Donnerstag, 29. November 2018

La commare secca (Bernardo Bertolucci, 1962)

Anlässlich des Todes von Bernardo Bertolucci am 26.11.18 haben wir sein Erstlingswerk von 1962 geguckt. Bei Gunnar, mit Silke, Miriam und Andreas. Laut deutschsprachigem Wikipedia-Eintrag bezeichnet la commare secca "im römischen Dialekt" den Tod.

Diesen gefunden hat eine Prostituierte am Tiberufer. Der Beginn des Films ist noch ganz wunderbar, da folgt die Kamera Flugblättern, die von einer Brücke geworfen werden dem Flussufer entlang und hält schließlich bei der Leiche inne. "Sieht eher nach Antonionis Italien aus", kommentierte Andreas. Der Rest hat uns allen dann eher wenig gefallen.

Es folgen Aussagen von Zeugen und Verdächtigen, die jeweils nur kurz in einer Verhörsituation gezeigt werden und dann aus dem Off heraus sehr weit ausholend erzählen, wie sie den Tag, an dem die Tat begangen wurde, verbracht haben. In allen Fällen handelt es sich um Halbwahrheiten und Lügen: Gezeigt wird mit filmischen Mitteln jeweils, wie es wirklich war.  Daraus ergibt sich ein Flickenteppich kurzer Alltagsschilderungen vom Bodensatz der Gesellschaft. Niemand hat Geld und niemand hat Arbeit abgesehen von Diebstahl und sonstiger Kriminalität sowie Prostitution und Zuhälterei. Die Struktur erinnert nur oberflächlich an "Rashomon", bei Bertolucci führen die gegensätzlichen Schilderungen zu keinerlei philosophischer Erkenntnis, aber am Ende problemlos zur Aufklärung des Mords. Nicht nur die verbalen, sondern auch die visuellen Schilderungen decken sich nicht, ohne dass klar wird, ob das beabsichtigt ist oder Schlamperei. Dazu kommen formale Diskrepanzen zwischen den einzelnen Episoden (unter anderem gibt es völlig unterschiedliche Musik, vom Tango bis zu reinem Percussionspiel), Albernheiten und technische Unzulänglichkeiten, insbesondere beim Licht, so dass das Ganze im Ergebnis eher unausgegoren wirkt. Die Regenszenen sind vielleicht die Schlechtesten, die ich je gesehen habe: Eine so grelle Mittagssonne mit klarem Himmel wird selten mit künstlichem Regen kombiniert.

Die Laiendarsteller machen ihre Sache mehrheitlich aber gut und von Reiz ist meines Erachtens die Darstellung des römischen Stadtrandes der frühen Sechziger Jahre mit Industrie- und Brachflächen, mit slumähnlichen Siedlungen und Neubaugebieten. Gedreht wurde fast alles in Ostiense im Südwesten. Die Location, die in allen Episoden vorkommt und mehrfach benannt wird ist der "Parco Paolino". Den gibt's auch heute noch (im Gegensatz zur Pferderennbahn Cinodrome), nur heißt er heute nach irgendeinem Kardinal "Parco Schuster". Viel wiederzuerkennen gäbe es aber eh nicht, da die Szenen im Park allesamt schlecht ausgeleuchtet bei Nacht gedreht wurden.

Beeindruckend war dagegen die Kamerafahrt im Tunnel unter den Bahngleisen, wo der Soldat zusammen mit zahlreichen Prostituierten vor dem angeblichen Regen Unterschlupf gesucht hat. Das sieht aus, als läge es noch weiter draußen, ist in Wirklichkeit aber ganz nahe am Viertel Quadraro, wo wir letztes Jahr bei unserem Romaufenthalt gewohnt haben (und durch Bewohnen einer reinen Airbnb-Wohnung zum beginnenden Absterben auch dieses noch lebendigen Viertels durch Tourismus und Gentrifizierung aktiv beigetragen haben.)

Rausfinden kann man so etwas wie immer bei italienischen Filmen recht leicht auf der Seite davinotti.com.

