„Himatsuri“ (englisch: „Fire Festival“) von 1985 ist laut 100-Jahre-Japan-Filme-Liste des BFI einer der wenigen bemerkenswerten Independent-Filme der 1980er Jahre. Mitsuo Yanagimachi habe eine Reihe von schmucklos harten („austere“) und eindringlichen („haunting“) Dramen gedreht und diesen Film selbst als ‚Studie über das Verhältnis von Natur und Mensch‘ beschrieben – vor dem Hintergrund einer zunehmenden Entfremdung der japanischen urbanen Gesellschaft von Natur und historischen Traditionen. (Bei der englischen Wikipedia erfährt man von seinem Hintergrund im Dokumentarfilm. Der erste über eine bestimmte Gruppe japanischer Biker von 1976 gab der kanadischen Band „God Speed You! Black Emperor“ ihren Namen.) Das Drehbuch stammt von Kenji Nakagami, einem Romanautor und Essayisten, der sich als ‚Buraku‘ identifizierte – das waren offenbar die untersten Gesellschaftsschichten, die entweder kriminell waren (‚Hinin‘ oder „Nicht-Menschen“) oder vermeintlich niedere Tätigkeiten verübten, die häufig mit dem Töten von Tieren, der Fleisch- und Fellverarbeitung assoziiert wurden (‚Eta‘ oder „Beschmutzte“). Gerber, Schlachter, Trommelhersteller – genaueres findet ihr bei Wikipedia.
In „Himatsuri“ ist genau diese Bevölkerungsschicht zu sehen. Auf öffentlichen Plätzen werden Netze geflochten, Händler gehen kilometerweit zu Fuß, um ihre Waren auf dem Asphalt sitzend zu verkaufen, ihre Kunden wollen ihnen kaum das Geld geben, das allein die Herstellung der Waren (Äxte, Messer) gekostet hat. Der Film beginnt mit langen Sequenzen über die Arbeit von Holzfällern. Tatsuo, die männliche Hauptfigur, geht neben dem Bäumemorden auch der Jagd kleiner Tiere (Affen) nach, Fallen werden aufgestellt, er züchtet wunderschöne weiße Hunde, und richtet sie ab, Wildschweine zu jagen. Der Film beschönigt dabei nichts, er ist roh, die toten Tiere werden stets vorgeführt, der Akt des Tötens jedoch nicht ästhetisiert oder blutreich unterhaltsam in Szene gesetzt. Jagd, Fischfang und schließlich der Sex sind eher natürliche Bestandteile des (gesellschaftlichen) Lebens.
Der Ort der Handlung ist schwer zu fassen, eine Hafengemeinde an einer traumhaften Bucht und das naheliegende Waldgebiet: Es handelt sich offenbar um die Kleinstadt Kumano. Dort war irgendwann einmal der Kaiser aufgetaucht, suggeriert der Film. Und einmal im Jahr gibt es ein Feuerfestival – eine Sache für Männer, wie es am Ende heißt, nichts für Kinder oder Frauen. Sexualverhalten und Jagd liegen dicht beieinander: Der Wald ist eine Göttin, der zu huldigen ist. Als der etwas tumbe Ryota, der Tatsuo verehrt, das falsche Holz eines heiligen Baumes für eine Falle verwendet, wird er von den anderen Holzfällern beschimpft. Zu einem späteren Zeitpunkt wird der Wald beeindruckend in Szene gesetzt: ein Sturm vertreibt die Männer von ihrem Arbeitsplatz. Nur Tatsuo bleibt, denn ‚er kennt den Wald‘ und weiß, dass er ihm nichts tut, denn er lebt mit der Göttin des Waldes und liebt sie.
Die Männer laufen häufig mit eigentümlichen Gesten herum, die sexuellen Erfolg darstellen sollen; für die Frauen scheinen die männlichen Gebaren normal zu sein, einzig Kimikos Schwester ist einmal weinend zu sehen, nachdem sie von Kimikos Affäre mit Tatsuo erfährt.
