Ein aufwendiger, gut besprochender Film von Bong Joon-ho mit internationaler Besetzung über ein superhässliches Riesenschwein, dem die Verarbeitung zu Wurst droht und der sogar im Wettbewerb von Cannes gelaufen ist, obwohl er exklusiv bei Netflix gestreamt wurde? Ich hab' mich drauf gefreut, seit ich das erstemal in einem Cannes-Artikel zwei Sätze drüber gelesen habe.
War dann aber leider eine ziemliche Enttäuschung. Alle Verspieltheit und Skurrilität und abwechslungsreichen Tonartwechsel konnten nichts gegen die doofe Disney-artige Fabel ausrichten. Niedliche kleine Protagonistin rettet liebes, intelligentes Schmunzelmonster vor der bösen Königin (Tilda Swinton) und ihren Schergen (darunter ein supernervig in schlimmster deutscher Kinderfilmmanier chargierender Jake Gyllenhaal). Außer Silke, deren Urteilsfähigeit möglicherweise durch ihre Sympathien für die Anti-Fleischproduktionsbotschaft getrübt wurde, waren wir alle eher gelangweilt. Sichtbar wurde das auch durch den höchsten Anteil einschlafender Zuschauer, den wir bislang bei einem VC-Abend verzeichnen konnten. (Nur ein Drittel der Anwesenden ist durchgehend wachgeblieben – Silke und ich – während Andreas, Miriam, Sven und Maren phasenweise gar gleichzeitig sanft geschlummert haben.)
Bei IMDB hat Okja 7,4 und die Kritik findet ihn, wie gesagt, auch gut (Metascore 75).
Das liest sich dann zum Beispiel so:
"exciting, charming, sweet-natured" (Peter Bradshaw, Guardian)
"The human performers are all brilliant, but the movie belongs to its title character and her digitally conjured, genetically modified ilk. Okja is a miracle of imagination and technique, and “Okja” insists, with abundant mischief and absolute sincerity, that she possesses a soul." (A.O. Scott, New York Times)
"'Ojka' is an example of what popular cinema used to be. It's engrossing from start to finish, and masterfully juggles tones that might have caused viewer whiplash in a less carefully imagined work. It has a strong moral vision and stands as an example of political filmmaking aimed at the widest possible audience. (...) At a point in movie history where entertaining movies often stand for nothing and films with something to say keep forgetting to entertain us, this film's balancing act is remarkable. "Okja" never allows its philosophical and ethical interests to shove drama or comedy off to one side. The girl and her pig are usually front and center. When they aren't, it's their love that we're thinking of. And this is a love story, after all." (Matt Zoller Seitz, rogerebert.com)
Alles Autoren, auf deren Urteil man gemeinhin etwas geben kann. Silke befindet sich also in guter Gesellschaft und ist auf Seiten der großen Mehrheit.
Mir spricht dagegen Stephanie Zacharek (Time Magazine) aus dem Herzen, deren Text die einzige negative Kritik ist, die von Metacritic gelisted wird. Sie berichtet von Cannes wo der Film offenbar sehr warm mit viel Beifall aufgenommen wurde: "The film was met with cheers, and not a single boo. (...) I felt alone in the wilderness of cheering", schreibt sie. Und weiter: "Okja stands firmly against many things that plenty of us don’t like: Big, greedy corporations, GMOs, people who seek to run whole countries as if they were businesses, and basic human cruelty. But this is one of those films where we’re persuaded to love the creature in question, only to see it abused so the filmmaker can drive home his points. It invites viewers to cheer the bad guys and feel superior for doing so. Yet it’s a film that, behind its veneer of winsome adorableness, seems to express contempt for just about everyone.
At one point Swinton’s craven CEO cackles over how popular her superpig meat is going to be among the masses: 'If it’s cheap, they’ll eat it.' We’re supposed to laugh because, conveniently, we’re not those people. Okja takes the worst impulses of Walt Disney, Wes Anderson, Tim Burton and Michael Moore and rolls them into one movie. Poor, poor Okja. As a movie creation, she’s inventive and lovely. And she’s saved from the worst, thank God. But in the end, she’s sacrificed at the altar of self-congratulation. Maybe it’s a worse fate.
Stephanie Zacharek haben offenbar auch die früheren Filme von Bong Joon-Ho nicht sehr gefallen. ("Bong’s style is broad and exaggerated, often garishly so. His comedy is often lacerating, and he hop-scotches among genres and moods in a single film.")
Uns dagegen schon. Bis auf sein Debüt und "The Host" (den Andreas und ich im Kino gesehen haben und toll fanden) haben wir alles von ihm im VC gesehen. Hier die Trailer zur Erinnerung:
Und ein Ausschnit aus"The Host" (Untertitel lassen sich manuell unten einschalten):

3 Kommentare:
"'Okja' takes the worst impulses of Walt Disney, Wes Anderson, Tim Burton and Michael Moore and rolls them into one movie." Den Satz Zachareks fand ich toll. Ihre Argumentation vorher hätte ich mir vielleicht richtig durchlesen sollen, bevor ich behauptet habe, sie spräche mir "aus dem Herzen". Wenn ich das richtig verstehe, ist's ihr sogar zu wenig Schwarz-Weiß-Malerei bzw. zu zynisch. Man soll 100 Prozent auf Seiten des Opfers und der Guten sein. Dass auch mal mit den bösen Konzerntypen gelacht wird und dass die Tier-Aktivisten durchaus lächerliche Züge haben stört sie offenbar. Das sind in meinen Augen aber gerade positive Aspekte...
Wieso muss ich eigentlich selbst die Gegenrede halten? Das liest offenbar wieder keiner...
Doch, doch, hab's gelesen und mich mindestens schon mal bei der Namensaufzählung gewundert. Disney und Michael Moore - ok, aber warum Burton und Anderson?
Burton wegen der Exaltiertheiten, schätze ich: Insbesondere der Tier-TV-Kaspar ist ja geradezu eine schlechte Kopie von so einer Tim-Burton-Johnny-Depp-Figur wie Willy Wonka. Und Wes Anderson etwa wegen der überraschenden Musikauswahl und der Art des Einsatzes. Balkan-Blasmusik zu Action-Szenen? Eine überraschend und schöne John-Denver-Ausgrabung während sich minutenlang alles nur noch in Zeitlupe bewegt? Überhaupt war das eine lupenreine Wes-Anderson-Zeitlupe, oder?
https://www.youtube.com/watch?v=XawA7O46yJM
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