Donnerstag, 12. April 2018

Il conformista (Bernardo Bertolucci, 1970)



Bei Sven. Geguckt haben außer dem Gastgeber Silke, Jö und Gunnar.

Der erste allgemein aner- und wohlbekannte große Filmkunstklassiker in unserer italienischen Reihe. Nach dem Roman von Alberto Moravia.
Jean Louis Trintignant spielt einen Mitläufer des italienischen Faschismus, der sich nach Paris schicken lässt, wo er seinen ehemaligen antifaschistischen Professor umbringen soll.
Erzählt wird die gesamte Handlung bis kurz dem Attentat in Rückblenden und teils sogar in Rückblenden innerhalb der Rückblenden. Uns Zuschauer hat das es einige Mühe gekostet, bis wir die Puzzleteile richtig zugeordnet hatten.





 Das Ganze ist visuell und erzählerisch ambitioniert und mindestens interessant. Jö hat sich eindeutig positiv geäußert, er war insbesondere erfreut darüber, wie die faschistische Architektur eingesetzt wird und fand Gefallen an vielen raffinierten, ungewöhnlichen und verspielten Einstellungen. (Kamera: Vittorio Storaro, der im Anschluss eine internationale Karriere gemacht hat. Er war der Kameramann von „Apocalypse Now“ und ist auch immer noch tätig: Bei den letzten drei Woody-Allen-Filmen stand er hinter der Kamera.)

Jö machte auch auf die Szene mit dem Zebrakleid aufmerksam. Über letztere gibt es eine Anmerkung auf der ungewöhnlich ausführlichen deutschen Wikipedia-Seite zu dem Film: „Einer der meistdiskutierten Lichteffekte ist die Szene in Giulias Wohnung, wo die Lamellenstoren das einfallende Licht rastern und Giulia gleichzeitig ein zebragestreiftes Kleid trägt.  (…) Storaro selbst erklärte, dass er eine Bogenlampe zu wenig hatte, der Ausstatter erst in letzter Minute mit diesem Kleid auftauchte und die Kombination reiner Zufall war.“



Die von uns erst im Rahmen unserer italienischen Reihe entdeckte Schauspielerin Stefania Sandrelli („Divorzio all'italiana“ und „Sedotta e abbandonata“ von Pietro Germi, „C'eravamo tanto amati“ von Ettore Scolla und vor allem „Io la conoscevo bene“ von Antonia Pietrangeli) spielt die doof gackernde Frau, die die Trintignant-Figur in ihrem Bemühen um größtmögliche Mittelmäßigkeit heiratet, obwohl sie nur „fürs Bett und die Küche“ tauge. Kein Genuss für Sandrelli-Fans, weil sie in dieser Rolle höchst überzeugend ist.



Mehr Glück mit ihrer Rolle hatte Dominique Sanda, die als viel zu junge Gattin des Professors schlau und schön und stark und sexuell selbstbestimmt sein darf und die darüber hinaus in einem wuchtigen, tragischen Ende in einer der zwei beeindruckendsten Szenen des Films abtritt. (Die andere Szene wird auch von ihr bestimmt: Da tanzt sie mit Sandrelli Tango… Wir haben während des Films darüber gerätselt, ob und wo wir sie vorher schon mal gesehen haben. Die Lösung: Sie hat in Viscontis „Gewalt und Leidenschaft“ und in DeSicas „Garten der Finzi Contini“ mitgespielt.




Mein persönlicher Eindruck (Gunnar) bleibt zwiegespalten. Formal gefällt mir das Ganze zwar, aber ich finde die Geschichte völlig verquast. Die Verbindung von sexuellem Missbrauch, unterdrückter Homosexualität und Schuldgefühlen mit einer Charakterstudie eines Mitläufers ist einfach Mist. Wenn das gar eine Erklärung für den Faschismus sein soll, ist es ein riesiger Misthaufen. Auf Wikipedia wird  auch das Thema „ödipale Tragödie“ angeschnitten und es ist von „Platons Höhlengleichnis als kinematografische Metapher“ die Rede.

