Freitag, 7. Januar 2022

Dear Comrades (Andrey Konchalovskiy, 2020)

Rein virtuelle Vorführung von Sven. Mitgekommen auf die Zeitreise in die sowjetische Provinz im Jahr 1962 waren Larissa, Alex, Miriam, Tilmann, Gunnar, Silke und Carmen. Rene hat sie nachgeholt. 

IMDB schreibt: Der Film "Liebe Genossen" [Originaltitel: Dorogie Tovarishchi] basiert auf realen Ereignissen des Jahres 1962, als die Sowjetunion bei einer Demonstration von Arbeitern in Nowotscherkassk erschossen wurde.

Ich bin nicht ganz sicher, ob der Satz Absicht ist oder ein lustiges Versehen, womöglich eine Freudsche Fehlleistung. Ganz falsch ist er jedenfalls nicht. 

Wikipedia schreibt zu den Ereignissen: "Der Aufstand in Nowotscherkassk ereignete sich am 1. und 2. Juni 1962 in der Stadt Nowotscherkassk und stellte die bedeutendsten Arbeiterunruhen in der Sowjetunion dar. Chruschtschow hatte infolge einer Versorgungskrise die Preise um bis zu 35 % erhöht und gleichzeitig die Löhne um 35 % gesenkt. Die Arbeiter der Lokomotivfabrik gingen in den Ausstand, verbrannten Chruschtschow-Bilder und forderten Lohnerhöhungen und Nahrungsmittel für ihre Familien.[1] Am 1. Juni 1962 abends fuhren die ersten Panzer auf. Tags darauf zogen die Arbeiter von der Fabrik in die Stadt, in der ebenfalls Streiks ausbrachen. Sie zeigten Lenin-Porträts und waren zunächst friedlich, erstürmten dann allerdings Gebäude der Miliz und des Exekutivkomitees der Partei. Beamte wurden verhöhnt und Milizionäre verprügelt. Angeblich solidarisierte sich etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung mit den Demonstranten. Einheiten der Sowjetarmee hatten mittlerweile die Innenstadt abgeriegelt. Ab 11:00 Uhr schoss das Militär auf Demonstranten und beendete den Aufruhr. Es gab 24 oder 26 Tote, einen Schauprozess und zahlreiche Geheimverfahren.[2] Sieben als Rädelsführer identifizierte Teilnehmer wurden später wegen bewaffneten Bandentums zum Tode verurteilt, zahlreiche weitere Teilnehmer zu Haftstrafen. Die sowjetische Regierung schwieg die Vorkommnisse soweit möglich tot. Als verantwortlicher Kommandeur des Militärbezirks Nordkaukasus befahl General Issa Plijew den Einsatz gegen die Demonstranten. 

Erst 1992 wurden die Akten zu dem Fall geöffnet. 20 Leichen wurden 1992 identifiziert und auf dem Friedhof von Nowoschachtinsk beigesetzt. Ein Strafverfahren gegen die Verantwortlichen des Militäreinsatzes wurde 1992 eingestellt, da keiner der Angeschuldigten mehr lebte. Mit Erlass des russischen Präsidenten Jelzin vom 8. Juni 1996 wurden alle Verurteilten rehabilitiert. In Francis Spuffords Red Plenty (2010) und in Des Teufels Alternative von Frederick Forsyth (1979) wird das Massaker thematisiert. Ebenso 2020 in dem russischen Spielfilm Dorogie Tovarischi! von Andrei Kontschalowski."

Im Mittelpunkt des Films steht Lyudmila 'Lyuda' Danilovna Semina, eine lokale Parteifunktionärin, toll gespielt von Yuliya Vysotskaya. 

Lyuda vertritt in den Krisensitzungen eine eiserne Linie und verlangt ein hartes Vorgehen gegen die Arbeiter, die arbeiten sollten statt zu saufen. Ihre Haltung ändert sich erst als ihre Tochter an den Protesten teilnimmt und verschwindet. Lyuda gerät bei der Suche mitten in die Schusslinie und hilft einer angeschossenen Frau. Zudem beobachtet sie, dass die Schüsse nicht von den Soldaten auf der Straße, sondern von KGB-Heckenschützen kamen. Als das Massaker dann der Armee angelastet wird, verlässt die Staatstreue sie vollends. Gemeinsam mit einem KGB-Offizier, der ihr, warum auch immer, gewogen ist, sucht sie ihre Tochter und findet ein Massengrab, wo sie liegen soll. 

