Freitag, 5. Juni 2020

Uncut Gems (2019)

 

Nach 22 Jahren in der Gelegenheitsgastrolle habe ich mich von dem vorgelegten Eifer noch seltenerer Gäste mitreißen lassen und zum ersten Mal selbst einen Film gezeigt. Meine Wahl fiel auf einen Psychothriller aus der A24-Schmiede mit guten Bewertungen, von dem ich dachte, dass er garantiert für alle unterhaltsam ist. – Von wegen.

Uncut Gems (unsinniger deutscher Titel: Der schwarze Diamant) ist der neueste Film von den Brüdern Josh und Benny Safdie, von denen auch das Kleinkriminellen-Drama „Good Times“ stammt.  


 

 

Howard Ratner betreibt im New Yorker Diamant District ein kleines Schmuckgeschäft. Zu seinen Kunden zählen Rapper und Sportler, die ihm auf Provision tätige Vermittler zuführen. Der erfolgreiche Howie ist allerdings wettsüchtig, hoch verschuldet und wird von Gläubigern und Geldeintreibern verfolgt und bedroht. 

Als einer seiner Mittelsmänner, Demany (LaKeith Stanfield) gerade den Boston-Celtics-Spieler Kevin Garnett (spielt sich selbst) in den Laden gebracht hat, bekommt Howard einen großen Opal aus Äthiopien geliefert, versteckt in einem Fisch. Er glaubt, dass der noch unbearbeitete Stein eine Million Dollar wert ist und ihn aus seiner finanziellen Notlage befreien wird. Der Basketball-Star würde den vielfarbig irisierenden Opal gerne kaufen, weil er das sichere Gefühl hat, dass dieser ihm bei seinem nächsten Spiel Glück bringen wird. Howard will ihn aber nicht verkaufen, sondern bei einer Auktion am folgenden Montag versteigern. Er erlaubt Garnett jedoch, den Opal über Nacht mit nach Hause zu nehmen. Als Pfand nimmt er Garnetts diamantbesetzten Meisterschaftsring an sich. Howard verpfändet den Ring sofort, um mit dem geliehenen Geld die nächste Sportwette abzuschließen – schließlich weiß er ja, wer gerade einen ganz besonderen Glücksbringer bei sich hat. Und man ahnt es sofort: Das geht nicht gut aus.

 

 

Howard – gespielt von Adam Sandler – ist ein von Sucht und Angst Getriebener, der (meist von einer  Handkamera verfolgt) ständig irgendwo hin oder vor irgendwem wegrennt, mit Familienmitgliedern, Geliebter, Geschäftpartnern und Gläubigern jongliert, der fast ununterbrochen quasselt, schreit, beschwichtigt und in einem schwachen Moment auch mal heult. Immer mit starker körperlicher Präsenz, selten richtig da. Man kann sich nach den ersten zwanzig Minuten nicht vorstellen, dass der Film diese Intensität durchhält. Tumult scheint hier Konzept. Und doch folgt die Handlung einer klaren Logik – hin zu dem für Howard unvermeidlichen und für seine Geliebte überraschenden Ende. (Kleinere Atempausen gibt es allerdings auch, z. B. als Howard nach der Rückkehr von der Familienfeier und dem Halt beim Apartment, welches seine Geliebte gerade geräumt hat, bei seinem Haus die Mülltonnen an die Straße rollt.)

 

 

Konterkariert wird die Rast- und Ruhelosigkeit von der sphärisch-synthetischen Filmmusik von Daniel Lopatin, die das Zuschauen irgendwie noch strapaziöser macht, dafür aber zu den psychedelisch anmutenden Flügen durch das bunte Innere des Opals und Howards Körper passt.

Während Gunnar und ich zwar arg gefordert waren, aber viel Spaß hatten, fanden die übrigen Telko-Teilnehmer (Miriam, Rene, Silke, Tilmann) den Film in erster Linie anstrengend und nervig. Sven hatte sich schon zu Anfang der Telko verabschiedet, Jö und Claudia haben anscheinend gar nicht zu Ende geguckt. Larissa dagegen hat später angefangen und per Telegram gemeldet, sie sei begeistert. Immerhin! Von den Telefonierenden wurden aber zumindest einzelne Szenen gewürdigt, z. B. die, in der Howard versucht, seine Ehe mit Dinah (Idina Menzel) zu retten, und um eine zweite Chance bittet. Mit – diesmal – sanfter Stimme fordert er sie auf, ihm in die Augen zu sehen. Darauf hin schneidet sie ihm eine Fratze, stiert ihn an, gackert dann laut los und sagt: „Your face is so stupid.“ Und nachdem Howard ihr sagt, dass er seine Geliebte verlassen würde, die „trash“ sei, was er jetzt erkannt habe: „You know what, Howard, you are the most annoying person I have ever met. I hate being with you. I hate looking at you. And if I had it my way, I would never see you again.“

International taucht der Film auf vielen Jahresbestenlisten für 2019 auf, beispielsweise auf Platz 7 bei The Esquire, ebenfalls Platz 7 bei IndieWire, Platz 9 beim Guardian, Platz 12 beim BFI, Platz 9 bei Vulture, einer von 35 Filmen des Jahres beim New Yorker, Platz 5 bei The Atlantic  oder Platz 6 bei Varity.

Imdb: 7.5, Metascore: 90

Wer sich trotz allem für die Filme und die Bildsprache der Safdies interessiert, dem sei der Beginner’s Guide to the Safdie Brothers empfohlen.

 

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