Freitag, 9. Juni 2023

Dare mo Shiranai (Nobody Knows, Japan 2004, Hirokazu Kore-eda)

Zunächst dachten Andreas, Miriam und Tilmann, dass wir den Film schon gesehen hätten. Kinder, die von ihrer Mutter verlassen werden. Da wir außer „Maborosi“ und „After Life“ noch keine Koreeda-Filme geguckt hatten, war ich ziemlich sicher, dass wir diesen noch nicht kannten. Sein vierter Spielfilm, der 2004 seinem Hauptdarsteller Yuya Yagira eine Goldene Palme in Cannes einbrachte, zementierte, laut BFI-100-Japanische-Filme-Liste, Koreedas Status als „Festival-Darling“. Auf dieser Liste ist Koreeda mit noch zwei weiteren Filmen, „I Wish“ und „Shoplifters“, vertreten. Tilmann hatte allerdings 2021 „Treeless Mountain“ gezeigt, einen süd-koreanischen Film, in dem zwei Schwestern von ihrer Mutter, die den verschwundenen Vater sucht, zurückgelassen werden. Verwandte Thematik, ganz anderer Film. 

Der wurde dann von Andreas und Sven in Hamburg, Miriam, Tilmann und Maren in Pankow und Regina und mir in Kreuzberg unterschiedlich aufgenommen. Während Andreas und Regina genervt bis unbefriedigt waren, äußerte sich der Rest wohlwollend. Die Geschichte um einen 12-jährigen Jungen, der für seine drei Geschwister sorgen muss, nachdem die Mutter sie verlässt (wohl um ihren Liebhaber zu heiraten), wurde kritisch (als unrealistisch) betrachtet. Die nüchterne Betrachtung des langsam immer schlimmer werdenden Alltags der Kinder, die nicht richtig verstehen, was gerade passiert, wurde als bewegend und eindringlich empfunden. Langsam wird erzählt, wie den Geschwistern die wirtschaftlichen Grundlagen entgleiten; soziale Bindungen außerhalb der vier Wände flackern nur kurzlebig auf; kein Erwachsener übernimmt Verantwortung; die Kinder leben, durch von der Mutter auferlegte Verbote, die Schule zu besuchen oder überhaupt vor die Tür zu gehen, in ihrer eigenen Welt. Sehr traurig. Tilmann bemerkte, sie werden auch in ihrem weiteren Leben keine Chance haben, auch wenn am Ende die kleine Gruppe, erweitert um die neubefreundete Saki, wie selbstverständlich in das Filmende läuft. 

Ein kurzer Beitrag zu diesem, wie ich fand, dann doch schönen Film von Vorführer Jö.

 

6 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Ich hab' "Nobody Knows" gerade nachgeholt. Was für ein toller Film. Danke Jö. Die Erzählweise, die sich einerseits viel Zeit für Details lässt, die den Alltag der Kinder beschreiben und andererseits wesentliche Handlungsmomente einfach auslässt: großartig. Kann man noch reduzierter erzählen? Fast nichts ist im Dialog, alles nur Blicke, Gesten oder auch nur ein Stück vom Kleid der Mutter, das unter der Ritze des Schranks durchgezogen wird. Wir haben ja hier im VC in den letzten Jahren einige Filme gesehen, in denen Kinder ganz unglaublich gut spielen, so dass wir uns gefragt haben, wie das überhaupt möglich war, das zu drehen. "Estiu 1993" war vor allem in der Beziehung fantastisch. Aber die Darsteller von "Nobody Knows", allen voran der Junge in der Hauptrolle, die erreichen ja nochmal eine andere Dimension. Die Kombination aus der reduzierten Inszenierung und dem irrsinnig glaubhaftem Spiel hat mich umgehauen.

Ich weiß nicht, wann mich zuletzt ein Film dermaßen berührt hat. Wann ich zuletzt so mitgefiebert habe. Mitgelitten. Mich mit gefreut, wenn die vier doch noch alle draußen im Park sind. Oder das Mädchen aus der Nachbarschaft zu Besuch kommt. Ein Geheimnis scheint zu sein, dass sie ja offenbar eine wahnsinnig lange Drehzeit hatten. Die Kinder werden sichtbar älter, nicht nur die Haare wachsen. Es scheint wirklich ein Jahr vergangen zu sein, in dem die Crew und die Darsteller immer wieder aufeinandergetroffen sind und chronologisch in der selben Wohnung weitergedreht haben.

