Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder, Raymond Chandler
Buchvorlage: James M. Cain
Diese Konstellation allein versprach Hochgenuss. „Frau ohne Gewissen“, so der parteiische deutsche Verleihtitel, gilt zudem als einer der wichtigsten Klassiker des film noir – also ziemlich erstaulich, dass die Gastgeberin den durchbekommen hat, denn klar: einige, vielleicht sogar alle hatten den schon gesehen früher mal, aber wir konnten uns merkwürdigerweise nicht an viel erinnerten. Wohl weil unsere frühere Sichtung keinen sonderlichen Eindruck hinterlassen hat – wie auch an diesem Abend. Der Film geht prinzipiell schon ok, aber wir waren uns einig, dass wir von Billy Wilder eigentlich mehr erwartet hätten und der Film mit 8,3 bei imdb deutlich überbewertet ist.
Die Architektur des Films mit seiner Rahmenhandlung basiert auf einem typischen literarischen Aufbau: Ein angeschossener Walter Neff spricht in ein Diktafon
sein Geständnis und adressiert sich dabei direkt an seinen älteren Kollegen Barton Keyes. Seine Erzählung geht bald in eine Rückblende über, bis wir wieder den erzählenden Neff am Diktafon sehen, seine Erzählung also die Gegenwart
eingeholt hat, die Handlung dann weiter geht und schließlich zu
einem Abschluss kommt. Es ist also weitgehend seine subjektive Darstellung der Ereignisse und der Rolle von Phyllis Dietrichson dabei. Fred MacMurray, ein eher blaßer Hauptdarsteller, fanden wir, und auch seine Figur macht nicht die besten Witze. Seinen Namen Walter Neff etwa erklärt er mit “two f's--like in Philadelphia” – haha. Das macht Heinz "Pfeiffer-mit-drei-f" Rühmann in der „Feuerzangenbowle“ besser.
Barbara Stanwyk, die Hauptdarstellerin, ist mit ikonischer, aber eigentlich absurder Blondtollen-Perücke zu bewundern. Fand auch Wilder irgendwann zu abgedreht; da hatte er aber schon zu viel im Kasten, als dass er das noch hätte ändern zu können.
Manchmal blitzte zu unserer Freude Wilders Humor durch Chandlers knallharte Dialoge, wenn zum Beispiel der verletzte Neff schlußendlich fliehen will, aber vor dem Fahrstuhl zusammenbricht und zu seinem Ziehvater Keyes (Edward G. Robinson) sagt: “Only somebody moved the elevator a couple of miles away.” Gunnar erfreute sich besonders an der detaillierten Anweisung von Keyes an einen lästigen Klienten, wie dieser durch die Tür zu verschwinden habe. Wir alle mochten Phyllis Dietrichsons nonchalante Lässigkeit, als sie an Walters Tür klingelt mit der Erklärung, er habe seinen Hut bei ihr liegen gelassen, aber ganz offensichtlich mit leeren Händen da steht. Man zitiert nur noch die übliche Erklärung, der Hut selbst ist gar nicht mehr nötig; beide Seiten wissen auch so genau, warum sie eigentlich da ist.
Ikonisch ist sicher auch die Szene, in der Phyllis Dietrichson sich versteckt vor Keyes hinter der Tür und am Knauf zieht, den Walter Neff von der anderen Seite hält, um ihm zu signalisieren, dass sie dahinter ist. Wie schade, das Wohnungstüren heutzutage nach innen aufgehen.
Rene fühlte sich sicher nicht zu Unrecht erinnert an „Tote tragen keine Karos“; das hat er mit diesem Autor gemeinsam: https://davelandblog.blogspot.com/2014/04/double-indemnity.html. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist dies die besonders verhohnepiepelte Szene, in der sich die beiden Täter – vollkommen unauffällig natürlich – zwischen Supermarktregalen besprechen:
Kollege Keyes ist die dritte Hauptfigur. Wer will, kann hier freudsch werden – geht es eigentlich um die Liebe zwischen zwei Männern oder zumindest um eine Art Vater-Sohn-Beziehung:
“The only family Keyes or Neff has is the other man. Father-son with no woman. Non-sex with Lola leads to a moral act. Sex with Phyllis leads to murder and death. Talk to father leads to repentance.” (www.asharperfocus.com/Double.html)So sind denn auch Neffs letzte Worte gerichtet an Keyes, “I love you too.” Im Vergleich: Phyllis Dietrichson offenbarte Neff kurz zuvor: “I never loved you, Walter. Not you, or anybody else. I’m rotten to the heart.”
Wer sich wunderte, warum nicht alles, was relevant war im Film, auch zu sehen war:
Feministische Ausführung über die Dämonisierung der Frau mittels der Femme-fatale-Figur in diesem Film als Ewige-Eva-Verführerin des eigentlich guten Mannes zum Bösen, die es am besten zu vernichten gilt – eine Motiv-Linie, die mindestens noch bis ans Ende des 20. Jahrhunderts reichte mit Fatal Attraction und Basic Instinct –, spar ich mir an dieser Stelle mal.“One of the marvelous touches in this film came from Wilder coping with the Code. It tabooed showing a murder in detail. So, when Neff, hidden in the back seat, is breaking Dietrichson’s neck in the passenger seat, Wilder points his camera not at Dietrichson or Neff, but at Phyllis who is driving. Stanwyck/Phyllis quietly smirks as she hears her hated husband die. Wonderful acting, but the shot also has all the major themes of this film: transport, the evil of woman and sex, the body. There are touches like this all through the film.“ (www.asharperfocus.com/Double.html)
Double Indemnity findet sich auf der TIME-Liste, die die besten 100 Filme seit 1923 listet: All-TIME 100 Movies Zu meiner Freunde findet sich hier auch das kleine B-Movie Detour, das ich vor nicht allzu langer Zeit gezeigt hatte und zu dem wir schon an dem Abend Vergleiche gezogen hatten. Hier wird auch gelobt Barbara Stanwycks Darstellung in Double Indemnity unter nur 10 Nennungen von Great Performances.
Hier noch links das schöne deutschsprachige Filmplakat.
(sl 15.11.2018)





3 Kommentare:
Danke für den ausführlichen Eintrag.
Eine Anmerkung: Double Indemnity steht so ziemlich auf JEDER Bestenliste. Platz 90 bei den IMDB-Top 250. Platz 137 bei der hier schon häufig erwähnten Metaliste TSDPT. (Detour da bei fünfhundertirgendwas.)
Unsere kollektive VC-Wahrnehmung steht also in bemerkenswertem Gegensatz zum allgemeinen Konsens.
TSDPT:
http://www.theyshootpictures.com/gf1000_all1000films_table.php
Seltsam, der eigentlich eher negativ gemeinte Blog-Eintrag macht mir total Lust, den Film nochmal zu sehen. Beim ersten (oder zweiten?) Schauen um das Jahr 2000 habe ich ihm jedenfalls 8/10 auf IMDb gegeben. Übrigens hatte ich einige Monate zuvor versucht, "Double Indemnity" im VC zu zeigen, aber die Viodeokassette war defekt, und ich musste irgendetwas anderes rauskramen.
Was die feministischen Ausführungen zur Femme Fatale angeht, die du dir gespart hast, gibt es einen frischen Ansatz von Julie Grossmann mit dem sich wenigstens einer oder eine von uns beschäftigt haben sollte, bevor wir uns dem Thema spätestens beim nächsten Noir oder Neo-Noir im VC widmen.
Kommentar veröffentlichen