Freitag, 15. Oktober 2021

I fidanzati (Ermanno Olmi, 1963)

Bei Gunnar und Maren. Zu Besuch waren Andreas und Miriam, virtuell dabei waren Rene, Tilmann, Larissa und Alex. I fidanzati ist der dritte Spielfilm von Ermanno Olmi. Den Vorgänger Il posto hat Andreas vor ein paar Jahren gezeigt. Ich meine mich zu erinnern, dass wir den alle toll fanden. (Leider gibt es keinen Blog-Eintrag, wir haben ihn 2010 gesehen, am Beginn der Blog-Schlummerphase.) Wie bei Il Posto waren die Darsteller alles Laien und wieder war Lamberto Caimi  hinter der Kamera und Carla Colombo für den beeindruckenden Schnitt verantwortlich. Beide haben hinterher keine Riesenkarriere gemacht.

Menschen strömen in einen Tanzsaal, in dem schon zahlreiche Gäste schweigend am Rand um eine leere Fläche auf Stühlen sitzen, während die Musiker erst kommen und sich vorbereiten. Ganz ruhig und langsam wird das erzählt. Als die Musik erklingt fangen zwei Frauen mittleren Alters an zu tanzen. Andere Paare gesellen sich dazu. Alles sieht so echt und so wenig glatt aus, als wenn das Film-Team ohne Ankündigung eine tatsächliche stattfindende Veranstaltung dokumentiert hätte. Ein junges Paar, Liliana und Giovanni, die Protagonisten, sind auch anwesend. Zwischen ihnen stimmt etwas nicht. Er will sie auffordern, sie weist ihn ab, er setzt sich wieder neben ihr hin. So geht der Film los. 

Schnell erfahren wir dann, warum die Luft zwischen den beiden dick ist: Er hat die vermeintlich vielversprechende Chance, einen Fabrik-Job in Sizilien anzunehmen, für 1 1/2 Jahre. Sie findet das gar nicht gut. Der Film folgt ihm dann in seiner knappen Laufzeit von 77 Minuten in der sizilianischen Fremde. Fast nichts passiert. Wir sehen ihn beim nächtlichen Schweißen in der Fabrik, wir sehen ihn ziellos durch die Stadt und ihre Peripherie laufen, über Salinenfelder, am Strand entlang, wir sehen ihn auf einem Karneval, beim Fernsehen im Hotel, in einer leeren nächtlichen Bar, beim Streiche spielen mit Kollegen. Und dazwischen geschnitten sind höchst elegant und stimmig immer wieder Szenen von der Zeit davor mit Liliana im Norden. Das wirkt nicht selbstzweckhaft, dient nicht dazu, eine kleine Geschichte mit formalen Spielereien aufzupimpen, sondern steht für Giovannis Sehnsucht und Verlangen. Zum Ende hin wechselt die Tonlage, auf einmal erfahren wir aus Briefen der beiden, wie die Beziehung vor der Trennung war und wie sich die Distanz auf sie auswirkt und das kulminiert in einem von vollem Orchester begleiteten hollywoodesken Filmkuss (der allerdings auch wieder eine Rückblende ist). Im Anschluss wird die nüchterne Manier für eine Schlussszene wieder aufgenommen, die das Happy End etwas in Frage stellt. Larissa meinte in der abschließenden Telko, dass darauf gut hätte verzichtet werden können, während es mir gut gefiel, dass noch ein kleiner Dämpfer zum Schluss kommt.

