Freitag, 31. August 2018

American Honey (UK/USA 2016, Andrea Arnold)

Bei Silke. Mit Sven, Miriam, Gunnar und Maren sowie Ute endlich mal wieder. Andreas und Elisa nehmen an der Warmlaufphase teil, machen sich dann aber vor Filmstart wieder aus dem Staub.

An einem Freitag kann der Film gern mal ein wenig länger sein, auch ohne Ankündigung, insbesondere wenn Eltern auf der Flucht vor der Party ihres halbwüchsigen Jüngsten das Haus verlassen haben. Nach zwei Stunden kam erstes Gemurre auf. Faustschüttelnd wurde mir versichert, wieviel Glück ich habe, dass Andreas nicht dabei sei. Aber dann wurde tapfer durchgehalten bis zur allerletzten der 163 Minuten. Denn der Film gefiel. Andrea Arnold (Buch und Regie) macht meiner Meinung nach eh nur Top-Filme. Bin ihr Fan, seit ich damals WASP (2003) von ihr auf dem Kurzfilmfestival gesehen hab. IMDb hingegen bewertet merkwürdigerweise nur mit 7,0 von 10 (nach meiner Erinnerung aber geklettert die letzten Monate); Letterboxd auch eher mau mit 3,8 von 5 Sternen. Besonders dankbar bin ich Andrea Arnold, dass sie sich für das Format ihrer Filme in der Regel an jenes meines guten alten Computerbildschirmes hält. :-D
    Der Film war kommerziell nicht erfolgreich, kam aber bei der Kritik gut an, wird oft als underrated bezeichnet und konnte mehrere Preise einheimsen, der wichtigste sicher der Jury-Preis in Cannes, Arnolds dritter bereits. Erwähnenswert ist, dass Andrea Arnold Britin ist, der Film aber in den USA spielt und von US-Bürgern handelt. Es handelt sich also um einen fremden Blick auf das Land (ähnlich 2011 Shame von Steve McQueen, ebenfalls Brite, der in New York spielt und die Beziehung eines allerdings britischen – irischen? – Geschwisterpaars verfolgt). 


Die junge Star (Debütantin Sasha Lane) hat nichts zu verlieren, als sie das White-trash-Heim verlässt, um den schönen Augen von Jake (gradios: Shia LaBeouf) zu folgen. Sie schließt sich seiner Drückerkolonne an, einer Mag crew, die von Haustür zu Haustür geht, um Zeitschriften-Abos mit allen Tricks zu verticken und auch schon mal was mitgehen lässt. Die Gruppe und ihr Leben werden weder denunzierend gezeigt, noch werden sie glorifiziert. Das Arbeiten mit größtenteils Laien befördert einen fast dokumentarischen Eindruck. Eine professionelle Schauspielerin ist allerdings die Darstellerin der abgebrühten Chefin Krystal, Riley Keough, übrigens Enkelin von Elvis.
    Viele Fragen bleiben offen, etwa die Bedeutung der vielen Tiere im Allgemeinen und die der Schildkröte am Ende des Films im Besonderen. Durch diese tierbeobachtenden versonnenen Szenen zwischendurch, die die Handlung nicht direkt befördern, bekommt der Film eine träumerische, poetische Note.

Wir haben ja im VC eine ungeführte Liste der deprimierendsten Sexszenen in Filmen. American Honey könnte mal Anlass bieten zum Antimiesepetertum angesichts der beeindruckenden Inszenierungen zwischen Star und Jake – beindruckend nicht weil glamouröser Akt, sondern weil es vielmehr um die Emotionen zwischen beiden geht. Konnte Arnold auch schon hervorragend in Red Road (2006) und Fish Tank (2009). Da macht es auch nichts, wenn erst mal der Tampon raus muss oder die Kondomfrage zu klären ist. Weitere Vorschläge zu guten Filmdarstellungen von eher realistischem Sex und profanen Problemen dabei von Nicole Davis hier.

Und toller Soundtrack (bei IMDb und bei what-song) mit oft passgenau eingesetzter Musik in der Handlung, etwa wenn die Drückerkolonne spontan zu Rihannas We Found Love in einem Supermarkt tanzt oder Mazzy Stars Fade into you im Autoradio läuft. Und so schnell vergessen werden wir nicht, wie ein kleines vernachlässigtes, aber sehr höfliches Mädchen im Iron-Maiden-Shirt ihr Lieblingslied I Kill Children von den Dead Kennedys zum Besten gibt. Zum Abschluss gab es noch zur Freude der Runde I Hate Hate von Razzy Bailey. Ein Lied war es auch, dass den Titel stellte: American Honey der US-Countryband Lady Antebellum.

Hier noch nachstehend das üblicherweise verwendete Plakat, dass ich aber nicht so recht passend finde, da mit Star in spärlicher Bekleidung und scheinbarer Gewinnerpose. Ganz anders als das mit der schönen Sommerstimmung oben.   (sl 9.12.2018)


1 Kommentar:

Silke hat gesagt…

Geht nur mir das so oder sieht Stars Tattoo auf der linken Schulter nicht aus wie ein Palmenblatt, das ungemein an das Cannes-Logo erinnert? Ein Dank dafür, schon zweimal den Preis der Jury gewonnen zu haben, und ein Versuch, sich auch mit diesem Film hierfür zu empfehlen? Wenn ja, war diese Strategie erfolgreich.