Fortsetzung der italienischen Serie bei Gunnar, mit Silke, Sven und Andreas.
Angeknüpft an Pietro Germis "Sedotta e abbandonata" in der Vorwoche, diesmal der ultimative Stefania-Sandrelli-Film von Antonio Pietrangeli, dessen "Adua" schon einen guten Eindruck hinterlassen hatte.
Sandrelli gibt eine junge Frau aus dem ländlichen Sizilien, die es mit einer Filmkarriere in der neuen La-Dolce-Vita-Glitzerwelt versucht. Episodisch erzählt: die Männer an ihrer Seite und die Frisuren auf ihrem Kopf und natürlich auch die Garderobe wechseln unentwegt. Der Ton ist ist meist heiter, wird aber zunehmend düsterer bis zum Unhappy End.
Voll von unvergesslichen Szenen: Sandrelli mit Klacker-Schuhen im Bikini, die sich noch kurz auf dem Weg vom Strand zurück zum Job vom Gärtner abduschen lässt. Sandrelli bei voller Fahrt oben auf dem Auto im Werbesessel für ein Möbelhaus. Die Pferde im LKW, die wiehern und stampfen, im Bildhintergrund, nachts, auf der Kreuzung. Im Vordergrund liegt ein Toter auf der Straße. Der alte Ugo Tognazzi, der auf dem Couch-Tisch steppt und wider Erwarten nicht einen Herzinfarkt bekommt. Die Schauspielschüler, die im Stuhlkreis sitzen und eine immergleiche Wortfolge immer schneller wiederholen, während zeitgleich die Kamera in ihrer Mitte immer schneller rotiert. Der Werbedreh, bei dem wir nur Sandrellis Füße sehen können. Die Fönhaube auf Sandrellis Kopf und das kleine Kind der Nachbarin, das anfängt zu heulen, wenn sie das Ungetüm abnimmt. Der größere Junge, Sohn des Hausmeisters, mit dem sie tanzt und die Befangenheit und seine Aufgeregtheit und ihr Blick, als er hinausstürzt. Der Boxkampf im prunkvoll dekorierten, traditionellem Theaterbau. Die absurde Modenschau zwischen den Kämpfen und der Fotograf zwischen den Gästen auf den Stuhllehnen. Die blutige Lippe von Mario Adorf. Ihr Anruf für den Nichtsnutz, mit dem sie gerade im Bett war, bei dessen Angebeteter, weil deren Eltern auflegen, wenn sich ein Mann meldet, der die Tochter sprechen will. Ihre Fahrten mit dem Fiat 500 und Franco Nero im Blaumann in der Tiefgarage. Wie sie den Plattenspieler mit dem Fuß bedient. Und immer so weiter.
Alles immer nur ganz knapp und auf den Punkt erzählt, und schon geht's weiter.
Silke meinte, sie sei irgendwie nicht richtig reingekommen, wir anderen mochten den Film sehr. Eigentlich unverständlich, dass er nicht als großer Meilenstein und Klassiker allgegenwärtig ist.
Kennt aber kein Mensch mehr. Es gibt gerade mal neun Nutzerkommentare bei IMdB. Obwohl der Film im Rahmen der Criterion Collection wiederveröffentlicht wurde. Auf der Criterion-Website sind dann auch die nützlichsten Informationen im Netz zu finden.






Ist übrigens nicht der Dom von Siena, sondern von Orvieto. Umbrien also. Knapp daneben.

5 Kommentare:
Sandrelli-Interview über den Film von 2016: https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=SugP9u1rAAQ
Und ein neuer Trailer von 2016: https://youtu.be/_xt2jIx5IEM
Alles stark: Film, Schaupielerin, Plakate, Blog-Eintrag, Trailer. VC at its best, würde ich sagen!
Bin ich die einzige, die sich an Will Trempers "Playgirl" erinnert fühlte, der ein Jahr später erschien und den wir letztes Jahr im Juni bei Sven geshen haben? Anders als der Sandrelli-Film kann sich "Playgirl" aber unangenehmerweise mit Bewertungen nicht zurückhalten, was den ach-so unmoralischen Lebenswandel der weiblichen Hauptfigur angeht. Mit beiden nimmt es ja auch ein schlimmes Ende, wie wir wissen: Die eine stürzt sich - immerhin selbstbestimmt - vom Balkon, während die andere schlussendlich unter die männliche Faust gezwungen wird.
Nö, du bist nicht die Einzige. Wurde doch auch schon am Abend erwähnt, oder? Thomas Groh hat's auch gemerkt: "Dass der Film nahe Verwandte ausgerechnet im deutschen Kino hat, überrascht zudem: Man erinnert sich beim Schauen gelegentlich an Will Trempers tollen Berlin-Film Playgirl von 1966 oder an Klaus Lemkes schmerzhaft schönen Fotomodell-Film Sylvie (1973), auch und gerade dort, wo sich Unterschiede auftun. Wo Adriana naiv in ihr Unglück tapst, ist Sylvie acht Jahre später souveräner Medienprofi. Ich habe sie gut gekannt, dieser Film, der so wirkt, als hätte Michelangelo Antonioni sich am Erdbeersekt berauscht, ist ein kleines Wunder in Schwarz-Weiß.“
„Unter die männliche Faust gezwungen…“ Mannomann. Ich seh’ sie vor mir, die Faust, riesig, in so einem Stil wie auf Plakaten aus der Weimarer Republik, in rot, darunter sieht man die winzige zarte Frau, die gleich zermalmt wird. „Nieder mit dem Patriarchat!“ steht in Fraktur drunter.
Super Poster. Wo kann ich das kaufen?
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