Der opulent ausgestattete Film „Survive Style 5+“ von Gen Sekiguchi verknüpft
fünf Handlungsstränge, die zunächst unzusammenhängend erscheinen. Ein Mann ermordet
und begräbt seine Frau, die aber immer wieder in seinem riesigen Haus auftaucht.
Fünfmal tötet er sie nach diversen spektakulären Kampfszenen. Eine Werbefilmkonzepterin
lässt ihren Liebhaber, einen populären Hypnotiseur ermorden (wie sich nach einiger
Zeit herausstellt); ihre schrägen Werbefilmideen brechen die Handlung auf. Eine 4-Personen-Familie besucht einen Auftritt des besagten Hypnotiseurs,
bei dem dieser auf der Bühne ermordet wird. Kurz zuvor hypnotisiert er noch den
Familienvater in einen Vogel; der Mann kann aus dem Zustand nicht zurückgeholt
werden. Der Hypnotiseur wiederum wird von einem englischen Hitman erstochen
(Vinnie Jones, bekannt aus den Guy Ritchie-Filmen „Lock, stock and two smoking
barrels“ und „Snatch“), der von einem japanischen Auftragsmörder eingeflogen
wird; der Japaner übersetzt den Briten und für ihn, wobei er auch dessen Körpersprache übernimmt. Schließlich der fünfte Erzählstrang:
drei junge Männer brechen in diverse Wohnungen ein und feiern ihre jeweiligen
Beuteerfolge.
Jede dieser Geschichten besteht aus vielen kleinen Geschichten
und ist detailreich ausgestattet. Der mordende Mann zu Beginn, hört
schließlich auf, seine Frau zu töten, verliert sie aber an den Hitman, der
seinen ersten (auch misslungenen) Versuch, die Frau zu töten, ‚gutmachen‘ will.
Am Ende versucht der Mann Selbstmord zu begehen; die Werbefilmerin verliert ihr
Aufnahmegerät, das ihre gesammelten Ideen enthält; die Familie versucht mit der
Verwandlung des Vaters klarzukommen, der in seinem Vogelwahn beginnt, fliegen
zu lernen; der Hitman fliegt zurück nach Britannien; die jungen Männer offenbaren
ihre homosexuellen Neigungen. Der Film endet damit, dass der Vogel-Vater den
aus dem Fenster stürzenden 5fach-Mörder-seiner-Frau auffängt und von den
anderen Charakteren beim Fliegen gesehen wird. Darauf befragt der britische Auftragskiller
einen Brokkoli, was dessen Rolle im Leben sei – ein Running Gag des
Films. Immer wieder befragt die Vinnie-Jones-Figur unvermittelt eine andere
Person, was denn deren Rolle im Leben sei.
Inszeniert wird mit komischen Übertreibungen und diversen Anspielungen auf J-Horror,
Gangsterfilm, Manga und überkandidelte Werbeästhetik. Das Ergebnis bewertete der
hybride Videoclub bei Andreas und per Jitsi unterschiedlich von blöd über
mittel bis klasse.
Mein Eindruck war, dass der Regisseur, der sonst als TV- und Werbefilmer
arbeitet, viele tolle kleine Ideen hatte, die sich im Detailreichtum des Films
wiederspiegeln. Den Schnitt fand ich grandios, Musik
und Rhythmus, die Farben, alles ist grell in den Vordergrund gerückt. Die
Handlung zeichnet sich durch viele Wendungen und Unerwartetes aus. Gleichzeitig
ist der Humor im Verlauf des Films zunehmend klamaukig – streckenweise die
Schmerzgrenze des Erträglichen strapazierend. Für manche in der Runde franste
die Geschichte in Langweile aus. Mir gefiel das Comichafte und Überzeichnete,
besonders auch der Anfang mit seinen bunten Credits – dennoch gefielen mir andere
japanische Filmen mit vergleichbar ‚hedonistischer‘ Bild- und Ideenfülle besser
– die lustigen, Manga-basierten „Kamikaze Girls“ (Tetsuya Nakashima, auch 2004)
und besonders die extremen vier Stunden von „Love Exposure“ (Sion Sono, 2008).
So wie die opulenten Bilddetails die Oberfläche zelebrieren, sind auch alle
Figuren oberflächlich: die philosophische Frage, nach der Rolle im Leben, kann einerseits
niemand beantworten, andererseits bleibt sie nur eine hohle Phrase, die man
auch einem Brokkoli-Röschen stellen kann. In einer Szene mit zwei jungen Frauen
im Restaurant erwähnt die eine, sie sei vergewaltigt worden. Sie ist stark
bandagiert zu sehen. Die andere fragt kurz nach, wie es ihrem Körper gehe,
kümmert sich aber nur ums eigene Handy. Die erste redet ohne Übergang von etwas
ganz anderem. Gewalt, Tod, Philosophie sind gesellschaftliche Scharmützel ohne
Nachhall.
Einige der Schauspieler*innen tauchen in den Filmen erfolgreicher Regisseure
auf. Tadanobu Asano (der mordende Gatte) war der erste Ehemann in „Maborosi“ von
Hirokazu Kore-eda, Hiroshi Abe (der Hypnotiseur) hatte in dessen Filmen „I WIsh“
und „Still Walking“ zum Teil tragende Rollen. Yoshiyuki Morishita (einer der Diebe,
mit den schiefen Zähnen) hatte eine Rolle in „Kill Bill 1“ von Tarantino und in
„Ichi der Killer“ von Takeshi Miike (Hauptrolle darin hatte Tadanobu Asano, der
hier mordende Gatte). Kyōko Koizumi (die Werbefilmerin) ist seit den frühen
1980ern eine erfolgreiche Popsängerin. Nebenrollen: Die lange Filmographie des
1939 geborenen Sonny Chiba (Firmenchef) umfasst viele Martial-Arts-Filme und ebenfalls
„Kill Bill 1“. Tomokazu Miura (Arzt) trat in „House“ und anderen Filmen von Nobuhiko
Obayashi auf.
Mehr schreibe ich jetzt nicht.
Jö
anwesend waren Andreas (Gastgeber), Silke, Andreas B., Gunnar, Sven.
Per Jitsi zugeschaltet: Jö (Vorführer), Miriam (die aber dem Film fernblieb),
Tilman

2 Kommentare:
Toll, danke für die ausführliche Beschreibung. In der ersten Hälfte, als die Stränge noch gar nicht zusammengeführt und die Kämpfe mit der nicht sterben wollenenden Gattin noch völig überraschend sind und sich eine visuell überbordende Szene an die nächste reiht, haben Andreas und ich uns verdattert gefragt, wieso wir von diesem Film verdammt nochmal noch nie etwas gehört haben. Sehr beeindruckend, das alles. Und die klamaukigeren Aspekte waren dank der Absurdität auch zum allergrößten Teil erfreulich, fand ich.
Viel zu lesen gibt's über den Film nicht im Netz. Hier immerhin ein paar schöne Kommentare bei Letterboxd: https://letterboxd.com/film/survive-style-5/reviews/by/activity/
Zum Beispiel:
"A few lessons imparted by Survive Style 5+:
1. Home invasion can be fun.
2. If a guy who looks like Vinnie Jones gives you a hard stare and asks you "What's your function in life?" - just run.
3. Never, ever let yourself be hypnotized.
4. If you take steps to murder your wife, you'd better make sure she's really dead, because if she isn't... Look out.
5. If someone thinks they're a bird, maybe they are.
Easily one of my favorite viewings this year. Perfectly demented."
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