Freitag, 12. März 2021

Kajillionaire (Miranda July, 2020)

Miranda July macht alles Mögliche: Kunst, Literatur, Musik und Film. Ihr erster Spielfilm von 2005, Me and You and Everyone We Know, ist für mich einer der absoluten VC-Höhepunkte. The Future, den wir ein paar Jahre später auch im VC gesehen haben, war dann nicht mehr ganz so toll. Auf Kajillionaire, ihren dritten Film, war ich darum zwar gespannt, hab’ aber auch befürchtet, vielleicht enttäuscht zu werden. Zumal sich die Stichworte, die man zum Inhalt zu lesen bekommt, nicht so richtig toll anhören: Ein Gaunerpärchen (Richard Jenkins und Debra Winger) hat eine erwachsene Tochter, Old Dolio, gespielt von Evan Rachel Woods, die sie fest an sich gebunden haben, ohne ihr je ein bisschen Zuneigung zu schenken. Erst durch die Intervenierung einer weiteren jungen Frau (Gina Rodriguez), die von dem Pärchen für kleinkriminelle Coups ausgenutzt wird, löst sich ganz langsam die Starre der Tochter. Nur 6,5 bei IMdB. Oha. Will man das sehen?

Und dann ist es doch ein ganz wunderbarer Film, für mich sogar der Beste von 2020, glaub’ ich, von der ersten Einstellung an. Was für ein Einfallsreichtum, was für bizarre, absurde, hochkomische Ideen auf allen Ebenen. Die Charaktere, die Situationen, die Locations, die Dialoge, die Ausstattung, es hat alles Witz und ist bis ins kleinste Detail liebevoll ausgetüftelt. Doch, wie Tilmann es in der Telko auf den Punkt gebracht hat, dazu kommt, dass Miranda July es andererseits richtig ernst meint. Die Not ihrer angeknacksten Hauptfigur ist ihr wichtig, wie überhaupt Nähe und Vertrauen und Zärtlichkeit. Mich macht diese ganz eigenwillige filmische Erzählweise geradezu glücklich. Ich kann davon nicht genug kriegen. Leider mangelt es an Nachschub, wie schon in der Telko angemerkt wurde.

Wie waren die Reaktionen in der Runde? Überwiegend positiv. Tilmann war ähnlich angetan wie ich, Maren, Silke, Abo, Andreas und Nick, der mit mir zusammen geguckt hat, fanden’s gut, ohne ins Schwärmen zu geraten, Jö mochte den Film zwar auch, war aber andererseits von der Darstellung der Old Dolio durch Woods genervt. Und Sven konnte nix damit anfangen. Me and You and Everyone We Know fand er aber damals offenbar, wie alle Anwesenden, gut, wie dem Blogeintrag zu entnehmen ist. Festgehalten ist da auch, dass er zwei Wochen vorher den Erzählungsband Julys von Angela zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Wie er den wohl gefunden hat? Der Abend, an dem wir The Future geguckt haben, ist leider nicht dokumentiert.

Bilder, die ich nicht vergessen werde: Der Schaum, der die Wand runterläuft. Der geduckte Gang am Schaumfabrikgelände lang, um vom Vermieter nicht gesehen zu werden. Die Sternenhimmelschwärze im Tankstellenklo. Die Luftmassage. Old Dolio, die auf der Tankstelle Melanie hinterherrobbt. Der Kuss an der Supermarktkasse und Bobby Vinton schmalzt dazu. (Zwei Tage vorher hatten Nick und ich gerade Blue Velvet gesehen. Seltsamer Zufall.)

Lieblingsdialogstelle: Old Dolio: "I have a suggestion for your." Melanie: "What?" Old Dolio: "Wear more clothes. You‘re making everyone feel uncomfortable"

Lieblingsszene: Wie Old Dolio beiläufig unterm Tisch Melanie einen Zahnstocher reicht. (Ihre Mutter hat ihr früher im Film erklärt: "When a Man gives you wood – anything made out of wood – he's saying: 'You give me wood'.)

Zur Unklarheit mit den Flugtickets: Sie haben einen Gutschein für zwei Erste-Klasse-Tickets, den man in einen für drei Zweite-Klasse-Tickets umtauschen kann.

Und noch ein paar Bewertungen: Metascore: 78. Rotten Tomatoes: 90% Der Audience Score ist aber bei RT noch viel niedriger als bei IMdB: 47 (!). ("This movie was very strange and very slow. Don't waste your money. Not sure what the point of it was supposed to be. It's 1:45 you'll never get back.")

