Freitag, 3. Dezember 2021

Wandafuru Raifu (After Life) (Japan, 1998, Hirokazu Kore-eda)

Dies ist der zweite Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda, veröffentlicht 1998, (und der zweite im VC) nach Maborosi, den wir im letzten Jahr sahen. Eigentlich hat der Originalfilmtitel eine andere Bedeutung als der englische (bzw. der deutsche Nach dem Leben): er müsste Wonderful Life heißen. Macht das mehr Sinn?

Kurz zusammengefasst: Die Handlung spielt in einem alten Gebäude mit altem Mobiliar, etwas heruntergekommen, mit der Anmutung eines alten Verwaltungsgebäudes. Hier werden am Anfang der Woche die Ergebnisse der Vorwoche und die Aussicht auf die kommende vom Chef angesagt. Sein Personal wird im Laufe der Folgetage Neuankömmlinge begrüßen – alles gerade verstorbene Menschen unterschiedlichen Alters – und sie auffordern eine wichtige Erinnerung zu erzählen. Die würde dann von einem Filmteam umgesetzt, als Geschenk für die Ewigkeit. Im Laufe des Films entwickeln sich zwei Handlungsstränge: Die Verstorbenen versuchen auf unterschiedliche Weise eine Erinnerung auszugraben. Die zweite Handlung setzt die Mitarbeiter*innen in den Fokus. Erst spät wird deutlich, dass auch die Mitarbeiter*innen tot sind; dass auch sie noch emotional agieren.

Thematisch setzt Kore-eda auf zwei Elemente: die Frage nach dem Umgang mit Erinnerungen und die Frage, ob Film / Video / Kino Erinnerungen adequat bereichern kann. Lustigerweise wurden einem der Kunden stapelweise VHS-Kassetten auf den Tisch gelegt, um ihm bei der Suche nach einer passenden Erinnerung behilflich zu sein. Später werden in einem Archiv olle Filmrollen aus Regalen gefischt. In beiden Fällen wirkt der jeweilige Film stark erinnerungsfördernd. 

Die toten Mitarbeiter*innen des Büros scheinen wie an einer Filmproduktion zu arbeiten. Es werden Skriptelemente notiert, Locations gescoutet, Handlungen subtil beeinflusst (einer Toten wird die Disneylanderinnerung madig gemacht – sie sei schon die 30. Jugendliche, die das mitnehmen wollen würde). 

Betrachtet man die Schaupieler*innenriege zeigt sich kinohistorische Intertextualität. Die Darstellerin der Prostituierten, Kazuko Shirakawa, ist in den 70ern in sogenannten Roman Porn-Filmen aufgetreten (Roman = romantic; also japanische Sexploitation). Kyōko Kagawa, die hier als Ehefrau von Ichiro Watanabe, des Mannes mit Erinnerungsschwierigkeiten, auftrat (und frühere Geliebte des Angestellten Takashi Mochizuki), ist mit Ozu- und Kurosawa-Rollen bekannt geworden. Die nachgestellten Szenen auf der Sitzbank sahen sehr nach 50er-Ozu-Kino aus.

Taketoshi Naito, der den Ichiro darstellt, spielte in über 70 Filmen in 50 Jahren (unter anderem von Kaneto Shindo, Kon Ichikawa, Keisuke Kinoshita). Der Angestellte wurde von Arata Iura gespielt, der neben anderen Filmen, auch in Kore-edas Air Doll, Distance und Like Father, Like Son spielt. Die junge Angestellte Shiori wurde von Erika Oda gespielt (1979 geboren mit eher kurzer Filmografie bei imdb). Den Systemverweigerer Yûsuke Iseya spielte Yûsuke Iseya, den wir als Yakusa-Ex-Schüler von Matsuko (Memories of) erlebt haben. Das junge Disneylandverliebte Mädchen wurde von Sayaka Yoshino gepielt, die auch bei Maborosi dabei war. Die alte Dame: Hisako Hara‘s (1909-2005) Filmografie reicht in die 30er zurück, darunter Black Rain von Shohei Imamura. Susumu Terajima, einer der Angestellten, wird von Takeshi Kitano gern als Yakusa gecastet; im VC: Takeshis'. und Scene at the Sea.

Uff. Genug der imdb-Recherche. 

Mich hat der Film begeistert. Wie in Shoplifters werden manche Beziehungskonstellationen erst später im Film offenbar. Als Zuschauer wurde ich immer wieder auf mein eigenes Erinnerungsverhalten zurückgeworfen. Der langsame Rhythmus und der tolle Schnitt wurden auch in der Runde hervorgehoben. Kritische Meinungen betrafen die Film-Film-Szenen, ohne dass dies dem Film abträglich sei. Im Großen und Ganzen schwankte die Meinung zwischen Begeisterung und (sehr) gut, wenn ich es richtig sehe. Die Idee wurde besonders von Rene gelobt, wir haben in der Telko über die Location gesprochen, die Emotionalität, die sich trotz der spröde anmutenden Struktur ergibt, das Spiel mit dem romantischen Mond, der Schnee, in dem sich emotionale Frustration entlädt.

Der Film machte Kore-eda international bekannt; gewann in San Sebastian den FIPRESCI-Preis (nix da Cannes). 

Ein bürokratisches Todesszenario hat Jean-Paul Sartre für Das Spiel ist aus (Filmskript 1943) erfunden. Hier musste man sich nach dem Tod registrieren; in der Nachwelt sieht man dann die Verstorbenen, wie sie die Gegenwart bevölkern und die Lebenden beobachten.

Mit dabei waren Andreas, Larissa, Miriam, Rene, Silke, Sven, Tilmann und Vorführer Jö.

2 Kommentare:

Rene hat gesagt…

Yes, was für ein toller Film und danke für den Super-Beitrag.
Somit hab ich was für die spätere Erinnerung.
Ein toller Moment für die Ewigkeit, hust!

Larissa hat gesagt…

Wow, was für ein toller Vortrag!
Ich habe beim Gucken nicht alles verstanden und freue mich eigentlich deswegen, weil ich den Film jetzt "lesen" konnte, mit all den akribisch recherchierten Artefakten.
Ich bin dein Zuschauer, Jö!

Das Thema fand ich sofort super interessant. Und natürlich stellte ich mir dieselbe Frage und fand keine Antwort darauf. Die Erzählungsform war für mich teilweise skurril (was ich mochte), manchmal sogar störend (das mochte ich weniger), aber die düsteren Bilder haben mein Herz sehr erfreut. Alte kalten Büros (ahaa, jetzt verstehe ich warum kalt - alle sind tot!), karges Mobiliar und das "Kinogebäude" kamen mir sehr vertraut vor. Diese Ähnlichkeit mit Raumästhetik aus meiner Kindheit hat mich sehr gewundert.
Es war schön zu erfahren, was für tolle Schauspieler mit dabei wirkten, aber ich glaube, ich muss Japanisch verstehen, um das Gespielte beurteilen und geniessen zu können. So geht's mir bei fast allen japanischen Produktionen.
Auf jeden Fall will ich jetzt endlich etwas für die Ewigkeit erleben.)