Zwei Ereignisse bestimmen den Verlauf der Handlung: Die Ankunft einer auffälligen Frau – Kimiko – in traditioneller Kleidung und das irgendwie namenlose Bestreben, Anwohnern ihre Häuser abzukaufen, um eine Marina zu bauen. Kimiko kommt aus der nächsten, etwas größeren Kleinstadt Shingu zurück, um etwas Geld zusammen zu bekommen. Alle Männer rennen ihr hinterher, die ganze Gemeinde lästert, sie beginnt eine Affäre mit Tatsuo, entjungfert Ryota und nimmt schließlich den etwas ältlichen und naiven Makler aus, der durch den Verkauf der Marina-Grundstücke zu Geld gekommen ist. Mit dessen Kohle kann sie eine Sex-Bar in Shingu weiterbetreiben. Zusammengefasst klingt dies nach Melodrama, ist es aber nicht. Die Geschichte ist eher Teil der gesamten rohen Gesellschaft, die quasi die Hauptperson ist. Niemand bejammert die wirtschaftliche Härte. Prostitution hat keine moralischen Makel. Nichts wird beschönigt, nichts verherrlicht – außer vielleicht der Wald, der Sturm, die See.
Das Ende kommt abrupt: Tatsuo eliminiert seine ganze Familie und sich selbst nachdem anscheinend alle dafür gestimmt hatten, das Grundstück zu veräußern. Zu sehen ist das Morden kaum, vor allem die Schüsse sind zu hören. Ein 7-facher Mord hat 1980 in Kumano stattgefunden. Er nimmt aber auch keinen besonderen Stellenwert ein, sondern beendet einfach die Geschichte. Kurios auch, dass das ‚Feuerfest‘ im Filmtitel keinen großen Rahmen einnimmt. Die Flammen, die zum Vertreiben böser Geister entzündet werden, nehmen das Ende vorweg und sind offenbar unfähig, das Böse zu beseitigen.
Die Hamburger Runde (Gunnar, Miriam, Rene und Sven) lehnte den Film mehrheitlich ab, wir Zugeschalteten (Tilmann und ich) eher nicht. Einzig ein lustiges Zwischenspiel fand Zustimmung: Drei Jugendliche tanzen zu Punkpop, rasen auf Mopeds durch den Ort, werden von einer Motorradgang verfolgt, die wieder von Polizei. Eine ‚Verfolgungsjagd‘, die sich ohne Dramatik auflöst und schließlich im Slapstick endet. Auch wenn diese Jugendlichen, die einzigen sind, die der Film eher positiv zeichnet: Träume, Zukunft vermitteln auch sie nicht, nur das latente Aufbegehren gegen den Status Quo.
Kiwako Taichi, Darstellerin der Kimiko, starb 1992 bei einem Autounfall. Sie drehte unter anderem mit den japanischen (New Wave) Regisseuren Yoshishige Yoshida und Kaneto Shindo. Kin Sugai, in der Nebenrolle der Großmutter, war im VC in Imamuras „Pigs and Battleships“ und Naruses „Onna ga kaidan wo agaru toki“ zu sehen, und mit dabei in Kurosawas „Dodes'ka-den“, diversen Godzillas und vielen weiteren in der Plex-Bibliothek. Rikiya Yasuoka (Toshio) drehte im selben Jahr „Tampopo“.
Jö

1 Kommentar:
Danke für den blitzschnellen, superinformativen Eintrag. Aus meiner Sicht perfekt für den VC. Ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Film, den ich mir allein nie angeschaut hätte. Dass auf Renes Sofa die Ablehnung so vehement war, hat, glaube ich, viel damit zu tun, dass es einem so schwer gemacht wurde der Handlung zu folgen. Wer ist wer und was haben die miteinder zu tun? Ist die "Geisha" wirklich die Frau mit dem Fisch vor der Kneipe? Manchen von uns war das einfach zu anstrengend. Zum Glück war Silke nicht dabei. Ich schätze, sie hätte gar nicht an sich halten können angesichts all der toten und halbtoten Tiere und der Darstellung von bekloppten Männlichkeitsritualen. Auch wenn die kein bisschen idealisiert werden.
Kommentar veröffentlichen