Donnerstag, 24. August 2017

Olivier, Olivier (FR 1992)


Bei Silke. Mit Gunnar und Sven sowie dem erstmaligen Gast Nora. Ihretwegen war die Wahl der Regisseurin kein Zufall: Agnieszka Holland ist eine Cousine von Noras Mutter.

Per Beamer zeigte sich leider eine unbefriedigende Qualität, da der Film eine deutlich geringere Auflösung hat als „Under sandet“, der super rübergekommen war an meiner weißen Wohnzimmerwand. Merde!

Ein Kind mit einer roten Kopfbedeckung soll der kranken Großmutter Essen bringen und lässt sich vom Weg abbringen. Kommt uns bekannt vor? Nicht nur zum Grimm-Märchen „Rotkäppchen“ gibt es intertextuelle Bezüge. Der Kommissar, der das Verschwinden von Olivier untersucht, erinnert an Heinz Rühmann aus „Es geschah am hellichten Tag“, denn auch dem französischen Pendent geht der ungelöste Fall nicht aus dem Kopf. Und als er Jahre später einen jugendlichen Straftäter befragen soll, der ein rotes Basecap trägt (s. Foto unten), so wie einst der kleine Olivier am Tag seines Verschwindens, ist er der Meinung, das vermisste Kind vor sich zu haben (bei ihm zu Hause hängt im übrigen ein Filmplakat von „Raiders of the Lost Ark“).
Rotkäppchen ist zurück. Aber ist es auch wirklich Olivier?
      Der gute Cop bringt den Jugendlichen zu den Eltern und der Schwester Oliviers. Schon vor dem Verschwinden war die Familie – nun ja – dysfunktional gewesen, danach trennten sich die Eltern infolge der wechselseitigen Vorwürfe wegen Oliviers Verschwinden. Nun kommen alle wieder zusammen. Während gerade die Mutter den Jungen unbedingt als ihren Sohn erkennen will, bezweifelt die große Schwester stark, dass es sich bei diesem um ihren verschollenen Bruder handelt. Sie verspürt allerdings eine starke Anziehungskraft und schläft schließlich mit ihm.
   Weitere Intertextualitäten, die mir auffielen:
  • Natürlich Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, Gleichnis Jesu aus dem Lukas-Evangelium. 
  • Die wahre Geschichte des französischen Bauerns Martin Guerre, der 1548 seine Familie verlassen hatte und dessen Identität einige Jahre später von einem anderen übernommen wurde. Seine Frau schien ganz zufrieden zu sein mit dem Ersatz, aber ein Verwandter wollte dem angeblichen Martin Guerre ein Erbe nicht überlassen und strengte daher einen Prozess gegen ihn an. Zu diesem Zeitpunkt tauchte der echte Martin Guerre wieder auf. Arnaud du Tilh wurde schließlich als Ehebrecher und Hochstapler gehenkt. Der Stoff liegt den Filmen „Le Retour de Martin Guerre“ (FR 1982) mit Gérard Depardieu und Nathalie Baye sowie „Sommersby“ (USA 1993) mit Richard Gere und Jodie Foster zugrunde. Der letzte, erst nach unserem Holland-Film erschienen, ist überzeugend transferiert worden in die Zeit der Bürgerkriegswirren in den USA. Der Plot, dass ein junger Mensch sich in eine Familie einschleicht, aus der vor vielen Jahren ein Kind verschwand, wurde übrigens auch in einem der besten Tatorte der letzten Jahre verwendet (https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Die_Wiederkehr).
  • Der Name des Jungen ist vielleicht aus Dickens’ Roman „Oliver Twist“ entlehnt, der ja auch auf einer Polizeistation verhört wird und ein verlorener Sohn ist, wie sich am Ende erweist.       
  • Vielleicht auch inhaltliche Parallelen zu Hitchcocks „Vertigo“?    
Am Ende kein Happy-ending, alles Hoffen um das Kind umsonst: der böse Wolf in diesem Fall ein Pädophiler; Rotkäppchens Tod wird traurige Gewissheit. Es ist ausgerechnet der falsche Olivier, der den Fall löst und den Täter überführt. Der falsche Olivier wird nun aber nicht aus der Familie geworfen, sondern vielmehr – als er selbst nun, oder weiterhin als Olivier oder als eine Mischung aus beidem – dauerhaft integriert, denn alle Zweifel sind nun beseitigt. Die Familie erscheint geheilt und ausgesöhnt trotz – oder wegen – des falschen Sohnes und Bruders.

