Freitag, 13. Dezember 2019

VC-Wandertag: Joker (USA 2019, Todd Phillips)

Im Savoy schauten Gunnar, Larissa, Silke und Sven die Comicverfilmung Joker basierend auf Figuren aus dem Batman-Universum. Die 70mm-Kopie hatte uns in die analoge Kino-Vorführung gelockt. Eindeutige Referenzen sind festzustellen an Scorseses Taxi Driver (1976) und The King of New York (1972) – der Hauptdarsteller in diesen beiden Filmen Robert De Niro hat denn auch hier eine wichtige Nebenrolle. Der Regisseur nennt hier noch mehr Bezüge.

Wir waren alle schwer angetan, obwohl niemand mit Arthur Fleck (beängstigend herausragende Darstellung von Joaquin Phoenix) einen trinken gehen wollen würde; Larissa schaute den Film sogar zum zweiten Mal nach einem Kinobesuch weit weit im Osten mit russischen Einsprechungen (sagt man so?) statt wie hier bei uns in deutschüblicher Synchronisation. Miteinander mochten wir aber schon einkehren, was uns im Dorf, einem versteckten Souterrain-Lokal in der Langen Reihe nach diversen Fluchten vor Weihnachtsfeiern dann auch gelang.

imdb: 8,1
Metascore: 59 (das meint: gelbe Ampel-Farbe!!! Erstaunlich, diese Differenz zu imdb)

Toll war auch der Score von der Isländerin und der sonstige Soundtrack; mich hat es besonders gefreut, Jackson C. Franks „My Name is Carnival“ wieder zu hören, dessen einzige Platte von 1965 (produziert vom US-Landsmann Paul Simon in London) ich vor Jahren mal vor dem Filmstart im VC gespielt habe:
When his name does crop up, it is usually with a heavy cognoscenti nod of approval: Vincent Gallo used his Milk and Honey on the Brown Bunny soundtrack, and Frank's I Want To Be Alone accompanies the eerie climax to Daft Punk's 2006 film, Electroma. […] Jackson Frank was a lot more highly thought of on the scene than Paul Simon was. But Paul Simon rose to fame and prominence and Jackson Frank just dropped into oblivion (www.theguardian.com/music/2014/jan/09/jackson-c-frank-tragic-tale-forgotten-60s-legend).
My Name is Carnival thematisiert der Joker-Protagonist Arthur Fleck später auch in einer Sitzung mit seiner Therapeutin: „I heard this song on the radio the other day. It was about a guy singing his name was Carnival. And that’s funny because that’s my clown name at work.“
   Der Soundtrack und insbesondere der Frank-Song ist ein Element vieler Besprechungen im Netz. Eine Auswahl:  
The song Arthur references, My Name is Carnival, is written by Jackson C. Frank, a cursed songwriter who only ever produced one album before deteriorating into physical and mental illness. Frank was diagnosed with paranoid schizophrenia and the very song Arthur references begins with a possible reference to this to the apophenia experience. […] In any case, Joker references this song alongside his declared realization that he exists. The implication is that he believes that the song – in some fantastic way – is about him. Perhaps it is. The song's lyrics are hard to understand, but read like a vague prophecy of the Joker movie. (My Name is Carnival von kingofsheba; www.reddit.com/r/joker/comments/dizy6g/my_name_is_carnival – der Autor liefert hier auch eine Übersicht mit den Lyrics und ihren Bezügen zu den Filminhalten.)
Jackson C. Frank was a largely unknown folk musician who suffered greatly with mental health issues that plagued him for decades. In 1965, he released a self-titled album that was produced by Paul Simon and released on Columbia. It would go on to influence a generation of musicians who heard his work, with the likes of Nick Drake, Bert Jansch, Simon & Garfunkel and Sandy Denny covering his songs. The second track on the second side is My Name is Carnival, evoking Fleck’s clown name before he changes it to Joker (How the ‘Joker’ Soundtrack Complements the Film’s Vicious von Jason Garber; www.slashfilm.com/joker-soundtrack).
Nick Drake hat gleich vier der Frank-Lieder privat aufgenommen: Kimbie, Milk and Honey, Here Come The Blues und das sicher bekannteste JCF-Lied Blues Run The Game – alle vier zu finden auf Drakes posthum erschienenen Album Family Tree. Und wenn man Lieder von Simon & Garfunkel parallel zu jenen von Frank hört, sind klar Anklänge festzustellen, meine ich: Sound of Silence etwa hat einen ähnlichen Gitarrenlauf wie Franks I Want to Be Alone. Beide Songs entstanden um 1964/65.
    Die Nutzung des Songs im Film erscheint so gesehen keinesfalls zufällig, sondern ist eine Referenz an Jackson C. Frank. Man findet sogar Aussagen im Netz, dass der fiktive Fleck (diesen Namen, erwähnt Arthur einmal, konnte er noch nie ausstehen) und der reale Frank so etwas wie zwei Seiten derselben Medaille seien. Seinen später im Batman-Universum notorischen Namen Joker wählt Arthur dann erst gegen Ende des Films infolge einer herabsetzenden Bemerkung der Robert-De-Niro-Figur.

P.S.: Gunnar wies uns noch hin per Mail auf den realen Ort der "Joker"-Treppe:
Zur Location: www.atlasofwonders.com/2019/10/where-was-joker-filmed-filming-location.html

4 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Danke für den Eintrag, insbesondere fürs Teilen der kleinen Jackson-C.-Frank-Recherche. Kleine Korrektur: Larissa hat den Film in einer synchronisierten Fassung gesehen, sagte sie nach kurzem Überlegen. Allerdings sei das Lachen von Phoenix nicht synchronisiert worden. Wenn das stimmt, düfte das ziemlich einmalig sein. Und Larissa wär' übrigens sicher nicht nur bereit mit Arthur Fleck ein Bier zu trinken. Verliebt habe sie sich in ihn, sagte sie nachher im "Dorf".

Zur Musik: Den Score fand ich persönlich gar nicht gut. Der war noch am nächsten dran am üblichen Blockbuster-Bombast. Dräuende Streicher in Mordslautstärke. Umso schöner die Popmusik-Einsätze.

Was den Einfluss von oder auf Jackson C. Frank angeht und Ähnlichkeiten zwischen dem Frank-Song und "Sounds of Silence": Der Satz "Beide Songs entstanden um 1964/65" hat mich provoziert auf Wiki nach den Aufnahmedaten zu gucken. "Sounds of Silence" wurde im März 1964 aufgenommen, das Frank-Album im Juli 1965. Produziert wurde das Frank-Album, wie du ja selbst weiter oben geschrieben hast, von Paul Simon höchstpersönlich und Garfunkel war ebenfalls im Studio anwesend. Wer da bei Ähnlichkeiten von Gitarre und Sound wen beeinflusst hat, dürfte wohl eindeutig sein.

Rene hat gesagt…

Hmmm, ein Blog-Eintrag der sich fast nur um den Soundtrack und um einen Song dreht? Ich glaub, den will ich nicht nacharbeiten :-D

Gunnar hat gesagt…

Alles andere steht ja schon sonst überall. Der Superheldenfilm für Leute, die keine Superheldenfilme mögen. Diesmal wirklich.

Silke hat gesagt…

Für "Joker" wurde Hildur Guðnadóttir im Janaur 2020 mit dem Golden Globe Award für die Beste Filmmusik augezeichnet – als erste Frau in dieser Kategorie überhaupt.