Donnerstag, 9. August 2018

The Friends of Eddie Coyle (USA 1973)


Eigentlich war der Videoclub schon abgesagt, aber dann kam mit Silke, Sven und mir als Gastgeber doch noch spontan eine kleine Runde zusammen. Spontan erfolgte auch die Filmauswahl – ich bin einfach den Order "USA 1970er" auf Gunnars Festplatte durchgegangen und habe nach einem Film  gesucht, den ich nicht kannte und der interessant klangt. So landeten wir dann bei "The Friends of Eddie Coyle". Keiner von uns hatte jemals von dem Film gehört, und auch der Name von Regisseur Peter Yates sagte uns nicht wirklich etwas. Der stellte sich dann als Schöpfer von "Bullitt" heraus, und der Film erwies sich als veritables Meisterwerk des New Hollywood!

Allein gegen alle: Robert Mitchum als Eddie Coyle

Steve McQueen wird hier zwar nicht geboten, aber dafür der großartige Robert Mitchum, der das starke Porträt eines alternden Kleingangsters abliefert, der weder seinen fiesen Mobster-Kollegen (übrigens von der irischen Mafia, das Ganze spielt in Boston) noch der ebenso skrupellos agierenden Polizei gewachsen ist und dafür am Ende mit dem Leben bezahlen muss. Ein vollkommen unromantischer Blick auf das Fußvolk des organisierten Verbrechens also, das Ganze unglaublich nüchtern und ökonomisch, manchmal fast schon dokumentarisch anmutend, zugleich mit beeindruckender atmosphärischer Dichte erzählt. Das gilt auch für mehrere minutiöse Schilderungen von Banküberfällen. (Der  Kritiker der "New York Times" bemängelt, dass diese von der eigentlichen Geschichte, also dem Niedergang des Eddie Coyle, ablenken. Das stimmt wohl, es hat uns aber nicht gestört.)

Nicht ohne meine Maske: Banküberfall Nummer zwei

Robert Mitchum hat bereits eine recht bewegte VC-Historie hinter sich. Gleich in unserem allerersten Film, Scorceses "Cape Fear", hatte er einen Cameo-Auftritt, als Reminiszenz an seine Rolle in der Originalversion von 1962. 2001 gab es ihn bei Miriam in seinem vielleicht besten Film zu bestaunen, Jacques Tourneurs "Out of the Past" (ich sag nur "Baby, I don't care!"), im Jahr darauf im gleichfalls starken "Die Nacht des Jägers". Zuletzt dann wieder ein Cameo-Auftritt, leider in dem John-Huston-Desaster "The List of Adrian Messenger", das Gunnar 2008 auf lesenswerte Weise im Blog verewigt hat. Gut, dass das nicht Mitchums letzter Auftritt in unserer Runde war!

Peter Boyle in seiner sympathischsten Rolle.
So manches lässt sich auch über die übrigen Darsteller in "The Friends of Eddie Coyle" erzählen, die durch die Bank hervorragend spielen. Der nach Mitchum bekannteste dürfte Peter Boyle sein, ein Spezialist für miese Arschlöcher wie etwa den Vater von Billy Bob Thornton in "Monster's Balls" oder den Vater in der Sitcom "Alle lieben Raymond" (interessante Ausnahme: das liebe Monster in "Young Frankenstein" / "Frankenstein junior"). Und auch hier war sein Charakter – ein Barmann, der sich als Polizeispitzel und dann als Auftragskiller herausstellt – eine Person von ausnehmender Scheußlichkeit.

Alex Rocco in seiner letzten Szene als Moe Green.
Interessant auch die Geschichte von Alex Rocco, der den Chef einer Bankräuberbande spielt. Laut Wikipedia hat nämlich Rocco (dessen Höhepunkt als Schauspieler wohl die Rolle des Moe Green im "Paten" war) eine Vergangenheit als Gangster in Boston, und so konnte er Robert Mitchum vor den Dreharbeiten zu "Eddie Coyle" mit echten Mafia-Typen aus der Stadt in Kontakt bringen



Joe Santos, der einen weiteren Bankräuber spielt, kam nur mir bekannt vor. Liegt wohl daran, dass die anderen beiden in ihrer Jugend weniger häufig "Detektiv Rockford - Bitte anrufen" geguckt haben. Da war Santos nämlich regelmäßig als Sgt. Dennis Becker zu sehen.


Sgt. Dennis Becker (Joe Santos) hilft mal wieder Jim Rockford aus der Patsche.

Falls sich jemand wundert, dass ich hier keine Darstellerinnen nenne: Der Film war so dermaßen frauenfrei, der wäre zum Bechdel-Test nicht mal zugelassen worden.

Alles in allem: ein echter Glückstreffer und ein gelungener Filmabend

Auch der Alkohol ist Eddie Coyle kein Freund, wie sich schon bald nach dieser Szene zeigen wird.
P. S.: (Achtung: Spoiler-Alarm!) Da hätte ich doch fast vergessen zu erwähnen, dass Eddie Coyle den wohl am beiläufigsten erzählten Tod einer Hauptfigur in der gesamten Filmgeschichte stirbt. Unglaublich, muss man gesehen haben.







3 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Danke für den schönen, ausführlichen Eintrag. Werde ich sehr bald nachholen, freu mich schon. Aber zuerst kommt die Romanvorlage endlich dran, die schon ewig ungelesen im Regal verstaubt. Stammt von George V. Higgins. Elmore Leonard urteilte: "The best crime novel ever written". Hier eine Würdigung aus dem New Yorker anlässlic einer Neuauflage vor acht Jahren: https://goo.gl/wHnbjK

Mit Stefan zusammen habe ich mal einen weiteren Film mit einem noch älteren Robert Mitchum gesehen. War wahrscheinlich ein VC-Abend mit unzureichender Teilnehmerzahl. (@Stefan: Oder haben wir den einfach so geguckt?) "Yakuza" von Paul Schrader jedenfalls. Großartig, fanden wir.

Andreas hat gesagt…

Richtig, das mit der Romanvorlage wollte ich ja auch noch erwähnen. Klingt wirklich sehr gut, habe mir das Buch schon bestellt.

Zu "Yakuza" kann ich in meinen Aufzeichnungen, die für die Jahre bis 2005 ja ziemlich komplett sind, nichts finden, aber mir liegt auch an, dass es den mal im VC gab (ohne mich). Von Paul Schrader ist der Film übrigens nur insofern, als der Mann das Drehbuch (mit)geschrieben hat; Regie führte laut IMDb Sydney Pollack.

Andreas hat gesagt…

Update: Gunnar und ich haben den Roman mittlerweile gelesen und sind sehr angetan. Bis auf eine Plotwendung am Ende hat der Film sich klugerweise ziemlich genau an die Vorlage gehalten; viele Dialoge sind nahezu komplett übernommen (soweit ich das noch in Erinnerung habe). Bei der erwähnten Plotwendung (es geht darum, wer Doyle verrät) gefällt uns allerdings die Buch-Variante besser.