Der Darsteller des älteren Olivier, Grégoire Colin, ist übrigens Boni aus dem Film „Nénette et Boni“ (FR 1996) von Claire Denis, zu dem Tindersticks einst den Soundtrack beigetragen. Der Vater wird von François Cluzet gespielt, den die eine oder der andere vielleicht in Chabrols „L'Enfer“ (FR 1994) gesehen haben.
        An Preisen gab es nur zwei: Die Darstellerin der Mutter Brigitte Roüan erhielt einen Preis als beste Schauspielerin auf dem Valladolid International Film Festival 1992. Und die Musik von Zbigniew Preisner wurde 1993 mit einem Los Angeles Film Critics Association Award ausgezeichnet für die drei Filme Trois couleurs: Bleu (1993),  The Secret Garden (1993) und eben Olivier, Olivier (1992); wenn ich das recht sehe, gewann er diesen Preis beindruckenderweise im dritten Jahr in Folge: 1991 für die Musiken für La double vie de Véronique (1991), At Play in the Fields of the Lord (1991) und Europa Europa (1990) sowie 1992 für Damage (1992). Wow, die als Europahymne geplante Komposition in Kieslowskis Blau-Film stammt von ihm?!?

Uhu oder Patex?
Viele Zuschauerrezensionen äußern sich positiv über den Film, bemängeln aber die übernatürlichen telekinetischen Fähigkeiten der Schwester, die die meisten erst gegen Ende des Films wahrnehmen. Schon die kleine Nadine jedoch kann Leute vom Rad fallen lassen oder Eier auf eine Weise auftürmen, für die unsereins eine ganze Tube Uhu brauchen würde (s. Foto).  
Uns allen gefiel der Film gut, auch wenn wir ebenfalls die magische Komponente doch recht befremdlich fanden. Bei mir hallte der Film noch lange nach; ich mochte die Bilder des flirrenden Hochsommers auf dem Land, die einen geradezu die Trockenheit der Felder riechen ließ. 

Hier einige Webseiten, die gute Besprechungen und Beobachtungen zum Film bzw. zur Regisseurin liefern:
Die Regisseurin, eine Verwandte
des heutigen Videoclub-Gastes Nora
Banane für den Affen, aber lieber
erstmal selbst probieren
Der Film lässt einiges an Fragen offen: Was sollte das mit dem Affen-Motiv? Warum dieses laszive Bananenessen? Welche symbolische Bedeutung kommt dem Kornfeld zu? Den Film kann man gut und gern noch einmal sehen, auch wenn man die Auflösung schon kennt. Vielleicht entdeckt man ja noch mehr intertextelle Bezüge und weitere Filmplakate an Türen oder Wänden …

2 Kommentare:

Silke hat gesagt…

Da Andreas heute kurz vor Jahresende als zuverlässiger Dokker – und wartender Vater – Blog-Grundinvertur zum Jahr 2017 machte, blieb ihm das Fehlen der Dokumentation des Films zum Datum nicht verborgen. So schrieb er:

„???
Was gab es eigentlich am 24. August 2017 zu sehen? Laut meinem Kalender fand an dem Tag eine VC-Sitzung bei Silke statt, allerdings ohne mich.

Nachtrag: Sehe gerade, dass Silke schon seit langem einen Eintzrag über einen Film namens "Olivier, Olivier" in der Pipeline hat. Warten wir also ab!“

Mein schlechte Gewissen obsiegte am selben Tag noch. Jetzt die Dokumentation des Films also im Haupteintrag. Damit haben wir das Jahr 2017 jetzt vollständig - das ist super!

Andreas hat gesagt…

Wow, was für ein Eintrag! Kein Wunder, dass das etwas länger gedauert hat. Klingt alles sehr interessant, hätte ich gern gesehen. Nora scheint Ihr aber nicht von den Vorzügen des Videoclubs überzeugt zu haben, oder?