Für mich war diese Woche klar: Einer muss dem italienischen Film weiter die Treue halten. Und weil der große Michel Piccoli gerade gestorben ist, fiel zu seinen Ehren meine Wahl auf einen legendären Film von Marco Ferreri. Super für den VC, dachte ich mir, denn es war klar, dass er höchst unkonventionell und keine leichte Kost sein wird. Alleine hätte ich ihn mir, genau wie Chantal Akermans "Jeanne Dielman", wohl nie angeguckt. Und auch wenn ich wusste, dass über weite Strecken – sechs Jahre vor Akerman – einer einzelnen Person bei alltäglichen Verrichtungen fast in Echtzeit zugeschaut wird, hatte ich auch die Hoffnung, dass das Ganze deutlich mehr Spaß macht, als die endlose belgische Hausfrauen-Tristesse.
Und so war's zum Glück auch. Piccoli, ein gelangweilter Gasmasken-Designer, kommt nach einem Arbeitstag in sein modernes, schickes Heim. Außer ihm ist auch seine Frau anwesend, die allerdings, von Schlafmitteln lahmgelegt, vor allem schläft. Unbekleidet natürlich. Und die im Haus wohnende Haushaltshilfe ist da. Sie tanzt halbnackt in ihrem Zimmer, bewundert die eigenen Beine und küsst den Sänger Dino auf dem Plakat über ihrem Bett. Und sie führt in Anwesenheit der Piccoli-Figur, die versucht gleichzeitig fernzusehen ein sehr lustiges Telefongespräch, das mehrere Minuten lang währt, obwohl sie nichts sagt außer: "Ja? .... fatalerweise? ... ich kann gerade nicht sprechen ... fatalerweise ... fatalerweise auf einmal zu Ende ...." und ansonsten nur gurrende und kieksende Laute von sich gibt. Irgendwann später in der Nacht weckt Piccoli sie, füttert sie mit Wassermelone und schläft mit ihr.
Abgesehen von diesen Momenten beschäftigt er sich allein. Etwa die Hälfte der Zeit ist er dabei nur mit einem umgewickelten Handtuch bekleidet. (Rene hoffte bei Telegram auf das Fallen des Handtuchs, während Miriam es fürchtete. Nicht jeder sieht gern Penisse.) Er kocht ausgiebig und isst und sieht fern und hört Musik und schaut sich bizarre Super-8-Filme an und kaspert dabei vor der Leinwand herum und fasst den projezierten Frauen an die Brüste. Vor allem aber fällt ihm beim Suchen nach Kochzutaten eine Schusswaffe in die Hände, mit der sich aaaaaaaaausgiebig beschäftigt: Er baut sie auseinander und reinigt die Einzelteile und macht eine Art Waffen-Salat mit Olivenöl und baut sie wieder zusammen und malt sie rot an, mit weißen Pünktchen und hängt sie zum Trocknen auf und posiert damit und macht "Peng"-Geräusche, wenn er auf dies und das in der Wohnung ziehlt und schließlich erschießt er in aller Ruhe seine schlafende Frau damit. Darauf folgt nicht etwa das Verwischen von Spuren und eine Flucht. Stattdessen gibt es ein wunderbar absurdes Ende: Am Morgen geht Piccoli im Meer schwimmen. In der Bucht liegt ein Segelschiff vor Anker und er bekommt die Gelegenheit den soeben bestatteten Schiffskoch zu ersetzen. Auf dem Weg nach Tahiti.
Den völligen Verzicht auf irgendwelche Erzählkonventionen fand ich durchgehend erfrischend, auch dem gelangweilten Piccoli beim Kochen zuzuschauen war seltsamerweise irgendwie fazinierend und dazwischen gab es immer wieder großartige komische Momente.
Für Interpretationen aller Art gibt's natürlich viel Raum, man kann sich über allgegenwärtige Massenmedien und ihre Wirkung auf das Individuum Gedanken machen oder Waffe und Gewalttat als Aufbegehren und revolutionären Akt interpretieren (immerhin haben wir 1969), aber man muss das zum Glück gar nicht: Nichts davon drängt sich wirklich auf und dieser Offenheit ist es zu verdanken, dass man den Film heutzutage noch gut anschauen kann, im Gegensatz etwa zu den didaktischen Godard-Filmen aus den späten Sechzigern.
Maren, die mit mir zusammen auf dem Sofa saß ging es ähnlich wie mir und wir haben viel gelacht. Andreas und Sven mochten das Experiment ebenfalls, während Miriam, Rene und Silke schon während des Films untentwegt bei Telegram gemosert und gewitzelt haben. "Ich denke, der Gastgeber kann froh sein, dass dies ein VVC ist, sonst wären drei Leute aus dieser Runde schon genug für einen klassischen Postfilm-Lynchmob", schrieb Silke gar. Was fanden die drei Mob-Teilnehmer nicht gut? Vor allem sei das alles langweilig, die Hauptfigur sei psychisch krank, hieß es und Silke störte sich am unmoralischen und frauenfeindlichen Verhalten der Hauptfigur, mit der man sich nicht indentifizieren könne. Das Ende sei schlecht, weil die Figur für ihr verwerfliches Handeln auch noch belohnt werde.
Wieder mal ein stark polarisierender Film. Gab's öfter in letzter Zeit, oder? Interessant wie weit wir oft geschmacklich auseinander liegen. Und wie sich die radikalen Bündnisse von Woche zu Woche neu bilden. In der einen Woche gehen die Feministin und die Antifeministin aufeinander los, um in der nächsten gemeinsam gegen den Martial-Arts-Vorführer Stellung zu beziehen, mit dem sie kurz darauf vereint im Lynchmob unkonventionelle Experimente, die den Bechdel-Test nicht bestehen, zu bekämpfen.
Jö hatte in der Vorwoche erwogen, den Film zu zeigen, war am VVC-Abend nicht dabei, aber hat ihn nachgeholt und fand ihn gut. Larissa kannte ihn schon und mag ihn ebenfalls. Tilmann hat angekündigt ihn nachzuholen.
IMdB: 7,1, #1477 bei TSPDT
5 Kommentare:
Wann sind die Feministin und die "Antifeministin" aufeinander losgegangen?
Hhm, stimmt das etwa gar nicht? Waren sich die beiden immer einig? Was sagt die "Feministin" dazu?
Ich glaub' "I Walk Alone" neulich fand die Antifeministin richtig gut und die Feministin richtig Scheiße, richtig?
Ach so, stimmt!
Toller Beitrag, und so sehr in meinem Sinne, dass ich ihm nichts hinzuzufügen habe.
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