Bei Silke. Mit Rene, Gunnar und Miriam.Es ging weiter mit unserer kleinen internen Japan-Reihe, diesmal mit einem Familiendrama des Alt-Meisters Yasujiro Ozu. Die 27jähige Noriko führt ihrem verwitweten Vater, dem Professor Shukichi Somiya, den Haushalt. Sie war zuvor lange krank gewesen infolge der (Nach-)Kriegsumstände. Da ist die Frage eines alten Bekannten, ob man zugenommen habe, tatsächlich als Anerkennung und Kompliment zu verstehen. Ihre Tante meint denn auch, es sei nun hohe Zeit für sie zu heiraten, und präsentiert einen Kandidaten. Noriko aber will nicht; sie könne ihren Vater nicht allein lassen. Somiya behauptet daraufhin, selbst wieder heiraten zu wollen, und täuscht eine Beziehung zu einer jüngeren Frau vor. Noriko fügt sich daraufhin.
Später Frühling a.k.a. Late Spring bzw. Banshun ist der erste Teil der sogenannten Noriko-Trilogie neben Weizenherbst a.k.a. Early Summer bzw. Bakushu von 1951 und Die Reise nach Tokyo a.k.a. Tokyo Story bzw. Tokyo Monogatari von 1953. Chishū Ryū (der Vater) und Setsuko Hara (die Tochter) spielen in allen drei Filmen mit, auch wenn es sich nicht um dieselben Personen handelt. Das Familiendrama zähle zu den typischsten Filmen des Regisseurs, man könne Später Frühling geradezu als Urform bezeichnen, ist häufig zu lesen, wie der Film die später immer wieder behandelten Themen traktiert.
Einer der Hauptwesenszüge des Films ist Ambivalenz. Vater und Tochter entscheiden sich, entgegen ihrer eigentlichen Wünsche zu handeln, da sie das beste für den/die jeweils andere/n wollen. Ob Noriko aus Sorge um ihren Vater eine Heirat zunächst ablehnt oder sie mit der Erklärung ganz andere Motive camoufliert, darüber kann man nur spekulieren. Auch ob da was Ödipales ist, was Ozu deutlicher ausgestaltet hätte, wenn die Zensur ihn gelassen hätte – wer weiß. Nachdem Noriko ihren Bräutigam kennengelernt hat, scheint sie nicht weiter so vollkommen ungeneigt zu sein, wenn auch die Scheu vor der Ehe noch überwiegt. Ist es also letztlich gut, dass Noriko heiratet und ihren Vater verlässt, und es geht im Grunde nur um den Schmerz des Übergangs – Abschied vom Bisherigen und Unsicherheit gegenüber dem Neuen? Oder hätten sich Vater und Tochter besser frei gemacht von Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden? Die Entscheidung überlässt Ozu den Zuschauer*innen.
Weitere Spannungsfelder sind das traditionell Japanische versus die westliche Kultur, die mit der US-Besatzung ins Land gekommen ist – so werden etwa munter Kimonos mit Anzügen im Wechsel getragen. Die gerade neu eingeführte Option der Scheidung wird thematisiert in Person von Norikos Freundin wie auch der Weg einer traditionell arrangierten Heirat, in die Noriko schließlich einwilligt. Überhaupt viel Traditionelles wie die Teezeremonie eingangs, das Noh-Theater mit seinen intertextuell-sexuellen Bezügen zur Haupthandlung in der Mitte und vielleicht ja auch das ewige Hin und Her der Wellen des japanischen Meeres ganz am Ende. Ein weiteres Charakteristikum des Films sind in erzählerischer Hinsicht seine Ellipsen, also Auslassungen. Norikos Verabschiedung am Bahnhof wird ebenso wenig gezeigt wie der Besuch einer Kunstausstellung, der durch das Zeigen des Plakats scheinbar angekündigt wird. Vor allem der Bräutigam – der laut Norikos Tante Ähnlichkeit mit Clark Gable haben soll, aber nur untenrum, im Gesicht – wird uns Zuschauern vorenthalten, so dass wir ihr Urteil nicht überprüfen können.
In visueller Hinsicht entwickelt der Film eine sehr eigene Bildsprache und weicht sehr von üblichen Sehgewohnheiten ab – sei es der für Ozu typische pillow shot (oder die Mäuschenspielen-Perspektive, wie ich es nennen würde), die Schärfesetzung auf irgendwelche Gegenstände im Vordergrund statt auf die bewegten Figuren im Hintergrund oder die langen Einstellungen einer festgenagelten Kamera, in dessen tiefgestaffeltes Bild die Figuren in der Nebenzimmertür dann scheinbar zufällig auftauchen und wieder verschwinden.
Unvergesslich wird mir bleiben das alles überstrahlende Lächeln der Noriko-Darstellerin Setsuka Hara im allgemeinen und ihr glückliches Gesicht beim Radfahren im besonderen. Mich erinnert Glück dank Radeln immer an Ang Lees Eissturm, in dem Christina Riccis Mutter den SUV stehen lässt und ihren alten Drahtesel entstaubt, nachdem sie ihre Tochter zufällig auf dem Rad zur Schule beobachtet hat.Listenplätze:
- imdb: 8,3
- TSPDT-Liste: Platz 75
- Platz 15 in der Kritikerliste des BFI (taucht aber gar nicht auf in der Liste der Regisseure)
Claire Denis’ 35 Shots of Rum (35 Rhums) ist nach ihrer Aussage übrigens eine Hommage an Ozu. Lustig, den hatte ich für den Abend auch in die engere Auswahl gezogen, ohne davon zu wissen. Den gibt es dann demnächst. :-)
Wer mehr zum Film lesen will:
- Holland, Norman: Ozu's Style in Late Spring, Early Summer, and Tokyo Story (www.asharperfocus.com/Ozu-style.html)
- Der englischsprachige Wikipedia-Artikel ist angenehm eingehend: https://en.wikipedia.org/wiki/Late_Spring – hier wird der Bezug des Noh-Stücks zu Noriko erläutert und der Film sehr gelobt: „Late Spring has been referred to as the director's "most perfect" work, as "the definitive film of Ozu's master filmmaking approach and language" and has been called "one of the most perfect, most complete, and most successful studies of character ever achieved in Japanese cinema."“
1 Kommentar:
Zum Fahrradfahren fällt mir noch "L'Équipier" ein, "Die Frau des Leuchtturmwärters"; so der deutsche Titel, in dem Sandrine Bonnaire an der bretonischen Küste hin- und herradelt und den begehrenswerten Untermieter aus der Stadt anstrahlt. Haben wir mal im VC gesehen, irgendwann.
Eine schöne Fahrradfahrszene ist auch einer der wenigen Lichtblicke in "dem Jungen mit dem Fahrrad" von Dardennes, wenn ich mich richtig erinnere.
Beide Filme sind in der Mediathek verfügbar.
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