"Tscherwonez" wurde von Vorführer Tilmann erfreulicherweise an einem VC-Abend vorgeschlagen, an dem ich nicht dabei war - hatte ich doch das Werk des Regisseurs Gábor Altorjay nicht nur schon in den 80ern im Fernsehen, sondern gerade vor ein paar Monaten mit Dirk, Dieter und Corinna im Abaton gesehen. So musste ich nicht Silke, Abo, Miriam, Maren und Rene das Vergnügen nehmen, diesen schönen Film zu schauen. Ehrlich genannt weiß ich aber gar, ob es für die Genannten wirklich ein Vergnügen war – aus den Telegram-Kommentaren geht das nicht hervor.
Dafür gibt es aber die Bewertungen von zweien aus unserem Kreis, die den Film nachgeholt und im Kanal kommentiert haben. Zuerst zitiere ich Jö:
Tscherwonez (1982) fand ich klasse. Hamburg, wie es nicht mehr aussieht, S/W in veränderlichen Farbnuancen und The Wirtschaftswunder-Musik = wunderbar.
Und dann Sven:
Wir
haben Tschernowez auch nachgeholt. Tolle Aufnahmen von Hamburg. Kennt
man fast alles. Wunderbar sinnlose Verfolgerei, viele lustige Ideen. Hat
echt Spaß gemacht. Nur die Tonspur, das war leider kein Spaß.
Diesen Wertungen möchte ich mich anschließen, wie es wohl auch der Autor des folgenden, anlässlich der Wiederaufführung in diesem Jahr in der "taz" erschienenen Artikels tun würde:
Ein Matrose wird gejagt
Die Stadt hat ihre Rolle: Der vergnügliche New-Wave-Film „Tscherwonez“ ist ein paar Mal in Hamburg zu sehen, wo er auch spielt
Von Alexander Diehl
In einem großen amerikanischen Auto umkreist ein Mann den Hamburger Fernsehturm: übers Heiligengeistfeld am noch unbegrünten Hochbunker vorbei und an lange verschwundenen Gewürzfabriken, hält er schließlich vor maroden Wohnhäusern im Karolinenviertel, die zur selben Zeit aber auch in Kreuzberg vor sich hinbröckeln hätten können. Als er aussteigt, hat der Mann ein Messer bei sich, einen krummen Dolch eher, eingewickelt in eine Zeitung. Wenig später zeigt sich auch, wessen Blut damit vergossen wird.In Schwarz-Weiß und schon deshalb an die französischen Nouvelle Vague erinnernd, ließ Gabor Altorjay 1982 seinen Spielfilm „Tschwerwonez“ eröffnen. Innercineastische Anspielungen gibt es dann noch reichlich in den folgenden anderthalb Stunden, am deutlichsten sind die Verweise auf Sergej Eisenstein und seinen „Panzerkreuzer Potemkin“. Dass wir es mit einer russischen, 1982 genauer: sowjetischen Thematik zu tun haben, ruft uns ja schon der Titel dieser obskuren New-Wave-Komödie zu: Die titelstiftenden Goldmünzen, bis Mitte der 1980er-Jahre sogar offizielles Zahlungsmittel, bekommen wir recht früh zu sehen: vom sowjetischen Matrosen Dimitrij (Tom Dokoupil) mitgebracht in, tatsächlich, so einer hölzernen Matrjoschka-Puppe-in-der-Puppe.
„Der Besuch im Viertel organisierter Prostitution“, ermahnt der Offizier aus dem Lautsprecher, „ist ein widerliches Produkt des Kapitalismus!“ Denn es steht Landgang an, für manchen an Bord ist es der erste im dekadenten Westen: Die Matrosenkinne sind rasiert, die Schuhe gewienert, und immer mit dabei ist das Männlein mit Hut und Regenmantel und der Prawda in der Tasche. Dem KGB-Aufpasser zum Trotz: Ausgerechnet in der fremdelnd aufgesuchten Filiale eines imperialistischen Bürger-Filialisten gelingt die Flucht, denn Dimitrij ist auf der Suche nach seinem Bruder, der sich so lange nicht mehr gemeldet hat.
Wie er dabei zwischen allerlei Fronten gerät, das erzählt Regie-Debütant Altorjay, eigentlich in anderen, mit „Fluxus“ beschrifteten Ecken der Kunst zugange, sehr vergnüglich in diesem Film mit Ideen für mindestens anderthalb. Die Stadt, damals noch herrlich ungentrifiziert – oder Ostblock-esk trüb und grau – spielt ihre eigene Rolle, ebenso der quirlige Soundtrack der – wohlgemerkt: Limburger – Neue-Welle-Band „The Wirtschaftswunder“ (deren Sänger Hauptdarsteller Dokoupil ja auch war). Wie die Hatz auf den abgefallenen Matrosen ausgeht, ist dabei eigentlich gar nicht wichtig.
Ansonsten lässt sich im Netz zu "Tscherwonez" nicht allzu viel finden (nicht mal ein Wiki-Eintrag), auch kein Filmplakat und so gut wie keine Fotos. Dafür kann man den Film an jeder Ecke gratis angucken. Sehr seltsam. Jedenfalls poste ich deswegen zwei schon anlässlich meines Kinobesuchs im April angefertigte Screenshots, die Ecken in Hamburg zeigen, die sich seitdem stark verändert haben.![]() |
| Das in "Tscherwonez"wohl meistgezeigte Gebäude: der Fernsehturm. Hier der heute gänzlich anders gestaltete Eingangsbereich. |
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| Und so sah der Baumwall vor den Zeiten von Gruner + Jahr aus. |
Die Musik in dem Film stammt, wie schon in dem Artikel erwähnt, von der deutschen Band "The Wirtschaftswunder", die einige in unserem Bekanntenkreis damals, also um 1982, gar nicht so wenig gehört haben (Stefan und Dirk z. B.). Was ich vergessen hatte, war, dass sie mal einen Auftritt bei "Bio's Bahnhof" hatten, also in der ARD zur besten Sendezeit. Ziemlich bizzarre und heute absolut nicht mehr vorstellbare Angelegenheit.
(Andreas)
Kleine Ergänzung im Oktober 2024: Jetzt ist mir beim Durchblättern einer "Sounds"-Ausgabe aus dem Juni 1982 doch noch eine Kritik zu "Tscherwonez" in die Hände gefallen, geschrieben von niemand anderem als meinem damaligen intellektuellen Idol persönlich, Diedrich Diederichsen (aka DD d. Ä.). Wollte ich euch nicht vorenthalten.



3 Kommentare:
Kleine Ergänzung, Oktober 2024: Jetzt ist mir beim Durchblättern einer "Sounds"-Ausgabe aus dem Juni 1982 doch noch eine Kritik zu "Tscherwonez" in die Hände gefallen, geschrieben von niemand anderem als meinem damaligen intellektuellen Idol persönlich, Diedrich Diederichsen (aka DD d. Ä.). Im Kommentar kann ich anscheinend keine Datei hochladen, deswegen habe ich das im Eintrag ergänzt. Über diesen Kommentar erfahrt ihr wenigstens davon.
😊
Danke für die DD Rezension
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