinder.
Wir sehen auch keinen Sex, um den es ja eigentlich geht, nicht einmal
einen Kuss.
Und am Ende werden noch einmal alle Orte gezeigt, an den sie sich getroffen haben, menschenleer.
Miriam
sagte gleich nach Ende des Films, dass sie gebannt zugeguckt habe, dass
es ein ganz wunderbarer Film sei, dass Kino so sein müsse, wenn es nach
ihr ginge, mehr brauche es nicht.
Larissa fand ihn auch toll,
mochte die Figuren, die sich angestrengt bemühen Sex und Liebe
voneinander zu trennen und dabei ihre Gefühle unterdrücken und
scheitern. Und sie fand es gut, wie selbstverständlich der Film seinen
Figuren das Recht auf sexuelle Erfüllung zugesteht: Da kommt nicht das
große Drama, keine Katastrophe wird durch das heimliche Verhältnis
ausgelöst, niemand muss leiden.
Auch ich war sehr angetan und
meinte, dass ich zu Beginn ein bisschen Sorge hatte, dass die Figur des
Simon ein bisschen zu karikaturistisch angelegt sei, dass ich dann aber
gefunden hätte, dass der Spagat zwischen Komik und Mitgefühl
funktioniert hätte.
Gegenwind gab's dann aber in der Telko aus
Berlin, Tilmann fand alles ganz öde, so öde, dass er gar nicht mehr
richtig zugucken mochte. Aber die Tirade von Charlotte gegen das Diktat
der Leidenschaft, die man empfinden müsse, hatte ihm gefallen.
"Leidenschaft ist doch ein Scheiß", trieb er es auf die Spitze. Auch Maren konnte nichts
mit dem Film anfangen, fand vor allem die Figuren unsympathisch und
unglaubhaft und hätte ohne VC-Umfeld sicher nicht zu Ende geguckt,
meinte sie. Wie Charlotte die Beziehung selbstbewusst starte, das sei ja ganz lustig, aber Simon vor allem sei völlig unerträglich und er trage ein unmögliches Sakko. Letzterer Aussage wurde von mehreren Seiten zugestimmt.
Sven hatte nach Ende des Films erleichtert
durchgeatmet, ihn interessierte das alles nicht die Bohne, er
verteidigte sich aber standhaft gegen die Unterstellung, dass das ja eh
klar gewesen sei, weil es ja wieder nur um westliche Luxusprobleme
gegangen sei. Das habe er auch nie über einen Film gesagt, lediglich von
Problemen von Menschen, die sonst keine Probleme hätten, habe er mal
gesprochen.
Miriam war über die ablehnenden Äußerungen ziemlich
entsetzt und fühlte sich als Alien, obwohl sich zwei exakt gleichgroße Lager
gebildet hatten. Umso interessanter war es, was der siebente in der
Runde, Special Guest Stefan, schließlich zu sagen hatte: Er habe sich zu
jeder Zeit gut unterhalten gefühlt und fand Vieles lobenswert,
aaaaaaber eigentlich sei die Geschichte natürlich völliger Quatsch und
man müsse sich dann eben doch fragen, warum man seine Zeit dafür opfere.
Völlig unrealistisch sei das alles vor allem, ein arbeitender Mann mit
Familie, der könne so ein Liebesverhältnis gar nicht haben und falls Charlotte Simon in der Anfangsszene nicht nur
etwas vorgemacht habe, mit ihren Äußerungen, dass sie keine feste
Bindung wolle, sondern Vergnügen suche, dann sei auch das unrealistisch, das sei ja nur ein feuchter Traum. Auch das Gerede der beiden sei viel zu geistreich.
Gemeinsam
haben wir noch gerätselt, auf welcher Seite des neu aufgerissenen
Grabens wohl die nicht anwesenden VC-Gucker gestanden hätten. Sehr schwer
vorauszusagen in diesem Fall, war die einhellige Meinung.
Über
die formalen Mittel (die von Tilmann geschmäht wurden) hatte ich mich
noch positiv geäußert, vor allem die auferlegte visuelle Nüchternheit gefiel
mir. Und die wenigen, hochemotionalen Momente, in denen sie auf einmal
aufgegeben wurde: Etwa als Simon darüber spricht, dass Liebe zum Glück
ja keine Rolle spiele bei ihnen und die Kamera gleichzeitig auf den
Hinterkopf der aus dem Fenster schauenden Charlotte zoomt. Stefan
wiederum fand genau das eher plump. Und Miriam nahm die
Auseinandersetzung zum Anlass für das schöne Schlusswort: "Und es hat
Zoom gemacht!".

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