Freitag, 7. August 2020

Le soldatesse (Valerio Zurlini, 1965)

Valerio Zurlini ist einer der großen, vergessenen Regisseure des italienischen Kinos. Acht Filme hat er gemacht, fünf davon – einschließlich „Le Soldatesse“ haben wir im VC gesehen und mehrheitlich großartig gefunden. Anderswo hätten wir sie nie zu sehen bekommen. In Deutschland gab es bislang noch keine Retrospektive,  auch keine Bluray- oder DVD-Veröffentlichungen. Und auch im Rest der Welt ist keine Wiederentdeckung in Sicht. Zu „Le Soldatesse“ gibt es einen einzigen User-Kommentar. Und zwei verlinkte externe Kritiken. Auf italienisch.

Seine Filme sind durchweg mit großen Namen besetzt, das waren fast durchweg internationale Produktionen, die auch Festival-Erfolge gefeiert haben. Für „La ragazza con la valigia“ mit Claudia Cardinale gab es in Cannes die goldene Palme. „Le Soldatesse“ hat immerhin in Moskau den „Special Silver Prize“ gewonnen. Zur abgeschlagenen Konkurrenz gehörte auch Vittorio de Sicas „Hochzeit auf Italienisch“ mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni.

„Le Soldatesse“ spielt im zweiten Weltkrieg, genauer gesagt im griechisch-italienischen Krieg, über den wir alle nicht viel wussten.

Das faschistische Italien hatte 1940 Griechenland überfallen und ist auf erbitterten Widerstand gestoßen. Nur durch deutsche Unterstützung konnte das im folgenden Jahr schließlich zu einer Besetzung führen. „Die Einen sagen, ihr habt verloren, die Anderen, ihr habt gewonnen“, sagt eine Griechin im Film zum italienischen Leutnant.

Die Geschichte: Drei italienische Soldaten transportieren eine gefährliche Fracht in einem LKW. Aber bei der Ladung handelt sich nicht wie in „Lohn der Angst“ um Nitroglyzerin, sondern um griechische Frauen, die sich aus Hunger und Verzweiflung als Prostituierte für die italienische Armee freiwillig gemeldet haben. Und das macht den LKW zu einer Zielscheibe für Partisanen.
Zuerst hat das Ganze noch eine gewisse Leichtigkeit, unterstützt von Mario Nascimbenes heiterer, folkloristisch anmutender Musik, aber das schlägt unvermeidlich um. Der Krieg rückt immer näher. Im Verlauf der Reise verändert sich aber auch das Verhältnis der Reisenden zueinander und es kommt zu Liebesverhältnissen, von denen eines sogar die Chance hat, die Filmhandlung und den Krieg zu überdauern.

Die Darsteller spielen durchweg großartig und sehen durchweg ebenso aus. Anna Karina ist überraschenderweise in einer der Hauptrollen zu sehen, ein Jahr nach der „Außenseiterbande“, im selben Jahr wie „Pierrot le Fou“ und Alphaville“. Tomas Milian, der Kubaner, der in den folgenden Jahren zu einem der größten Action-Helden des italienischen Kinos wird, überzeugt in der Rolle des Leutnants, der die Schnauze voll hat vom Krieg und mehr und mehr Solidarität und Mitgefühl mit bzw. für die weiblichen Passagiere entwickelt. 

Die stolze und kluge Eftikia, in die der Leutnant sich verliebt, wird von Marie Laforet mit reduzierten Mitteln so eindrucksvoll gegeben, dass wir uns gefragt haben, wieso sie im Anschluss keine Weltkarriere gemacht hat. Sie hat in vielen Filmen mitgespielt und auch jede Menge Hauptrollen abbekommen, aber es handelt sich dabei fast durchweg um billige Konfektionsware. Ihr einziger anderer großer Film war gleich ihr Debüt: Sie ist bei René Cléments Verfilmung von Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley“ („Plein Soleil“ dt.: „Nur die Sonne war Zeuge“) von 1960 dabei, neben Alain Delon.

