Freitag, 21. Januar 2022

Le mani sulla città (Italien 1963, Francesco Rosi)

 

Im Hybridmodus vorgeführt von Andreas. Konkret fand sich bei mir (Andreas) eine nette Corona-affine Runde ein, bestehend aus Miriam, Silke, Sven und mir, zugeschaltet waren Larissa und Alex, Jö und Rene – allerdings nur zu Beginn, denn sowohl Rene (Müdigkeit) als auch unsere Schweizer Abteilung (technische Probleme) sind während des Films ausgestiegen, sodass sich in der Telko nur noch die Hamburger Runde und Jö einfanden.

Zu sehen gab es  "Le mani sulla città" ("Die Hände über der Stadt") von Francesco Rosi aus dem Jahr 1963.  Für den Inhalt mache ich es mir mal wieder leicht und zitiere Wikipedia

"Der skrupellose Grundstücksspekulant und Abgeordneter für die Rechten im Stadtparlament von Neapel, Eduardo Nottola, spekuliert mit billigen Grundstücken, die er per Beschluss der Stadt vom Acker- zum Bauland umwandeln lassen möchte um so sein riesiges Bauprojekt, den Wohnkomplex „Bellavista“ zu realisieren. Die damit verbundene erhebliche Wertsteigerung des zuvor günstig erworbenen Landes würde ihn zu einem reichen Mann machen. Zuvor müssen nur noch die anstehenden Wahlen erfolgreich bewältigt werden.

Als ein nicht vorschriftsmäßig gesicherter Altbau neben Nottolas Baustelle einstürzt, werden mehrere Bewohner unter den Trümmern verschüttet. Zwei der Hausbewohner kommen ums Leben und ein Junge verliert beide Beine. Daraufhin wird ihm vorgeworfen, er habe die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen nicht beachtet. Die politischen Gegner im Stadtparlament, der linksgerichtete De Vita und Balsamo vom „Zentrum“, versuchen dem Baulöwen das Handwerk zu legen und bringen Korruption und Bestechungen ans Licht der Öffentlichkeit. In der Folge wird die Presse auf ihn aufmerksam. Als aber die „Rechtspartei“ ihn vor den Wahlen drängt, seine Kandidatur zurückzuziehen, läuft Nottola kurzerhand zur „Mittelpartei“ über und kann so in den Stadtrat zurückkehren. Mit den Stimmen der Mitte und der Rechten steigt er zum Bausenator auf, und am Ende legt er den Grundstein zu seinem städtischen Mammutprojekt „Bellavista“."

Eine Studie über die Mechanismen der Macht in einer kapitalistischen Demokratie hat der Meister der "dokumentarisch-dramatischen Wirklichkeitsrekonstruktion" (Filmlexikon) da also erschaffen, und insgesamt ist das sehr sehenswert – und lehrreich. Vor allem die Szenen, die ausführlich die (meist chaotischen) Parlamentssitzungen und Hinterzimmergespräche der verschiedenen Funktionäre zeigen, lassen einen besser verstehen, wie solche schmutzigen Deals zustande kommen können. Dabei enthält sich der Film jedoch allzu eindeutiger Wertungen. Insgesamt ist die Sympathie des Zuschauers sicherlich eher auf Seiten des linken (kommunisischen?) Skandalaufklärers als auf der des geldgierigen Baulöwen, aber auch dessen Position bleibt in Ansätzen nachvollziehbar, schließlich baut er moderne Wohnungen mit fließend Wasser etc. anstelle maroder Altbauten wie des eingestürzten Gebäudes. Dass der Charakter des Nottola trotz der gezeigten Skrupellosigkeit so differenziert rüberkommt, ist sicherlich zum Teil der von mir schon an anderer Stelle gepriesenen großartigen Schauspielkunst Rod Steigers zu verdanken, die sogar den Verlust der Originalstimme durch die italienische Synchronisation übersteht.

Leider, und das bedeutete nicht nur für mich eine Einschränkung des cineastischen Vergnügens, war es ohne Italienischkenntnisse und politisches Vorwissen kaum möglich, den wilden Debatten und den zahlreichen Wendungen der Handlungen in allen Details zu folgen; ich habe jedenfalls so einiges erst im Nachhinein verstanden. Zudem wurden die besagten lauten Diskussionen von einigen in unserer Runde als anstrengend empfunden, siehe Renes Abgang. Uneingeschränkte Begeisterung riefen hingegen die visuellen Aspekte des Films hervor. Vor allem die Luftaufnahmen von Neapel zu Beginn des Films, aber etwa auch die Präsentation des Gebäudeeinsturzes und der folgenden Rettungsmaßnahmen waren schlicht spektakulär.

