Freitag, 11. Juni 2021

Memories of Matsuko (Japan 2006, Tetsuya Nakashima)

In „10 Great Japanese Films of the 21st Century“, einer der vielen anregenden Filmlisten des British Film Institutes, schreibt Jasper Sharp, dass „Kamikaze Girls“ (2004) von Tetsuya Nakashima einen Umbruch hin zu einem „hedonistischen“ Stil im japanischen Kino vorwegnahm. „Memories of Matsuko“ sei mit seiner durch knallbunte Kitsch-Elemente und Musik-Einlagen bestechenden Erzählung über den Abstieg einer jungen Frau aber der interessantere von beiden. Da mir der frühere, ebenso durchgeknallte Film sehr gut gefallen hatte, stand dieser hier schon lange Zeit auf meiner To-Watch-Liste.

 

Thematisch werden die großen Themen angefasst: Träume (vom Leben) und die Frage nach dem „Warum?“ Aufhänger ist der ungeklärte Mord einer Frau; in der Rahmenhandlung bittet ein Vater seinen Sohn Sho, die Wohnung der Frau, seiner Schwester Matsuko, aufzulösen. Sho (Eita Nagayama) begegnet diversen Menschen, die etwas über die Vergangenheit seiner Tante erzählen, woraus sich eine Art Portrait der Toten entwickelt. Deren sozialer Wandel von junger beliebter Lehrerin, über Prostitution, Gefängnisaufenthalten mit inkludierter Frisörin-Ausbildung hin zur Yakusa-Braut und abschließender Messie-Alkoholikerin in psychologischer Behandlung wird immer wieder von musikalischen Tanz-Einlagen begleitet.

 

Der traurigen Geschichte, in der die junge Frau auf der Suche nach Liebesglück immer an falsche bis üble Gestalten gerät, von ihnen verachtet und geschlagen wird, aber trotzdem bei ihnen bleiben will, stehen überbordende Farben, Stilwechsel, poppige Musik (Bonnie Pink: Love is Bubble war eine Single 2006), überstilisierte Werbeästhetik und kitschige Animationssequenzen gegenüber. Das hinterließ bei der Mehrheit der VC-Gruppe einen überwiegend positiven, teilweise begeisterten Eindruck, auch wenn anfängliche Schwierigkeit in den Film reinzukommen (Andreas und Gunnar), die mit 2:10 Stunden lange Länge als etwas lang (Jö und Sven) und in meinem Fall die sich häufende Gewalt einschränkend angemerkt wurden.  

 

Für mich waren die visuellen Schlüsselszenen die Gefängnis-Choreographie und die Transformation der schwarzen Müllsäcke in Matsukos Wohnung in einen riesigen Schwarm schwarzer Krähenvögel. Die Referenzen an die Geschichte japanischen Kinos und TVs sind zahlreich: die Hauptdarstellerin Miki Nakatani scheint in manchen Einstellungen gerade weg aus einem Mizoguchi-Film entsprungen; die Sequenzen mit der Porno-Queen Megumi Sawamura (Asuka Kurosawa) beziehen sich auf die Romanporn-Zeit der 1970er Jahre, bei den Frauengefängnisszenen kam mir die seinerzeit sehr populäre Reihe von Filmen „Sasori – der Scorpion“ in den Sinn.

 

Die Hauptsdarstellerin Miki Nakatani (*1976) wurde mit dem Horror-Film „Ringu“ (1998) bekannt, nahm als Sängerin ab 1996 mehrere Alben mit Ryuichi Sakamoto als Produzenten auf (entsprechend klingt auch deren atmosphärischer Pop). Yoshiyoshi Arakawa, der den Friseur und zwischenzeitlichen liebevollen Partner spielte, kennen wir als Übersetzer von Vinnie Jones in „Survive Style 5 +“. Asuka Kurosawa (*1971) drehte mit Scorcese („Silence“, 2019), Sion Sono („Cold Fish“, „Himizu“) und nochmal mit Tetsuya Nakashima in dem dann auch nicht mehr so schön schrillen „The World of Kanako“ (2014).

 

Mit dabei waren Andreas, Gunnar, Larissa, Maren, Miriam, Silke, Sven und der Vorführer Jö. Larissa hatte sich während des Films verabschiedet, Abo, der spät dazu stieß, brach aufgrund von UT-Problemen schnell ab, in der abschließenden Telko besprachen Andreas, Jö, Miriam und Sven den Film. Maren bezeichnete den Film im Chat als „spektakulär“ und Silke will mehr von dem Filmteam sehen: Tetsuya Nakashimas Filme nach Matsuko beschreibt das bfi als glatt: ein kurzer Blick in „Kanako“ zeigt: der macht jetzt ganz andere Filme.

 

Mehr nicht für heute.

3 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

"Mehr nicht für heute." Wär auch nicht nötig. Das war der informativste und überhaupt beste VC-Blogeeintrag, den es bislang gab, find' ich.

Schwer reingekommen bin ich, weil mit die überbordendende, hektische, bewusst geschmacklose Inszenierung zu Beginn schlicht zuviel war. Und weil bei mir viele Gags nicht gezündet haben. Am Unlustigsten fand ich den Nachbarn mit dem Iro.

Rene hat gesagt…

Oha, dass hört sich ja nach einem "unbedingt nachholen" Beitrag an.
Ich werd's tun...
Danke dafür!

Rene hat gesagt…

Gut, dass ich an dem Abend nicht dabei war, denn ich kannte den Film bereits.
ist mir aber auch erst aufgefallen als Sho das Apartment der Tante leer räumt.
Hab ich aber auch gerne noch einmal geschaut. Harte Story, die auch wirklich bewegend ist, trotz der ganzen Gimmicks, die verwendet werden.
Toller Film - toller Eintrag