Von Bertolucci haben wir in diesem Jahr bereits "Il Conformista" gesehen. Im dazugehörigen Blog-Eintrag wird aus einem Interview mit Bertolucci zitiert: „Pier Paolo lebte lange Zeit mit seiner Mutter im selben Haus wie meine Eltern. Er hatte Gedichte geschrieben, Romane und Drehbücher, als ich ihn eines Morgens, ich war 19 oder 20, an der Tür traf. Er sagte: "Du liebst doch das Kino, richtig?" Ich sagte: "Ja, das stimmt." – "Okay, ich drehe bald meinen ersten Film, und du wirst mein Regieassistent sein!" Ich antwortete: "Aber Pier Paolo, ich habe das noch nie gemacht!" Und er sagte: "Ich auch nicht!" So bin ich jeden Morgen um sieben Uhr vom fünften in den zweiten Stock runtergegangen, habe an seiner Tür geklopft, wir liefen zur Garage, wo sein Alfa Romeo Giulietta stand, und fuhren zum Dreh. Wir besprachen unterwegs, was wir an dem Tag drehen würden, manchmal erzählte mir Pier Paolo, was er in der Nacht geträumt hatte. Ich war vollkommen verzaubert von ihm. Er war so ein Genie“

Der erste Film Pasolinis, von dem da die Rede ist, war "Accattone" gedreht 1961.  "La commare secca" beruht auf einem Treatment Pasolinis, das dieser auch ursprünglich selbst verfilmen wollte oder sollte. Der vierzigjährige Pasolini hat mit seinem Verzicht dem 21-jährigen Schützling von nebenan den Beginn einer Regie-Karriere ermöglicht. 

Ich hoffe noch auf einen Sedlmairschen Bertolucci-Nachruf. Wer vorher etwas lesen möchte: hier der Nachruf aus der SZ.

Der Film hat übrigens bei IMDB die Durchschnittswertung 6,9. Hätte ich mich an die Ohne-triftigen Grund-kein-Film-unter-sieben-Regel gehalten, wäre er uns erspart geblieben. Tschuldigung!

Vorab haben wir einen S/W-Kurzfilm Bertoluccis mit Valeria Bruni Tedeschi von 2002 gesehen: "Histoire d'Eaux". Hat uns besser gefallen als der Hauptfilm. Er erzählt eine indische Sage, aber in der italienischen Gegenwart. Die Sage soll mündlich bereits in "Prima della rivoluzione" vorgetragen werden, ein Bertolucci-Film von 1964. Trauen wir uns an den ran?

2 Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Mehr lässt sich zu diesem Film wirklich nicht sagen – Respekt! Nachruf auf BB kommt bald.

Silke hat gesagt…

Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Aber papperlapapp wegen der IMDB-Wertung: 6,9 ist quasi 7,0, wenn aufgerundet, und damit nicht vorführverhindernd, find ich. Allein wegen der formal interessanten Erzählweise und der – wie auch immer gearteteten – Unzuverlässigkeit hätte ich mich für den Film interessiert, hätte ich von ihm gewusst.
Interessant: Das damalige Greenhorn Bertolucci kannte "Rashomon" angeblich nicht ("in an interview Bertolucci denied having seen that film at the time." https://en.wikipedia.org/wiki/La_commare_secca).
Solche Klickerklacker-Schuhe wie der Mörder trägt doch auch Stefania Sandrelli zu Anfang von "Io la conoscevo bene", oder?

Und: Wie hieß noch mal der Vorfilm, auch von Bertolucci, mein ich? Den fanden wir alle deutlich besser als den Hauptfilm, richtig?

Und zu Nachruf auf Bertolucci; was ich ihm persönlich nie vergessen werde: Ich steh ja sonst nicht auf Verfilmungen von Romanen, die ich bereits kenne und liebe. "Himmel über der Wüste" von 1990 war da eine seltene Ausnahme, als ich ihn damals im Kino sah.