Das ist mal wieder so ein Film, nach dem ich weiß, warum diese Kunstform so toll ist. Nach dem ich mich wieder ganz neu begeistern kann. Das kommt nur alle paar Jahre vor. Wenn mich in den nächsten Monaten jemand nach meinem Lieblingsfilm fragt, weiß ich, was ich antworte.

Andreas hat gesagt…

Oh nein, jetzt fühle ich mich mal wieder schlecht, Stichwort "unsensibler Klotz". Musste erst mal überlegen, warum genau ich in Jös Eintrag in die Gruppe "genervt bis unbefriedigt" eingeordnet wurde, denn schlecht habe ich den Film eigentlich nicht in Erinnerung. Jetzt weiß ich's wieder: Mich hat die permanente Diskrepanz einer wirklich unglaublich realistischen Erzählweise – dazu hat Gunnar ja Kluges gesagt – zu einer an den Haaren herbeigezogenen, eben unrealistischen Geschichte genervt. Das muss einen natürlich nicht stören, aber bei mir war's halt so. Abgesehen davon werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr Gunnars prinzipielle, fast schon dogmatische Begeisterung für eine reduzierte Erzählweise, die ohne viel Dialoge auskommt, teilen. Kann man aus meiner Sicht machen, kann auch toll sein, aber es ist für mich kein Wert an sich. Tatsächlich bin ich heute sogar zu der Erkenntnis gekommen, dass mich bei Filmen tendenziell die Dialoge am meisten reizen. Besser kein Dialog als ein blöder, ist schon klar, aber gute Dialoge können mich auf eine Weise begeistern, wie es still erzählende Bilder, so toll sie auch gemacht sein mögen, nur selten können.

Gunnar hat gesagt…

zu "völlig unrealistisch":

"Nobody Knows was inspired by a 1988 Japanese incident known as the «Sugamo child-abandonment incident» (巣鴨子供置き去り事件, Sugamo kodomo okizari jiken). In short, what happened was that a woman abandoned her five underage children in a Tokyo Apartment for many months.

When officials entered the apartment, they found three severely malnourished children and the body of a deceased infant. Before long, Japanese authorities questioned the mother. Then, it came to light that the children had been alone for nine months and that a fifth child had been killed and buried in the woods.

Kore-eda took direct inspiration from the Sugamo child-abandonment incident when he made Nobody Knows. However, he did not focus on the specific details of the incident. Instead, he created an original narrative that focused on children’s emotional turmoil.

(Quelle: https://www.jcablog.com/post/nobody-knows-review-analysis#viewer-eo0sp)

Gunnar hat gesagt…

In Deutschland gab's auch einen Fall: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/familie/verwahrlosung-mutter-laesst-ihre-vier-kinder-fast-ein-ganzes-jahr-unversorgt-1437911.html

Gunnar hat gesagt…

Die reduzierte Erzählweise ist auch für mich kein Wert an sich. Sie hat bloß eine viel größere Wirkung auf mich. Informationen, die ich selber aus Bildern, Zusammenhängen und Gesichtern erschließe, scheinen eine größere emotionale Wirkung zu entfalten als Informationen, die mir einfach so mitgeteilt werden.

Gunnar hat gesagt…

"Nobody Knows" ist übrigens der Kore-eda-Film mit dem höchsten IMDb-Wert: 8,0.
Auf der ultimativen Meta-Liste mit von der Kritik bestbewerteten Filmen des 21. Jahrhundert ist taucht er als dritter Kore-eda-Film auf: Nach "Still Walking" (Platz 133) und "Shoplifters" (184) auf Platz 322. (Danach kommt noch "Like Father, Like Son" auf Platz 708). Ich freu' mich auf weitere seiner Filme. Außerhalb des VC hab' ich noch nix gesehen.