Zu meiner Überraschung haben sich alle Mitgucker positiv geäußert, meine Befürchtung war, dass die zu erwartende Handlungsarmut beim einen oder der anderen Unmut hervorrufen würde.
Rene hat vom visuellen Stil und den beiläufigen, erzählerischen Details geschwärmt, Tilmann hat die ungewöhnliche erzählerische Form hervorgehoben, also das Nicht-Erzählen über fast die gesamte Länge, so als wenn Olmi, der tatsächlich vom Dokumentarfilm kommt, erst das macht, was ihn eigentlich interessiert, um dann überraschend mit den Briefen doch kurz vor Schluss noch eine Entwicklung in Gang zu setzen. Andreas hat von „Antonioni Light“ gesprochen, positiv gemeint, also dass Atmosphäre, Melancholie, das Gefühl von Entfremdung statt einer Handlung im Vordergrund stehen, das aber im Gegensatz zu Antonioni diese Emotionen auf der Handlungsebene einen nachvollziehbaren Grund haben und alles stärker in der Realität geerdet sei. Larissa hat auf die verkehrte Migrationsrichtung hingewiesen: Die Norditaliener gehen zum Arbeiten ins arme Sizilien und schauen auf die Sizilianer herab, als seien es Tiere. Miriam war zu Beginn befremdet von der Kühle, mit der Liliana und Giovanni miteinander umgehen („die ist ja verrückt!“), war aber besänftigt, als Umstände und Ursache deutlicher wurden, hat sich über die romantische Geschichte gefreut und sich gefragt, welche Farbe wohl die schicken, kleinen, glänzenden Kacheln im Badezimmer des Hotels haben. Sie hat sich mit Maren, die ebenfalls angetan war vom Ganzen, schließlich auf türkis geeinigt.

 I fidanzati ist übrigens nicht auf der kanonischen Liste mit 100 italienischen Filmen, die Andreas hier im Blog vor ein paar Jahren mal vorgestellt hat. Aber Olmi ist zweimal vertreten, mit Il posto und mit dem Holzschuhbaum, seinem bekanntesten Film, dem letzten auf der Liste.

Andreas fragte sich und uns zu Beginn des Abends, ob wir nicht mittlerweile alle italienischen Perlen geborgen hätte. Keineswegs, würde ich sagen. So sieht die Liste aus, wenn die 21 Filme, die wir mittlerweile im VC gesehen haben und die allbekannten Klassiker, die niemals ohne Veto durchzukriegen wären, gestrichen sind. Da gibt's allein hier schon bzw. noch viel zu entdecken.