Angesichts der verklemmten homosexuellen und der ödipalen Aspekte habe ich ein wenig herumgegoogelt und versucht herauszufinden, ob’s bei Bertolucci nicht vielleicht ganz persönliche, biografische Parallelen geben könnte. Und siehe da: Als er noch zuhause gewohnt hat, wurde er vom schwulen Pasolini unter die Fittiche genommen: „Pier Paolo lebte lange Zeit mit seiner Mutter im selben Haus wie meine Eltern. Er hatte Gedichte geschrieben, Romane und Drehbücher, als ich ihn eines Morgens, ich war 19 oder 20, an der Tür traf. Er sagte: "Du liebst doch das Kino, richtig?" Ich sagte: "Ja, das stimmt." – "Okay, ich drehe bald meinen ersten Film, und du wirst mein Regieassistent sein!" Ich antwortete: "Aber Pier Paolo, ich habe das noch nie gemacht!" Und er sagte: "Ich auch nicht!" So bin ich jeden Morgen um sieben Uhr vom fünften in den zweiten Stock runtergegangen, habe an seiner Tür geklopft, wir liefen zur Garage, wo sein Alfa Romeo Giulietta stand, und fuhren zum Dreh. Wir besprachen unterwegs, was wir an dem Tag drehen würden, manchmal erzählte mir Pier Paolo, was er in der Nacht geträumt hatte. Ich war vollkommen verzaubert von ihm. Er war so ein Genie“ (Interview im Zeit Magazin)

In diesem Text hier wird wird sehr anschaulich beschrieben, wie sich homosexuelle Motive durch alle Filme Bertoluccis ziehen. Und ja, auch „Der letzte Tango“ gehört dazu. Eine überraschende Aussage von Ingmar Bergman wird erwähnt, die auch die berüchtigte Analverkehr-mit-Butter-Szene in einem andren Licht erscheinen lässt. Bergman: „Von ihren Brüsten abgesehen, ist dieses Mädchen Maria Schneider wie ein Junge. Der Film ist voller Frauenhass, aber wenn man ihn als Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einem Jungen sieht, dann leuchtet er ein“.

Vaterfiguren gegen die Bertolucci aufbegehrt hat oder hätte können, gibt’s gleich mehrere: Der leibliche Vater: „He loved all my movies for a simple reason - he felt as if he had done them. He loved his puppet, which is me, because I was very good at doing his movies. He thought he had taught me everything, which is true.“ (Bertolucci über Papa)
Dann natürlich Pasolini. Denn mit 21 bekam er zwar die Chance Regie zu führen, aber als reine Pasolini-Kopie, die eine Pasolini-Geschichte  umgesetzt hat.

Und schließlich Jean-Luc Godard, von dem er in seinen beiden folgenden Filmen stark beeinflusst war. Lustigerweise hat er im „Konformist“ den Professor und dessen Frau umbenannt. In Moravias Buch heißen sie Edmondo und Lina, bei Bertolucci Luca und Anna. (Wie Jean-Luc und seine damalige Lebensgefährtin Anna Karina.) Darüberhinaus wird im Film auch noch die Adresse und die Telefonnummer des fiktiven Professors genannt. Es sind die damaligen realen Adressdaten von Godard in Paris. „It was a message I was sending to Godard. It was like a game — but a pretty serious game. After all, the film's about a small Italian fascist who plans to kill his teacher and fuck his wife. Godard didn't take it well.“ (Bertolucci im Interview)

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Anmerkung von Jö per Mail: Dominique Sandas Auftritt in Gewalt und Leidenschaft ist offenbar so nebensächlich, dass ihr Name nicht bei den Credits auftaucht (siehe imdb).

Anonym hat gesagt…

Ein noch deutlicheres, wenn sicherlich auch nicht ganz ernst gemeintes Bertolucci-Zitat über den Godard-Bezug im Konformisten: "Well, maybe all that has some significance . . . I'm Marcello and I make Fascist movies and I want to kill Godard who's a revolutionary".