Freitag, 22. Oktober 2021

Hotel Coppelia, Dom Rep, 2021

Die Kritik aus der Runde war so schnell wie eindeutig: schon nach wenigen Minuten kam der Vorwurfdas Ganze sei wohl vor allem die Gelegenheit, Titten vorzuführen. Nachdem es mit einer sehr unschönen Abtreibung mithilfe eines Kleiderbügels angefangen hatte. Und dann noch die Klischees von bösen Soldaten und tapferen Opfern. Und zu guter Letzt: langweilig und überhaupt nicht berührend.

Mich hat zunächst mal die Geschichte interessiert. Und dann auch berührt. Ein Bordell in der Dom Rep im Jahre 1965 wird erst von Soldaten der gewählten und weggeputschten Regierung besetzt, die dann von US-Soldaten vertrieben werden, die ihrerseits das Haus in Beschlag nehmen. Die Frauen, die dort wohnen und arbeiten, versuchen sich mit der Situation zu arrangieren, was erst mäßig und letztlich gar nicht funktioniert, sondern in die Katastrophe führt. Der Film endet mit Originalfotos, u.a. von Frauen, die sich der US-Invasion entgegen stellen und der Widmung des Films an eben die (unbekannten) Frauen. Erzählt wird nicht nur die Besetzung des Hauses und des Arrangements der Frauen mit den Soldaten, sondern auch das keineswegs konfliktfreie Verhältnis der Frauen untereinander. Die sehr rigide Chefin kontrolliert und dominiert die Prostituierten, Frauen wie auch Transvestiten, permanent, ist in der Belegschaft höchst umstritten, enthält ihnen Informationen zum Kriegsverlauf vor und muss sich mit Forderungen nach Schließung des Hauses für die Dauer des Krieges auseinandersetzen.

Ich fand das Ganze wenig vorhersehbar und spannend bis zum letzten Moment, und ziemlich berührend durch die wachsende Verzweiflung und die Ausweglosigkeit der Situation, in die die Frauen geraten.

Die wichtigsten Charaktere sind differenziert, konfliktbeladen und widersprüchlich gezeichnet und von Klischees somit weit entfernt. Zutreffend ist dieser Vorwurf allerdings bei den soldatischen Figuren jedweder Art. In den Nebenrollen also. 

Quasi nebenbei lernt der wohl meistens gänzlich unwissende Zuschauer auch noch etwas über die Geschichte der Dominikanischen Republik. Mir jedenfalls war das alles neu, jetzt bin ich etwas schlauer. Ein weiterer und wichtiger Verdienst des Filmes ist der immer notwendige Hinweis darauf, dass die widerwärtigsten und auch spannendsten Geschichten des Krieges sich vor allem da abspielen, von wo nicht oder zumindest eher selten berichtet wird.

Schauspielerisch ist das alles grundsolide gespielt, hervorstechend Lumi Lizardo als die Bordellchefin Judith, die ich gerne noch in anderen Filmen sehen würde. Ebenso Licht, Kamera und Schnitt, alles tadellos und sehenswert, wenn auch nicht spektakulär. Das ist allerdings auch nicht der Anspruch des Films.

Auf dem Sofa neben dem Gastgeber saßen Überraschungsgast Stefan, Silke, Gunnar und Andreas S. Per Fernübermittlung waren außerdem Larissa, Miriam, Tilmann und Jö zugegen.

Unter besonderen Vorkommnissen ist festzuhalten, dass es keine Erdnüsse gab und Andreas voreilig die Snackkrise ausgerufen hat. Abhilfe kam natürlich mit der zweiten Runde, die notwendig war, weil der Tisch mit der ersten restlos voll war!

4 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Kleine Korrektur: Das mit der Tittenvorführung war nicht als Vorwurf sondern als Überlegung, als Frage formuliert und wurde auch nicht gleich zu Beginn sondern mittendrin geäußert. Und es wurde sofort darauf reagiert und widersprochen und darauf hingewiesen, dass angesichts von Handlungsort und dem ausgeübten Beruf der Hauptfiguren überraschend weitgehend auf den Male Gaze verzichtet wurde. Und auf die sogar deutlicher gezeigte Nacktheit von Männern hingewiesen. Mein Eindruck war, dass sich alle auf diese Sicht einigen konnten.

Dagegen wurde jede Menge harsche, fundierte – und wie ich finde – berechtigte Kritik ausgeübt, die hier ein wenig ark verkürzt widergegeben wird. Hat jemand Lust, das noch einmal zusammen zu fassen? (Ich nicht.)

x hat gesagt…

wir hatten auch über Länderpunkte diskutiert, und ob es richtig sei, Filme nach Produktionsorten zu wählen. Ich bin generell FÜR Länderpunkte, also her mit Filmen aus entlegenen Ländern, vor allem wenn sie dort spielen, denn sie befriedigen mein touristisches Kulturinteresse.

am Film gemäkelt wurde, weil das Geschichtliche so ein bissl hinter dem Melodram zurückblieb, und weil die im Abspann formulierte Hommage an die unbekannten Frauen in der Revolution/Besatzung den Kritikern nicht deutlich geworden war. Zu viel Melodrama, zuwenig Geschichte, wenn ich recht erinnere. Der Film hatte die Anmutung einer Serie, was bei dem Berliner Publikum auch nicht so gut ankam.

Als stärksten Fürsprecher habe ich Stefan in Erinnerung, der dem stärksten Kritiker - Tilmann (wenn ich recht erinnere) - meist widersprach.


Gunnar hat gesagt…

Danke!

Doof fanden Tilmann und Stefan den Film beide. Der Dissens betraf die Frage, wie die Unkonventionalität des Plots zu bewerten sei. (Klischeehaft und stereotyp war die Figurenzeichnung, da herrschte Einigkeit.) Stefan (und Andreas und ich) fanden, dass das ein eher erfreulicher Aspekt sei: Die Handlung werde nicht nicht wie im Drehbuchseminar gelehrt stumpf nach den üblichen Mustern abgewickelt, sondern mäandere unvorhersehbar dahin. Das war für Tilmann (und Silke) dagegen ein weiterer Minuspunkt, die Handlung "funktioniere nicht", man käme schwer hinein, bliebe emotional unbeteiligt. Stefan verstieg sich ein bisschen, als er prinzipiell jede konventionelle Handlungsführung verdammte, nach Godard ginge das einfach nicht mehr, meinte er so etwa.

Rene hat gesagt…

Ich hab den Film vorgestern nachgeholt und ihn besser vertragen als Schamoni!
Das war solide Handarbeit aber richtig gepackt hat mich das leider nicht obwohl die Idee der Story gut war. Ich fand die Charaktere des Bordells auf jeden Fall sehr interessant von der Puffmutter, über ihr Kind bis hin zu dem Transvestit. Am Ende blieben aber alle ziemlich blass.