  1. Four Steps in the Clouds (Quattro passi fra le nuvole) by Alessandro Blasetti (1942)
  2. Ossessione by Luchino Visconti (1943)
  3. Rome, Open City (Roma città aperta) by Roberto Rossellini (1945)
  4. Paisà by Roberto Rossellini (1946)
  5. Shoeshine (Sciuscià) by Vittorio De Sica (1946)
  6. L'onorevole Angelina by Luigi Zampa (1947)
  7. Bicycle Thieves (Ladri di biciclette) by Vittorio De Sica (1948)
  8. La terra trema by Luchino Visconti (1948)
  9. Bitter Rice (Riso amaro) by Giuseppe De Santis (1949)
  10. City of Pain (La città dolente) by Mario Bonnard (1949)
  11. Heaven over the Marshes (Cielo sulla palude) by Augusto Genina (1949)
  12. Stromboli, terra di Dio by Roberto Rossellini (1949)
  13. Chains (Catene) by Raffaello Matarazzo (1949)
  14. Path of Hope (Il cammino della speranza) by Pietro Germi (1950)
  15. Sunday in August (Domenica d'agosto) by Luciano Emmer (1950)
  16. Story of a Love Affair (Cronaca di un amore) by Michelangelo Antonioni (1950)
  17. Variety Lights (Luci del varietà) by Alberto Lattuada and Federico Fellini (1950)
  18. Father's Dilemma (Prima comunione) by Alessandro Blasetti (1950)
  19. Bellissima by Luchino Visconti (1951)
  20. Two Cents Worth of Hope (Due soldi di speranza) by Renato Castellani (1951)
  21. Cops and Robbers (Guardie e ladri) by Steno e Mario Monicelli (1951)
  22. Miracle in Milan (Miracolo a Milano) by Vittorio De Sica (1951)
  23. La famiglia Passaguai by Aldo Fabrizi (1951)
  24. Umberto D. by Vittorio De Sica (1952)
  25. Europa '51 by Roberto Rossellini (1952)
  26. The White Sheik (Lo sceicco bianco) by Federico Fellini (1952)
  27. Toto in Color (Totò a colori) by Steno (1952)
  28. Little World of Don Camillo. (Don Camillo) by Julien Duvivier (1952)
  29. Bread, Love and Dreams (Pane, amore e fantasia) by Luigi Comencini (1953)
  30. I vitelloni by Federico Fellini (1953)
  31. Neapolitans in Milan (Napoletani a Milano) by Eduardo De Filippo (1953)
  32. Eager to Live (Febbre di vivere) by Claudio Gora (1953)
  33. The Wayward Wife (La provinciale) by Mario Soldati (1953)
  34. Neapolitan Carousel (Carosello napoletano) by Ettore Giannini (1953)
  35. Empty Eyes (Il sole negli occhi) by Antonio Pietrangeli (1953)
  36. The Beach by Alberto Lattuada (1954)
  37. The Gold of Naples (L'oro di Napoli) by Vittorio De Sica (1954)
  38. An American in Rome (Un americano a Roma) by Steno (1954)
  39. The Art of Getting Along (L'arte di arrangiarsi) by Luigi Zampa (1954)
  40. Senso by Luchino Visconti (1954)
  41. La strada by Federico Fellini (1954)
  42. A Free Woman (Una donna libera) by Vittorio Cottafavi (1954)
  43. The Abandoned (Gli sbandati) by Francesco Maselli (1955)
  44. A Hero of Our Times (Un eroe dei nostri tempi) by Mario Monicelli (1955)
  45. Poveri ma belli by Dino Risi (1956)
  46. Il grido by Michelangelo Antonioni (1957)
  47. Nights of Cabiria (Le notti di Cabiria) by Federico Fellini (1957)
  48. Big Deal on Madonna Street (I soliti ignoti) by Mario Monicelli (1958)
  49. You're on Your Own (Arrangiatevi!) by Mauro Bolognini (1959)
  50. The Great War (La grande guerra) by Mario Monicelli (1959)
  51. I magliari by Francesco Rosi (1959)
  52. Everybody Go Home (Tutti a casa) by Luigi Comencini (1960)
  53. La dolce vita by Federico Fellini (1960)
  54. Rocco and His Brothers (Rocco e i suoi fratelli) by Luchino Visconti (1960)
  55. Girl with a Suitcase (La ragazza con la valigia) by Valerio Zurlini (1960)
  56. Long Night in 1943 (La lunga notte del '43) by Florestano Vancini (1960)
  57. Il bell'Antonio by Mauro Bolognini (1960)
  58. A Difficult Life (Una vita difficile) by Dino Risi (1961)
  59. Divorce Italian Style (Divorzio all'italiana) by Pietro Germi (1961)
  60. Il posto by Ermanno Olmi (1961)
  61. Accattone by Pier Paolo Pasolini (1961)
  62. Leoni al sole by Vittorio Caprioli (1961)
