Heute mal in der kleinen virtuellen Runde, da die anderen mit Tanz- und Familien-Veranstaltungen beschäftigt waren und auch wenn Miriam kurz in der Eröffnungs-Telko reingeschaut hat, so blieb der Rest des Abends eine reine Männersache (mit Tilmann, Jö, Andreas und mir).
Ausgesucht hatte ich mir den Film "Rewers" von Borys Lankosz, von dem ich kürzlich eine Doku über Stanislaw Lem gesehen hatte.
Erzählt wird die Geschichte von dem Mauerblümchen Sabina im Warschau der 1950er Jahre. Als Angestellte des Kulturministerium (Abteilung Lyrik) ist sie innerlich eine leidenschaftliche, romantische Frau, nach außen hin aber eher schüchtern und etwas verklemmt.
Um sie vor dem Schicksal der alternden Jungfer zu bewahren, setzt ihre Mutter und die Oma alles daran, Sabina unter die Haube zu bringen und bis hierhin ist der Film eine nicht sehr beeindruckende Liebeskomödie doch als Sabina eines Abend in dunklen Gassen von bösen Rabauken belästigt wird und von dem äußerst gut aussehenden und attraktiven Bronislaw gerettet wird, ändert sich das Ganze.
Jö schrieb dann gleich in den Chat: "Der kann ja nichts Gutes im Schilde führen" - da war ich immer noch der Auffassung, dass die ganze Situation Einbildung, Tag- und Wunschtraum von Sabinka ist. Nein, Bronislaw ist real und er balzt und buhlt um die schüchterne Frau, dass sie (und ihre ganze Familie) sich Hoffnung macht, endlich Mr. Right gefunden zu haben. In der wirklich beeindruckenden Schlüsselszene verführt er sie, gesteht ihr seine Liebe und die Absicht sie zu heiraten, nur um fast im gleichen Atemzug zu erklären, dass er bei der Staatssicherheit arbeiten und von ihr erwartet, brisante Informationen über ihren Chef zu sammeln und abzuliefern. Hier bekommt es Sabina mit der nackten Panik zu tun und mehr will ich nicht verraten, um alle NICHT-Beteiligten des Abends dazu zu bewegen, sich den Film anzuschauen.
Ein Schlüssel-Element des Films ist eine Münze - ein Gold-Dollar, den die Mutter versteckt und nach einer Ankündigung der Zentralregierung den Besitz von Gold und ausländischer Währung unter Strafe zu stellen, nimmt sich Sabina der Münze an und da sie kein passendes, sicheres Versteck findet, schluckt sie die Münze immer wieder - natürlich nicht ohne sie vorher schön zu waschen und zu polieren, bevor sie in ihrem Inneren verschwindet. Als Bronsilaw ihr erzählt, dass er von der Münze und ihrer Routine weiß, ist dass ein wichtiger Schlüsselpunkt für die weitere Handlung - obwohl nie klar wird, woher er das wissen kann - aber der Staat weiß halt alles.
Der deutsche Titel wurde mit "Das Revers" übersetzt, was Tilmann mit Bronsilaws Parteiabzeichen in Verbindung gebracht hat, welches er unter dem Anzug-Revers getragen hat, um es bei Bedarf vorzuzeigen oder halt nicht. In dem deutschen Wikipedia-Eintrag steht aber folgendes:
Das polnische Wort "Rewers" bezeichnet die Rückseite einer Geldmünze (abgeleitet vom französischen revers). In dem Film hat ein Golddollar eine leitmotivische Bedeutung: Auf seiner Rückseite steht das englische Wort „Liberty“ (Freiheit). Der Titel des Filmes verweist somit auf den Wunsch nach politischer Freiheit, der in der Stalinzeit allerdings nicht ausgesprochen werden durfte.
Was natürlich auch Sinn macht. Uns hat der Film gut gefallen, nicht herausragend aber sehenswert. Der Abturner waren leider die Abschnitte, die in der Gegenwart spielen, die eher überflüssig und die Masken der gealterten Sabina einfach schrecklich waren. Positiv waren die schauspielerischen Leistungen von:
Agata Buzek (Sabina) - Andreas merkte an, dass sie dem Videoclub durch den Film "Valerie" bekannt sein sollte.
Krystyna Janda (die Mutter) - Jö hatte hier schon recherchiert, dass sie in einigen Kieslowski Filmen mitgespielt hat und
Anna Polony (die Oma)
Ein starkes Frauen-Trio und natürlich wurde der Bechdel-Test mühelos erfüllt - dafür hat dann auch die Münze gesorgt.
IMDb: 7.1

2 Kommentare:
Toller Eintrag, danke!
Dem kann ich mich anschließen. Die Einträge zu meinen bisherigen zwei Filmen in diesem Jahr wachsen und gedeihen und stehen kurz vor der Vollendung.
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