 

Alles in allem also mal wieder ein toller Film von Francesco Rosi (über den hier ein schöner Artikel aus der "Zeit" zu lesen ist, geschrieben anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk), und mir stellte sich die Frage, ob der Mann eigentlich auch mal einen schlechten Film gedreht hat. Interessanterweise kann ein Blick in die VC-Historie dazu einen wertvollen Hinweis bieten. Es handelte sich nämlich bereits um den vierten Film des Meisters in unserer Runde: Noch vor den unbestrittenen Meisterwerken "Salvatore Giuliano" (2016 gezeigt von mir, als Vorgängerfilm von "Mani" diesem stilistisch eng verwandt) und "Uomini Contro" / "Bataillon der Verlorenen" (bedrückender Antikriegsfilm über die österreichisch-italienische Alpenfront im Ersten Weltkrieg – 2011 im VC, Sven und Miriam könnten sich erinnern) gab es 2004 bei Sven das schon 1996 entstandene letzte Werk des erst 2015 verstorbenen Rosi zu sehen: "La Tregua" / "Atempause", eine Verfilmung der Erinnerungen Primo Levis über seine Odyssee nach der Befreiung aus der KZ-Haft. Für 2004 liegt mir leider nicht das Gesamtranking im VC vor, aber immerhin meine eigene Wertung, und in der landete der Film doch tatsächlich auf dem letzten Platz, noch hinter Rohrkrepierern wie "Barocco" und Paolinis "Medea". Angesichts von Kritiken wie dieser hier ist mir vollkommen schleierhaft, worin genau meine damalige Abneigung begründet war. Vielleicht kann ja der damalige Gastgeber Sven Aufklärung verschaffen?

Nicht im VC hingegen lief "I magliari" / "Auf St. Pauli ist der Teufel los". Den haben einige von uns vor rund 20 Jahren "einfach so" geguckt. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen, nicht nur wegen des St.-Pauli-(und Neustadt-!)Bezugs, der auf dieser tollen Website im Detail studiert werden kann. Jedenfalls gilt nach wie vor, dass es im VC noch einiges aus dem Werk Francesco Rosis zu entdecken gibt – schaut mal in die Mediathek rein.

P. S.: Mehr zu "Le mani sulla città" gibt es hier zu lesen.

4 Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Danke für den tollen Eintrag! Ich wusste aber gar nicht, dass ich Corona-affin bin - Corona-konform trifft es vielleicht besser... Und es fehlt noch die Jahreszahl im zweiten Absatz.

Gunnar hat gesagt…

Eine Benachrichtigung gab's nicht, weil du keinen neuen Beitrag geschrieben hast, sondern meinen genutzt hast, der aus nichts als dem Filmtitel bestanden hat. Es war also nur eine Aktualisierung.

Ich freu' mich aufs Nachholen. Hat Spaß gemacht zu lesen und mich neugierig gemacht. Mein Lieblingssatz ist der über die "großartige Schauspielkunst" Rod Steigers, "die sogar den Verlust der Originalstimme durch die italienische Synchronisation übersteht."

Gunnar hat gesagt…

Ich kenne noch "Christus kam nur bis Eboli", den wir vor wenigen Jahren gesehen haben, nachdem wir erstmals im Drehort Matera waren, dessen Unterstadt sich mittlerweile vom Slum zu einer Art rausgeputzter Touristenattraktion entwickelt hat. War leider ziemlich enttäuschend, der Film. Seltsam, dass er die höchste IMdB-Bewertung aller Rosi-Filme hat. Und "Cadaveri exzellenti" mit Lino Ventura habe ich, noch zuhause wohnend, im Fernsehen gesehen. Hat einen starken Eindruck hinterlassen, würde ich sehr gern noch einmal gucken. "Lucky Luciano", auch im Fernsehen, fand ich nicht so toll. Alle anderen kenne ich noch nicht, auch nicht die Marquez-Verfilmung und den Carmen-Film, die beide erfolgreich in den Achtzigern bei uns im Kino gezeigt wurden.

Andreas hat gesagt…

@Miriam: Ich meinte sehr wohl "Corona-affin", im Sinne von Gunnars Mantra, dass in Zeiten von Omikron jeder, der sich auf ein solches mehrstündiges Innenraumtreffen einlässt, ein beträchtliches Infektionsrisiko eingeht, geboostert oder nicht. Aber irgendwie ist das dann ja auch Corona-konform ...
@Gunnar: Würdest Du Dich denn auf "Cadavri excellenti" noch mal einlassen? Bei mir ist die Lage ähnlich (irgendwann im TV geschaut), aber ich würde ihn sehr gerne mal wieder sehen. Wenn das im VC nicht passt, dann würde ich das halt solo erledigen.