Freitag, 6. Dezember 2019

35 rhums (FR/D 2008, Claire Denis)

Bei Silke. Mit Rene und Gunnar.

Wie im Beitrag zu Später Frühling/Banshun (Japan 1949, Ozu) im Oktober angekündigt, kam heute der Denis-Film zwecks intertextuellem Vergleich. Doch, die Vater-Tochter-Beziehung weist schon eindeutige Parallelen auf, aber Rene – und wir anderen vielleicht auch – zeigte sich extrem genervt von der langsamen Erzählweise und der mangelnden Darstellung von Kausalzusammenhängen. Die Kamera war irgendwie desinteressiert an der Handlung wie ein Sofakissen oder ein Autoscheinwerfer – jedenfalls half sie nicht engagiert mit, dass die Zuschauerin versteht, was gerade eigentlich passiert. Wir, den wir den Ozu-Film als Folie im Kopf hatten, verfügten da schon über einen enormen Vorteil im Vergleich zur unbedarften Zuschauerin. Vielleicht lag das Wenigverstehen aber auch an unserem unverhältnismäßig hohen Quasselaufkommen gerade zu Beginn, das mit der Einnahme zuvor von Sonderedition-Keksen zusammenhängen könnte. So gesehen gut, dass Sven nicht da war; der hätte viel zu schimpfen gehabt.

   Da deutsches Geld drin war, mussten Vater Lionel und Tochter Joséphine dann noch einen Ausflug nach Lübeck machen, was Gunnar als extrem aufgesetzt empfand. Hier wurde die Schwester der verstorbenen deutschen Mutter der Protagonistin samt deren Grab besucht – niemand anders miemte die saucoole Tante als Ingrid Caven, die Exfrau und Muse von Rainer Werner Fassbinder. Scheinbar überhaupt eine Kultfigur, denn Wikipedia weiß zu berichten:
Ingrid Caven spielte 2010 die Hauptrolle in dem Musikvideo „Im Zweifel für den Zweifel“ der Hamburger Gruppe Tocotronic, deren Konzerte seit 2005 mit dem Abspielen des Chansons „Die großen weißen Vögel“ aus Cavens Album „Der Abendstern“ abgeschlossen werden.
Es spielte desweiteren in einer Nebenrolle Grégoire Colin, den wir 2017 als ganz jungen Kerl gesehen haben in Hollands Olivier, Olivier (1992) und der später ein Stammschauspieler von Denis’ wurde. Ihn heiratet in 35 rhums Joséphine am Ende – hier wird uns der Bräutigam also anders als bei Ozu gezeigt. Auch der Vater wird mit einer Frau flankiert – hier die Taxifahrerin Gabrielle, aber wie bei Ozu passiert da nichts weiter zwischen ihnen in der Erzählgegenwart.
       Der Titel hängt zusammen mit einem Trinkspiel (der gabunischen Gemeinschaft in Paris?), das zweimal gezeigt wird, das wir aber nicht verstanden haben. Beim ersten Mal trinkt der Vater nicht alle 35 Rum-Shots, am Ende auf der Hochzeit der Tochter aber schon.
    Die Musik stammte wie schon bei Denis-Filmen Nénette et Boni (1996) und Trouble Every Day (2001) von den Tindersticks. Sehr dezent aber hier, kaum zu erkennen.

imdb: 7,1
Metascore: 92
TSPDT 21st century: Platz 113

Fazit: Zu dem Film finden sich diverse enthusiastische Besprechungen; kann man nachholen, muss man aber vielleicht auch nicht.

4 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Wieso "saucoole" Tante? Ist das Ironie? Der Caven-Laber-Auftritt war quälend und peinlich. Uncooler geht's nicht, würde ich sagen. Sieht Rene genauso, schätze ich. Der hat jedenfalls schwer atmen müssen während der Szene.

Die Filmkritiker sind sich jedenfalls einig, dass das ein Meisterwerk ist. Wie schlimm werden dann wohl die nicht ganz so gut bewerteten Denis-Filme sein? Ich bin überhaupt nicht neugierig.

An unserer Unkonzentriertheit und dem Gelaber dürften die Backwaren völlig unschuldig sein. So schnell schießen die Preußen nicht.

Andreas hat gesagt…

Hm, hatte den Film, den ich damals im Kino gesehen habe, eigentlich ganz gut in Erinnerung. Langsame Erzählweise ist jetzt also auch bei uns bäh? Aber sag mal, Gunnar: Den hast Du doch damals auch im Kino gesehen! Über den albernen Lübeck-Bezug habe wir damals jedenfalls definitiv diskutiert.

Gunnar hat gesagt…

Nö, hab' ich damals nicht gesehen. Du erinnerst dich wahrscheinlich an ein paar Sätze aus der "Kinoprovinz":
"Wem NÉNETTE UND BONI, das schöne kleine Alltagsdrama von 1996 mit solchen schönen Szenen (Link), Vincent Gallo, Valeria Bruni Tedeschi und Musik von den Tindersticks schon zu langatmig war, dem wird der neueste Film von Claire Denis sicher nicht gefallen. Denn die unspektakulär erzählte Geschichte eines allein erziehenden Lokführers und seiner erwachsen werdenden Tochter verzichtet auf dramatische Zuspitzungen und erzählt vor allem mit Bildern: Kein Film, bei dem man gleichzeitig bügeln kann und trotzdem nichts verpasst. "35 Rhums entfaltet einen attraktiven Sog", schreibt Diedrich Diedrichsen in Cargo. Ich freu mich drauf. Irritierend: Der Filmförderung sei dank tauchen notdürftig vermittelt Ingrid Caven und die Hansestadt Lübeck auf der Leinwand auf.
Wer die Tindersticks mag, hat einen guten Grund für einen Kinobesuch; 12 Jahre und sechs Claire-Denis-Filme nach NÉNETTE UND BONI stammt die Musik wiederum von der britischen Band und erscheint diesmal nirgendwo auf CD."

Langsames, beobachtendes Erzählen kann toll sein. Aber irgendetwas Erzählenswertes braucht es halt auch.

Rene hat gesagt…

Ja, Rene hat ziemlich oft schwer atmen müssen...
Da wird einem die Frau von David Sylvian angekündigt und ich dachte, vielleicht verbirgt sie sich hinter dem ominösen Konzert, aber Pustekuchen.
Ich hab den Film nicht verstanden - saucool war noch nicht mal die Katze im Film und man hätte ihn auch "Reiskocher" nennen können, dann wäre da mehr Bezug zum Inhalt als 35 Rhums.
Ansonsten lustiger Abend mit Mrs. High und Mr. Stoned.