  63. Il sorpasso by Dino Risi (1962)
  64. Salvatore Giuliano by Francesco Rosi (1962)
  65. L'eclisse by Michelangelo Antonioni (1962)
  66. Mafioso by Alberto Lattuada (1962)
  67. I mostri by Dino Risi (1963)
  68. Hands over the City (Le mani sulla città) by Francesco Rosi (1963)
  69. by Federico Fellini (1963)
  70. The Leopard (Il Gattopardo) by Luchino Visconti (1963)
  71. The Ape Woman (La donna scimmia) by Marco Ferreri (1963)
  72. Chi lavora è perduto d by Tinto Brass (1963)
  73. La vita agra by Carlo Lizzani (1964)
  74. Fists in the Pocket (I pugni in tasca) by Marco Bellocchio (1965)
  75. I Knew Her Well (Io la conoscevo bene) by Antonio Pietrangeli (1965)
  76. Love Meetings (Comizi d'amore) by Pier Paolo Pasolini (1965)
  77. The Birds, the Bees and the Italians (Signore & signori) by Pietro Germi (1966)
  78. The Hawks and the Sparrows (Uccellacci e uccellini) by Pier Paolo Pasolini (1966)
  79. The Battle of Algiers (La battaglia di Algeri) by Gillo Pontecorvo (1966)
  80. China Is Near (La Cina è vicina) by Marco Bellocchio (1967)
  81. Dillinger Is Dead (Dillinger è morto) by Marco Ferreri (1968)
  82. Bandits in Milan (Banditi a Milano) by Carlo Lizzani (1968)
  83. Be Sick... It's Free (Il medico della mutua) by Luigi Zampa (1968)
  84. Investigation of a Citizen Above Suspicion (Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto by Elio Petri (1970)
  85. The Conformist (Il conformista) by Bernardo Bertolucci (1970)
  86. L'udienza by Marco Ferreri (1971)
  87. Diario di un maestro by Vittorio De Seta (1972)
  88. The Mattei Affair (Il caso Mattei) by Francesco Rosi (1972)
  89. The Scientific Cardplayer (Lo scopone scientifico) by Luigi Comencini (1972)
  90. Nel nome del padre by Marco Bellocchio (1972)
  91. Amarcord by Federico Fellini (1974)
  92. We All Loved Each Other So Much (C'eravamo tanto amati) by Ettore Scola (1974)
  93. Bread and Chocolate (Pane e cioccolata) by Franco Brusati (1974)
  94. Fantozzi by Luciano Salce (1975)
  95. 1900 (Novecento) by Bernardo Bertolucci (1976)
  96. Illustrious Corpses (Cadaveri eccellenti) by Francesco Rosi (1976)
  97. A Special Day (Una giornata particolare) by Ettore Scola (1977)
  98. An Average Little Man (Un borghese piccolo piccolo) by Mario Monicelli (1977)
  99. Padre padrone by Paolo and Vittorio Taviani (1977)
  100. The Tree of Wooden Clogs (L'albero degli zoccoli) by Ermanno Olmi (1978)
Gedreht wurde an der Ostküste Siziliens: Die Industrieanlagen sind in Augusta (Ein Ort, der von Reiseführerautoren gehasst wird – alles, was Geld bringt, ist nur zuhause erlaubt, im Urlaubsland gibt's gefälligst heile Natur und pittoreske alte Steine aus dem Barock oder, besser noch, aus der Antike. Nächstes Mal, wenn ich auf der Insel hin, will ich unbedingt hin.) Das Hotel ist in Priolo, südlich von Augusta, alle Stadtszenen wurden in Siracus gedreht. Und weil Siracus die Wahlheimat von Erlend Oye ist, hab' ich einen Grund, hier noch einmal seinen Italo-Schlager einzubetten.

4 Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Sewhr schöner Eintrag, vielen Dank!

Andreas hat gesagt…

Kleine Ergänzung noch: Ermanno Olmis "Il Posto" haben wir nicht 2014, sondern am 25. 3. 2010 gesehen, wenige Wochen nach dem ersten Ende des VC-Blogs. Leider habe ich keine Aufzeichnungen darüber, wer dabei war. Du, Gunnar hast ihn sogar noch einmal gesehen, 2017, als Du wegen einer Gallenblasenoperation im Krankenhaus warst.

Gunnar hat gesagt…

Danke, ich hab's oben korrigiert.

x hat gesagt…

WUnderbarer Film, das tolle Feuerwerk der Schweißarbeiten, die zeitlich versetzten Schnitte, das kurze Aufkommen verliebter Nähe durch Briefdistanz, die dann beim Telefonat verpufft, der dramatische Regen zum Schluss, die Bildreise nach Italien, der sizilianische Kanerval. Nachgeholt, wenn ich noch eine Wertung abgeben darf... (?) Jö