Das Interessante an der Figur ist ihre Entwicklung von der harten Funktionärin zur verzweifelten Mutter und wütenden Kommunistin, die sich von ihrer Partei getäuscht sieht. Der Konflikt überzeugter Kommunisten mit der harten Linie tritt auch in anderen Momenten auf, z.B. als ein Offizier sich weigert mit Panzern gegen die Demonstrierenden vorzugehen. Den gab es auch wirklich, er wurde später angeklagt weil er Berichte über das Massaker weitergegeben hat und 1988 rehabilitiert. 

Tilmann wies auf die Finanzierung der Filmes hin und dass es kein kritischer Film sei. Und tatsächlich entstand er "mit Unterstützung des russischen Kulturministeriums, der gemeinnützige Stiftung „Kunst, Wissenschaft und Sport“ des Milliardärs und Unternehmers Alischer Usmanow sowie des [staatlichen] Fernsehsenders Rossija 1" (Wikipedia). 

Tim Caspar Boehme schreibt dazu in der Taz: "Für „Dorogie Tovarischi!“ hat Kontschalowski Förderung vom russischen Kulturministerium erhalten. Und es fällt schwer, vor diesem Hintergrund nicht an den von Präsident Wladimir Putin betriebenen Stalinkult denken zu müssen. So ganz mag man es nicht glauben, aber kann es sein, dass dieses Jahr ein revisionistischer Film ins Rennen um den Goldenen Löwen gegangen ist? Oder erlaubt sich Kontschalowski eine Art Bluff, bei dem er den Stalinismus am Beispiel seiner verbohrten Heldin indirekt gleich mit entlarvt?"

Konchalovskiy sagt "mit Dorogie Tovarischi! einen Film über die Generation seiner Eltern gedreht zu haben. Die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg überlebten, hätten ein bedingungsloses Vertrauen in die Ziele des Kommunismus gehabt. „Ich wollte die Ereignisse, die wirklich geschahen, mit äußerster Genauigkeit rekonstruieren und eine Ära, in der die Geschichte die unüberbrückbare Kluft zwischen kommunistischen Idealen und der tragischen Realität der Tatsachen offenbarte. Dieser Film ist eine Hommage an die Reinheit dieser Generation, ihre Opfer und die Tragödie, die sie erlebte, als ihre Mythen zusammenbrachen und ihre Ideale verraten wurden“ (auch in Wikipedia)

Larissa kritisierte die Inszenierung als künstlich oder hölzern und die Glaubwürdigkeit der Figuren und findet Unterstützung bei Tobias Kniebe in der SZ: "Wenig überzeugend auch der Spezialpreis der Jury [in Venedig] für "Dorogie Tovarischi!/Dear Comrades!" von Andrei Konchalovsky aus Russland. Zwar ist es interessant, dass auch in der Sowjetunion mal Arbeiter wegen Preiserhöhungen gestreikt haben, was 1962 von KGB und Armee in Nowotscherkassk blutig niedergeschlagen wurde - erzählt wird das aber mit unglaubwürdigen Figuren und dramaturgischen Löchern." Als Konsequenz forderte Larissa die Vorführung anderer, besserer Filme von Konchalovskiy. Darauf warten wir jetzt.

Einige Figuren fand ich auch unglaubwürdig, z.B. den KGB-Offizier und seine Motivation als er Lyuda bei der Suche nach ihrer Tochter hilft. Die wichtigste Figur, nämlich Lyuda fand ich jedoch absolut glaubwürdig, was bestimmt auch an der schauspielerischen Leistung lag. Auch die Szenen in den diversen Krisensitzungen fand ich sehr überzeugend.

Toll zudem einige Ideen wie der Einkauf der Heldin zu Beginn des Films, als sie mit größter Selbstverständlichkeit an der Warteschlange vorbeizieht und im Lager des Lebensmittelladens einen umfangreichen Einkauf erledigt, während draußen alle warten um wenigstens Kefir statt Milch kaufen zu können oder der Vater der Heldin, der während des Aufstandes ungerührt seine (natürlich lebensgefährliche) Kosakenuniform aus der Kiste holt und anzieht und auch keinen Versuch unternimmt, sie vor dem KGB-Offizier zu verbergen, als der in die Wohnung kommt um Lyudas Tochter zu verhaften.

