Freitag, 31. Juli 2020

The Last Black Man in San Francisco (USA 2019, Joe Talbot)

Real war einzig Miriam zu Gast bei Sven, virtuell gesellten sich noch Jö, René und Andreas S. dazu. Alle anderen waren mit Koffer packen, Reisen oder Geburtstagsfeiern beschäftigt. 

Gezeigt wurde The Last Black Man in San Francisco, den Regisseur Joe Talbot nach den Erzählungen seines alten Freundes und Hauptdarstellers Jimmie Fails gedreht hat. Es handelt sich also um eine im Wesentlichen wahre Geschichte.

Jimmie träumt davon, das Haus seiner Kindheit, das angeblich sein Großvater 1946 gebaut hat, wieder in den Besitz der Familie zu bringen. Die viktorianisch-verspielte alte Villa kostet aber mittlerweile ungefähr vier Millionen Dollar und übersteigt damit die Möglichkeiten seiner ärmlichen Verhältnisse.

Jimmie renoviert gegen den Willen der Bewohner immerzu an dem Haus herum, wird dafür mit Croissants beworfen und wartet auf seine Chance. Als die Bewohner ausziehen müssen, zieht er mit seinem Freund Monty und dem alten Familienmobiliar kurzerhand in das Haus ein. 

Das Glück dauert nicht lang, der Makler schmeißt die beiden samt Mobiliar vor die Tür und Monty findet heraus, dass Jimmies Großvater das Haus nicht gebaut hat, sondern dass es schlappe hundert Jahre älter ist. 

Das Haus ist der Aufhänger um über die Gentrifizierung von San Francisco ebenso wie über Jimmies und Montys Freundschaft, über ihre Träume zu erzählen und wie sie platzen. Das gelingt mit einem einerseits realistischen Blick auf die Wohn- und Eigentumsverhältnisse und andererseits mit einem sehr liebevollen, fast märchenhaften Blick auf die Freundschaft der beiden, die Menschen in ihrer Umgebung und nicht zuletzt auf San Francisco. 

 

Eine Fahrt der beiden mit Jimmies Skateboard durch die Stadt ist eine der ungewöhnlichsten und schönsten Kamerafahrten, die ich je gesehen habe.


Und selbstverständlich lässt sich der Film nicht die Chance entgehen, die topografischen Eigenarten der Stadt wunderbar in Szene zu setzen. 

Das haben wir zwar schon vor 45 Jahren in "Die Straßen von San Francisco" gesehen, aber nie in solchem Licht, nie mit einer so dahin ruhig fließenden Kamera. 

Dazu gibt es ein paar sehenswerte Nebenschauplätze, wie z. B. die sehr comichafte Gruppe junger Männer, die im Gangsta-Style an der Ecke rumhängen, nichts als blöde Sprüche zu bieten haben und sich letztlich aber auch als verletzliche Menschen erweisen oder Jimmies Begegnung mit seiner Mutter, die er nach vielen Jahren zufällig in der Straßenbahn trifft.

Das wird alles unaufgeregt und selbstverständlich erzählt, angefangene Geschichten bleiben offen, Fragen sowohl des Zuschauers als auch der Protagonisten bleiben unbeantwortet, Sehgewohnheiten kann man getrost vergessen. Dieser Film ist anders. Schauspielerisch alles sehr souverän mit überraschenden Auftritten von Danny Glover als Montys blindem Vater und dem Sänger der Dead Kennedys Jello Biafra als Stadtführer. 

Die Reaktionen in unserer Runde schwankten von schwer begeistert (René) bis schwer genervt (Andreas). Ich denke, er ist allein wegen seiner unkonventionellen Machart und Figuren und einem sehr genauen und menschenfreundlichen Blick sehr sehenswert. 

Die Musik wurde auch diskutiert, aber das sollte hier (bei Bedarf) jemand anders kommentieren, da weiß ich nichts mehtr von, außer natürlich: https://www.youtube.com/watch?v=7I0vkKy504U


7 Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Schöner Film, schöner Eintrag!

Rene hat gesagt…

Ja, ich bin immer noch begeistert.
...und biete noch das zum Thema Musik:
https://www.youtube.com/watch?v=xVfzriupFjU

Gunnar hat gesagt…

Ich hab’ ihn mittlerweile nachgeholt. In den ersten fünf Minuten dachte ich, das ist für mich die VC-Entdeckung des Jahres. Aber dann setzte leider doch eine gewisse Ernüchterung ein. Wahnsinnig toll gefilmt und auch gut gespielt, Musik super, sehr atmospärisch. Thema auch toll. Was kann da noch schief gehen? Na der Plot wieder mal. Dass die ganze Bindung zum Haus auf dem Irrtum oder der Lüge beruht, dass Opa das eindeutig viktorianische Haus mit den eigenen Händen gebaut hat fand ich ziemlich doof. In meinen Augen unglaubwürdige, unnötige, nicht funktionierende Emotionalisierung. Und von der unsäglichen „Theateraufführung“ als dramatischen Höhepunkt will ich gar nicht erst anfangen. Mein Fazit wäre: Formal toll, aber leider trotzdem gescheitert. Würde ich definitiv nicht weiterempfehlen.

Gunnar hat gesagt…

Habt ihr mitbekommen, dass der Segway Tour Guide JELLO BIAFRA ist?!?

x hat gesagt…

ja. wurde nach dem Film kommentiert

Gunnar hat gesagt…

Gestern Abend, als wir den japanischen Film "Fire Festival" geguckt haben, habe ich gesagt, dass mir der in jedem Fall besser gefallen habe, als "The Last Black Man in San Francisco". Das war eigentlich nur eine Provokation, da ich wusste, wie schwer die Meckerpötte neben mir von eben diesem Film begeistert waren. Aber ich glaube, dass es auch stimmt. Lieber ein Film, der schwer zugänglich ist und fragwürdige Aussagen macht und schockierende Elemente enthält und sich traut mit überhaupt keinen sympathischen Figuren aufzuwarten, als ein Film, der nur scheinbar ein Thema hat (Gentrifizierung und Rassismus) und dann ohne irgendeinen interessanten Gedanken gefühlig, glitzernd und gefällig leicht verdaulich dahingleitet.

Mir ist heute ein Buch wieder eingefallen, dass ich vor ein paar Jahren gelesen habe. Von Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm. Da geht's um Gentrifizierung in Mumbai. Da wird exemplarisch vorgeführt, wie man an ein solches Thema herangehen kann. Ein Buch, das prallvoll ist mit Ideen zu gesellschaftlichen Folgen der Gentrifizierung, gnadenlos sezierend. Wie toll wäre es, wenn die visuelle Kraft des "Last Black Man" mit der inhaltlichen Tiefe des "Letzten Manns" kombiniert wäre!

Rene hat gesagt…

Hier mal der von Gunnar gefundene "New Yorker"-Artikel - passt so gut zum Film, dass ich denke, er kann für nachkommende Generationen noch interessant sein:
https://www.newyorker.com/magazine/2020/12/07/using-the-homeless-to-guard-empty-houses
Solange The New Yorker oder Google nicht pleite gehen oder nur noch von Obdachlosen verwaltet werden - was ja alles passieren kann.