Freitag, 5. März 2021

Seconds (USA 1966, John Frankenheimer)

Nachdem mit Spiegeln und Verzerrungen die Einleitung (von Saul Bass gestaltet) stilistisch den Ton – bzw. das experimentelle Schwarz-Weiß-Bild (Kamera James Wong Howe, der für die Arbeit am Film Oscar-nominiert war) – angibt, folgt eine nicht von allen goutierte Handlung: Ein beruflich erfolgreicher Bankmanager wird durch ominöse Anrufe eines vermeintlich verstorbenen Freundes und durch merkwürdige Zettelnachrichten veranlasst, sich auf einen Vertrag einzulassen, der ihm ermöglicht sein bisheriges Leben zu verlassen und ein neues zu beginnen. Ein Unternehmen vollzieht die nötigen Maßnahmen von Gesichtsoperation bis zum neuem Namen, Berufsfeld und Wohnort und inszeniert gleichzeitig seinen Tod als Brandopfer. Der Mann kann sich weder auf die großzügige Freiheit als Künstler mit schon bestehendem künstlerischem Erfolg einlassen noch auf bukolische Freizügigkeit, die er durch eine attraktive Frau auf einem Weinfest erlebt. Er betrachtet sein neues Leben als neues Korsett, das dem vorherigen Bankerleben stark vergleichbar ist, und beantragt bei dem Unternehmen noch eine weitere Umoperation, um jetzt sein Leben richtig neu zu beginnen. Am Ende wird deutlich, dass ihm diese Möglichkeit aber nicht offensteht, sondern dass er als Kadaver für einen neuen Klienten eingeplant ist.

„Starker Tobac“ kommentierte Andreas im Chat, „Erklärungsbedarf“ ließ Rene verlauten, „schrecklich“ und „Schmarrn“ bemängelte Miriam. Der Großteil der Runde war aber von der Kameraarbeit beeindruckt und von der verstörenden Story angetan. Besonders herausragend sind die wechselnden Kamerawinkel, verzerrte Nahaufnahmen und verwischende Bilder. Im Detail ist unterschwelliger Humor entdeckt worden – für mich das Highlight die Aufschrift von Schlachtereiwagen „the used cow dealer“ – andererseits wurden Continuityfehler ausgemacht, was angesichts der eher surrealen Handlung eventuell geplant war.

Egal: Frankenheimers Film erschien vier Jahre nach Birdman von Alcatraz. An den Kassen floppte der Film. Rock Hudson in der Rolle des umoperierten ist in einer für ihn eher ungewöhnlichen Rolle zu sehen. Andererseits aber auch passend: Als homosexueller Mann (und erstes prominentes AIDS-Opfer mit 59 Jahren) spielte er ja eher den romantischen Kerl an der Seite von Doris Day. Frankenheimer hätte wohl lieber Lawrence Olivier in den beiden Rollen von Hamilton/Wilson gesehen, aber das Studio habe auf Rock Hudson bestanden. Die ausgelassenen Szenen von nackten Männern und Frauen auf dem Weinfest würde für den ursprünglichen Release stark geschnitten; für „unsere“ Version waren sie wieder aufgenommen. Somit klärt sich eine Frage, die aufkam: in den 60ern war der Film so freizügig nicht zu sehen.

In einem Blogbeitrag { filmmusicjournal.ch/nahaufnahme-seconds/ } ist zu lesen, dass Frankenheimer mit in dem Weinbottich war und eine Handheld-Camera zum Einsatz kam; Rock Hudson in der nachfolgenden Partieszene tatsächlich betrunken war.

Mir persönlich gefiel auch die traurige Eheszene, in der sich die Frau ihrem Mann körperlich annähern möchte, er aber nicht reagiert.

Mit beim virtuellen VC waren: Andreas, Gunnar, Jö (Gastgeber), Maren, Miriam, Rene, Silke.

9 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Zu den Schnitten beim Shanty-Weinfest: In dem bei Telegram verlinkten Artikel bei ascmag liest sich das ganz anders: Gerade die Schnitte hätten bewirkt, dass es nach Orgie aussieht. Die Zensur habe also das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung zur Folge gehabt.