3 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Ein paar Kritiken:

Richard Brody im New Yorker. ("Kajillionaire is a metaphorical vision of a world out of whack, and it
sees the disturbances in a vicious cycle that links economic despair,
embittered nostalgia, and wanton cruelty. July’s aesthetic imagination
is inseparable from her empathetic curiosity and emotional urgency; it
tempers a howl of anguish at a world of pain into a kind of cinematic
music that unfolds it in nuanced detail and extends a hand of
consolation, even offers a note of hope.")

Anthony Lane im New Yorker (When Melanie says that “most happiness comes from dumb things,” she’s being honest rather than sententious, and July uses “Kajillionaire” to present her credentials as a transcendentalist of the humdrum. Look at Old Dolio buying fat bags of snacks in a convenience store, in the aftermath of a very minor earthquake, which she believes to be “the big one.” Notice the sunlight flaring through her hair as she dances, badly and wildly, or the extreme closeup of her fingers as she prizes off Melanie’s acrylic nails, making every effort not to hurt her. Life can be as mean as sin, and pleasure can pop at any moment. You have to catch the bubbles while you can.)

Ann Hornaday in der Washington Post ("Funny, poignant and ultimately triumphant, Kajillionaire is a precarious balancing act, one that July pulls off with astute writing, careful staging and trust in her actors to strike precisely the right emotional tones, whether they be tender or breathtakingly tough. (...) Quirky? Sure, but it's so much more than that. It's Miranda July, at her closely observed and compassionate best.")

Bilge Ebiri in Vulture ("This all sounds very cute, and your mileage may well vary; I found it
mostly hilarious. But it also feels like an escalating anxiety dream.
July is so good at keeping us off-edge: Most directors not named David
Lynch wouldn’t be able to handle just one of these aforementioned
surreal elements — they’d either overplay it, or underplay it — but July
effectively immerses us in this defiantly unpredictable world. Her
treatment of the material is narratively matter-of-fact, but visually
precise: Like a good comedy director, she frames the characters’ weird
interactions and movements in such a way as to make sure we get the gag,
but she doesn’t dwell too long on any of it. She keeps things moving,
and soon enough, the strangeness just becomes part of the movie’s
reality. We go with it.")

Eric Kohn in IndieWire ("Elevated by an extraordinary Evan Rachel Wood performance that finds her
character literally discovering her free will, “Kajillionaire” splits
the difference between “Shoplifters” and “Parasite”: It’s an understated
dramedy with bite, oscillating from the implication that family bonds
are bullshit to the conclusion that everybody deserves a little tough
love.")

Rene hat gesagt…

Okay, gut dass ich an dem Tag verpennt hatte - ich hätte mich mit Sven verbrüdert und hätte fie ganze Zeit nur gemault!
Auch ich hab in früher Vorzeit mal "Me, You and everyone we know" gesehen und fand den ganz großartig (so sehr, dass ich den wohl noch einmal schauen werde) und als ich gesehen hab, dass "Kajillionaire" in der Plex Biblio landete wollte ich den unbedingt auch schauen - beim ersten Versuch ist es gescheitert, da ich wieder Probleme mit den Untertiteln hatte. Gestern nun externe Subs in deutsch UND englisch! So press the button!
Dann kam ein Film, wo ich dachte, dass soll wohl eine Komödie werden aber kein Gag hat gezündet und für ein Drama war es mir zu albern:
Die Machart ist toll und die von Gunnar beschriebenen Szenen sind mir auch aufgefallen und es gab noch einige mehr.
Irgendwie hat es mich an Wes Anderson erinnert aber es hat mich überhaupt nicht mitgenommen. Irgendwann hab ich es einfach über mich ergehen lassen - mit dem Finger auf dem Stopp-Knopf - hab es aber dann doch bis zum Ende durchgehalten, war aber froh als es vorbei war.
"Not sure what the point was. It's 1h45'' you'll never get back!"

Gunnar hat gesagt…

Miriam – die nicht mitgeguckt hat, aber in den Telkos dabei war – hat mündlich meiner Darstellung widersprochen, dass die Reaktionen auf Kajillionaire überwiegend positiv gewesen seien. Nur Tilman und mir habe der Film gefallen, alle anderen hätten ihn "schwachsinnig" gefunden. Andreas etwa sei nur "höflich" gewesen.