Für Miriam war das alles gar nichts, insbesondere Lyuda mißfiel ihr aufgrund ihrer Härte und Verhärmtheit. Anderen, z. B. Gunnar und mir hat das wohl gefallen, auch weil dadurch die Veränderung ihrer Sicht und damit ihrer Persönlichkeit möglich und deutlich wurde.

Verblüffend war die Ähnlichkeit der Bilder mit denen vom Kapitolsturm durch Trump-Fans, die erst am Vorabend in der Doku bei Arte zu sehen waren. Vielleicht kannte Konchalovskiy die Bilder ja auch schon, als er den Film drehte. Tatsächlich aber ist die Parallele zu den Ereignissen in Kasachstan wohl größer, denn der Anlass und die Motivation in Nowotscherkassk waren dann doch sehr anders als in Washington.

9 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Danke für den tollen Film und den tollen Blogeintrag und dass du nochmal recherchiert hast zu Finanzierung und möglichem Stalin-Revisionismus. Zu den Ähnlichkeit en mit der Kapitol-Invasion der Trump-Anhänger: Der Film ist von 2020, der Kapitol-Vorfall ereignete sich 2021.

Zander hat gesagt…

Jetzt hab ich auch die Anwesenheit vervollständigt. Dass Larissa und Alex dabei waren, ist mir natürlich weder entgangen noch entfallen.

Gunnar hat gesagt…

Zu deinem lustigen Einstieg mit der erschossenen Sowjetunion: Wo hast du das her? Bei IMdB gibt es keine deutschsprachigen Inhalte. Und eine automatische Browser-Übersetzung der englischsprachigen Inhaltsbeschreibung ist es auch nicht, passt nicht.

Rene hat gesagt…

Leider kann ich hier keine Screenshots hochladen aber das sind Fake-News, Gunnar - bei IMDb gibt es sehr wohl deutsche Inhalte und bei der Handlungsbeschreibung steht:
Der Film "Liebe Genossen" basiert auf realen Ereignissen des Jahres 1962, als die Sowjetunion bei einer Demonstration von Arbeitern in Nowotscherkassk erschossen wurde.
Sven denkt sich sowas doch nicht einfach aus :-D

Rene hat gesagt…

Mir hat der Film und besonders die Hauptdarstellerin sehr, sehr gut gefallen und die jetzige Situation in Kasachstan ist mir auch sofort in den Kopg geschossen und weniger der Sturm des Kapitols.
Danke für den tollen Film, Sven!

Gunnar hat gesagt…

Natürlich denkt er sich's nicht aus. Darum frag' ich ja nach. Die fremdsprachigen IMdB-Versionen sind vor vielen Jahren eingestellt worden. Mir wird. Hat sich das wieder geändert? Ich finde bei IMdB auch nirgendwo Einstellungen um die Sprache zu wechseln. Screenshot geht nicht. Aber für einen Link wäre ich dankbar.

Gunnar hat gesagt…

Wiki: "Im Februar 2013 wurden die nicht-englischsprachigen Versionen der Seite abgeschafft. Als Grund dafür wurde angegeben, dass man jedem Benutzer die große Informations- und Funktionsvielfalt, die die englischsprachige Seite bietet, zur Verfügung stellen wolle. Eine internationale Version liefert zu jedem Film die Verleihtitel in allen erfassten Sprachen."

Bin gespannt auf die Auflösung.

Zander hat gesagt…

Ich hab mich auch gewundert, aber dann damit abgefunden, dass da ein deutscher Eintrag ist. Und der schöne Satz hat mich darüber hinweg getröstet.
Ich schwöre beim Barte meiner Mutter, ich hab es mir nicht ausgedacht!

Gunnar hat gesagt…

Ich glaub' ich hab's: Wenn man keinen IMdB-Account hat oder sich nicht automatisch anmelden lässt, bekommt man die Filmtitel in der Sprache angezeigt, die dem Standort der IP-Adresse zugeordnet wird. Und neuerdings scheinen die Inhaltsangaben oben mit dem Titel verknüpft zu sein und auch zu wechseln, wenn irgendjemand eine solche in der passenden Sprache verfasst hat. Auf Deutsch scheint ein Volltrottel oder eine Maschine Inhaltsangaben hochzuladen. Wenn man die nicht sehen will: Einfach anmelden und in den Einstellungen aussuchen, dass Titel in der Originalsprache oder auf englisch angezeigt werden sollen. Dann verschwinden auch die kryptischen Texte.