"In order to get a certificate to distribute the film, Frankenheimer had to submit to the conservative scrutiny of the Motion Picture Production Code, which ordered a long list of deletions. Paradoxically, by shortening and deleting shots, the festival sequence picked up a sexual energy. "The result was that it looked like an orgy, but it wasn't supposed to be and I didn't shoot it that way," Frankenheimer told Champlin. "The irony is that it was much more innocent in my version than in the one you see after the Code guys got through with it. You could also get a Condemned rating from the Catholic Church, and a major studio wouldn't go out with a Condemned rating on a picture. We had two priests looking over the movie saying, 'You have to cut this, you have to cut that.' Under protest, we did, and it ruined the whole intent of the scene." Seconds ultimately received a Class B certificate from the Legion of Decency.

Gunnar hat gesagt…

Wiki: "Seconds became known for its connection to the Beach Boys' Brian Wilson. The story, which originated in the October 1967 magazine article "Goodbye Surfing, Hello God!",[9] goes that when he arrived late to a theater showing of Seconds, he appeared to be greeted with the onscreen dialogue, "Come in, Mr. Wilson." He was convinced for some time that rival producer Phil Spector (one of the film's investors) was taunting him through the movie, and that it was written about his recent traumatic experiences and intellectual pursuits, going so far as to note that "even the beach was in it, a whole thing about the beach."[10][11] He later cancelled the Beach Boys' forthcoming album Smile, and the film reportedly frightened him so much that he did not visit another movie theater until 1982's E.T. the Extra-Terrestrial."

Miriam hat gesagt…

Sorry für mein vernichtendes Urteil, aber die angesprochene Eheszene hat mir auch gut gefallen und die Mad-Men-mäßige Ausstattung des Büros zu Anfang.

Gunnar hat gesagt…

Nochmal zur Zensur: Hab' nicht aufmerksam gelesen. Die entscheidenden Schnitte haben dann offenbar die Priester veranlasst.

"In 1996 Paramount lengthened Seconds by restoring an original, more racy cut of the scene at the Santa Barbara wine fair. It may confuse those who saw the film's domestic release, which could never have contained this content. The nude scenes were found intact on a negative for French export. But the French censors cut a scene in which Rock Hudson is given fake credentials for his new persona as a high-toned artist, including a counterfeit diploma from the Sorbonne. Apparently the French censor wasn't bothered by the full-frontal nudity, but couldn't abide the affront to the integrity of the Sorbonne." (von https://www.dvdtalk.com)

Gunnar hat gesagt…

Großartiger Film so oder so! Visuell genauso überraschend wie Soy Cuba. Toll, dass wir den gesehen haben.

Andreas hat gesagt…

Nur für's Protokoll: Mein Kommentar "Starker Tobak!" war nur eine spontane Reaktion auf das schockierde Ende des Films. Als Kritik war das nicht gemeint, schon gar nicht an dem Film insgesamt, den ich alles in allem großartig fand. Für Film, Blogeintrag und die interessanten Kommentare und Links, die ich irgendwann mal in Ruhe durcharbeiten muss, herzlichen Dank!

Andreas hat gesagt…

OK, ganz so viel zum Durcharbeiten war dann doch nicht. Aber sowohl die Geschichte mit Brian Wilson als auch die mit den französischen Zensoren ist natürlich unbezahlbar.

Rene hat gesagt…

Ganz großartig, dass der Blogbeitrag schon fertig ist - da kann man sich dann noch erinnern, was man da gesehen hatte - Lob an Jö!
Den Film fand ich auch gut, also die Machart und Umsetzung war, wie schon in der Telko erwähnt, meiner Meinung nach seeehr innovativ.
Ich brauchte halt nur einige Erklärungen, was die Handlung betraf!
Kann ja auch an den nicht vorhandenen Untertiteln gelegen haben :-D
Die Story hat ja schon was philosophisches - da kann man ja mal nach Input fragen oder etwas länger diskutieren.

Rene hat gesagt…

Ich hab mir jetzt mal den Schweizer Blogeintrag durchgelesen und bin echt neugierig auf die anderen Filme der Paranoia-Trilogie: "The Manchurian Candidate" und "Seven Days in May" kenne ich nicht - die werd' ich mir asap zu Gemüte führen...