Mario Adorf spielt den Fahrer und schafft es, dass man als Zuschauer mit Sympathie die Anbahnung einer Romanze mit der einzigen italienischen Frau an Bord, die gleichzeitig die einzige ist, die den Job schon seit Jahren macht, verfolgt. Obwohl er eigennützig gezeichnet ist, ängstlich und scheinbar nur aufs Materielle schaut. Valeria Moriconi hießt die Schauspielerin, die die standfeste italienische Hure spielt, die der Adorf-Figur auf eine Weise Paroli gibt, dass sie nicht nur ihre Würde behält, sondern dabei seine Liebe gewinnt. Auch bei ihr kann man fragen, wieso sie nicht öfter größere Rollen gehabt hat. Ihre Filmografie besteht fast nur aus Nebenrollen.
Visuell ist Film höchst beeindruckend, soweit das bei der miesen DVD-Auflösung zu beurteilen war. Es wechseln spektakuläre Totalen, in denen der LKW in der Ferne über mäandernde Bergtrassen holpert und dramatische Nahaufnahmen der Gesichter. Öfter sind die Figuren auch bei Dialogen nebeneinander angeordnet, mit wechselnder Schärfe, statt in konventionellen Schuss-Gegenschuss-Szenen abwechselnd ins Bild zu kommen. Die Filmografie von Kameramann Tonino Delli Colli ist umfangreich und umfasst zahlreiche Klassiker aus fünf Jahrzehnten von Pasolini, Monicelli, Risi, Fellini und Leone („Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Es war einmal in Amerika“).

Ich musste an den folgenden Tagen immer wieder an einzelne Szenen denken. Als wenn sich die Atmosphäre des Films irgendwie festgesetzt hätte. Ging es euch auch so?

Geguckt haben wir wieder einmal im AVC-Modus (Autisten-Video-Club), nämlich mit Kopfhörern auf dem Balkon. Dabei waren außer Maren und mir noch Miriam, Sven, Andreas und zum ersten Mal Ingrid. Im dänischen Ferienhaus haben parallel Silke und B-Andreas geguckt, aus praktischen Gründen haben wir allerdings auf eine Telko verzichtet. Die einzige, die Missfallen geäußert hat, war Miriam, der das alles trotz der Liebesgeschichten und des höchst romantischen Endes der kurzen Beziehung von Leutnant und Efitikia zu düster war.

Andreas stellte sich und uns die Frage, ob organisierte Prostitution im Krieg nicht zu locker-flockig dargestellt wird. Vor allem die Szene, in der eine der Frauen den notgeilen, feiernden Schwarzhemden übergeben wird, schien ihm fragwürdig zu sein. Ich hatte nicht den Eindruck, ich habe das eher so gesehen, dass Lachen und Heiterkeit in der Szene nur oberflächlich zur Schau gestellt werden, um die Bitterkeit um so eindrücklicher zu machen. Sichtbar wird sie nur ganz kurz, im Gesicht der Betroffenen, in der letzen Einstellung der Szene, als sie inmitten der gröhlenden Kerlen auf der Ladefläche des LKWs steht.

Als Vorfilm gab es zum Ausgleich den reinsten Quatsch, nämlich „Maßnahmen gegen Fanatiker“  (1969) von Werner Herzog. Einziger Bezug zu „Le Soldatesse“ ist die Mitwirkung von Mario Adorf.


3 Kommentare:

Rene hat gesagt…

Hab den Hauptfilm gestern nachgeholt und es hat sich gelohnt.
Fand ich sehr gut - besonders der Schluss Dialog von Efitikia.
Beeindruckender Beitrag zum Thema Krieg.

Andreas hat gesagt…

Schöner Film, schöner Eintrag. Habe aber noch mal nachgezählt: "La ragazza con la valigia", "Estate violenta", "Le soldatesse", "Il deserto dei tartari" und "La prima notte di quiete" – für mich ergibt das fünf Filme.

Gunnar hat gesagt…

Danke für den Hinweis. Ist korrigiert.