„Maborosi“ (1995) ist der erste Spielfilm des japanischen Regisseurs Harokazu Kore-eda, dessen Film „Shoplifters“ von 2018 seinerzeit mein Filmereignis des Jahres war. Eigentlicher Auslöser für eine noch etwas oberflächliche Recherche japanischen Kinos auf den Internetseiten des BFI, das derzeit einen japanischen Kinosommer startet, war jedoch „Pigs & Battleships“ von Shohei Imamura. Unter den BFI-Auflistungen von 100 Jahren Nippon-Cinema, 10 interessanten Filmen der 90er Jahre, bzw. 10x tolles Kino des 21. Jahrhunderts tauchen Kore-eda-Filme mehrfach auf, weshalb ich Lust auf seinen Erstling bekam.
Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Eine junge Frau, traumgebeutelt durch das Verschwinden ihrer Großmutter, für das sie sich verantwortlich fühlt, verliert ihren Mann durch Suizid. Zu dem Zeitpunkt haben beide ein 3 Monate altes Baby. Nach einigen Jahren geht sie eine arrangierte Ehe ein und zieht mit ihrem nun 3jährigen Sohn von Osaka an die Küste zu dem Mann, der offenbar auch seine Frau verloren hat und gemeinsam mit Tochter und Vater in einem Fischerort wohnt. Sie lebt sich langsam in die Dorf- oder Kleinstadt-Gesellschaft ein bis sie eines Tages nach Osaka zurückfährt, ihre Familie trifft und erneut mit dem Selbstmord des Ehemanns konfrontiert wird. Ihre offenbar verdrängte Trauer bricht nach der Rückkehr zu ihrer neuen Familie erneut aus.
Aber ist die Handlung zweitrangig. In dem Film passiert eigentlich nichts, weshalb nach der Hälfte der Zeit ein Kommentar im Chat „Ein Tor fehlt“ nicht unpassend erschien. Eine Besprechung, wiederum beim BFI nach Erscheinen des Films veröffentlicht und im Nachhinein überflogen, stellte den konsequenten Minimalismus heraus und die Verweigerung jeglicher hollywoodesker Kriterien für Emotion, Charakterentwicklung und Handlung. Gegen Ende ist eine Bushaltestelle zu sehen. Ein Bus kommt. Aber die Frau bleibt im Dunkel des Wartehäuschens sitzen.
In den Dialogen finden die Emotionen selten Ausdruck – die junge Frau (Yumiko, gespielt von Makiko Esumi) kann ihre Trauer zunächst gar nicht artikulieren, später nur über den Umweg eines ungerechten Vorwurfs an ihren zweiten Ehemann und schließlich offen ganz zum Schluss. Zwischen diesen Momenten sieht man die Frau meist im Dunkeln. Schatten, Dunkelheit, Winter, Sturm, raue See bestimmen weite Strecken der tollen Bilder. Einzig die kleinen Kinder erscheinen im hellen Tageslicht, springen, rennen, sind glücklich – auch wenn die Tochter des Mannes an einer Stelle offenbar am Grab ihrer Mutter innenhält.
Hauptdarsteller des Films, so wurde in der Gruppe mehrfach geäußert, ist die Kamera (beim Filmfest in Venedig mit einem Golden Osella Preis für die beste Cinematographie belohnt). Silke stellte einen Bezug zu Ozu her, den ich dann beim BFI so wiederfand – dort wurde kurz erwähnt, dass „Maborosi“ offenbar Kore-edas „most overtly“ Ozu-esquer Film sei.
Die Handlung ist einer Novelle von Teru Miyamoto entnommen, die es in englischer Übertragung gibt („The Phantom Light“). Der in Japan offenbar bekannte Autor ist nicht ins Deutsche übersetzt. Silke äußerte den Verdacht, die Geschichte basiere auf persönlichen Erfahrungen des Filmemachers, bzw. Autors – dazu konnte ich nichts herausfinden.
Harokazu Kore-eda wurde 1998 durch den zweiten Film „The After Life“ international bekannter. Thematisch siedeln seine Filme häufig in Familienkonstellationen, es gibt aber auch Ausflüge in Genres, die beim BFI als eher weniger interessant beschrieben werden. Von denen habe ich „Air Doll“ (2009) gesehen, weil die koreanische Hauptdarstellerin Bae Doona schon in dem wunderbaren „Linda Linda Linda“ (2005) von Nobuhiro Yamashita mitspielte. In Kore-edas Filmen nimmt das Inszenieren von Essen und Trinken eine starke Rolle ein (auch zu diesem Thema hat das BFI einen Online-Artikel) – hier war es eine Tasse Kaffee in der Bar, die Yumiko bei ihrem Osaka-Aufenthalt besucht. Auch eine Szene, die im VC beachtet wurde. Noch eine Beobachtung, die sich aus dem Film ergab: in Japan leben wenige Menschen.
Dabei waren: Andreas, Jö (Vorführer), Miriam, Rene, Silke & Andreas, Tilmann.
Jö
3 Kommentare:
Super, danke! Hört sich alles interessant an, werd' ich nachholen. Den Absatz mit der Inhaltsbeschreibung habe ich eben sicherheitshalber nach dem ersten Satz übersprungen. Den habe ich eh nicht verstanden, weil mir das Wort "traumgebeutelt" unbekannt ist. Googeln hat nicht geholfen. Es gibt nur 17 Treffer und in den Ergebnissen wird es meist verwendet, um Verwirrung nach dem Aufwachen zu beschreiben. Eigentlich gibt es auch nur 16 Treffer, weil das annoncierte Suchergebnis mit dem Titel "Die gefälligen Praktikantinnen in die Fotze gespritzt - Slingobox" das gesuchte Wort gar nicht enthält. (Kleiner Insider für den Autoren: Die Suche nach dem Wort "Glockwerk" zeitigt immerhin 3290 Ergebnisse!)
Sehr schön ge- und beschrieben - da muss man doch gar nicht Google benutzen, die kennen sich doch sowieso nicht aus.
Es war ein sehr wundersamer Film, äußerst laaangsam aber die Kamera war wirklich der Hammer. Tolle Bilder zu Hauf.
Was für ein wunderschöner Film! Hab' ihn gerade nachgeholt. Noch ein tolles Beispiel für große Wirkung durch zurückhaltende Mittel. War mein erster Kore-eda, ich bin völlig überrascht von dem strengen Stil und der großartigen Kamera. Danke! (Und traumgebeutelt ist eine passende Wortschöpfung, wie sich herausgestellt hat.)
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