Donnerstag, 17. Mai 2018

Onna ga kaidan wo agaru toki (Japan, 1960)

Zu sehen bei Sven, zu Gast waren Silke, Miriam und Gunnar. 


Der englische Titel "When a Woman ascends the Stairs" ist unsereins verständlicher und beschreibt den verhassten Moment, wenn die Geisha Keiko Yashiro (gespielt von Hideko Takamine) die Treppe hoch geht zur Bar, in der sie arbeitet. Und das in diesen unsäglichen Schuhen. Besonders nichtssagend ist der deutsche Titel "Die Mädchen der Ginza". Ginza ist ein allgemeiner Ausdruck für die Vergnügungsviertel mit einer Vielzahl von Geisha-Bars.



Ungeklärt ist, warum in Tokio 1960 ein Reklameschild "Bremen" an einem leider nicht erkennbaren Geschäft hängt. Ob es sich auch um eine Geisha-Bar handelte? Oder nur das Brauereischild einer längst untergegangenen Biermarke? Wer es rausfindet bekommt ein Sternchen. Aber immerhin weiß ich, dass das schöne, große Auto davor ein 480er Nissan von 1953 ist.

Die verwitwete Geisha Keiko ist älter als ihre Kolleginnen, fungiert als Vorarbeiterin in der Bar, wird von allen, auch den Gästen "Mama" genannt und strebt entweder die Selbständigkeit oder die Ehe mit einem bestimmten Stammgast an. Sie mag ihren Job nicht, unter anderem weil sie ständig Alkohol trinken muss:


Aber sie mag wohl Elvis Presley, wenn ich das hier richtig sehe:


Ich hätte ja meinen Hut verwettet, dass der Regisseur eine Regisseurin ist und ich bin noch immer überrascht, dass sich 1960 in Japan ein Mann findet, der einen Film wie diesen macht. Mit einer Frau in der Hauptrolle, deren Beruf es ist, die Besucher der Bar zum Trinken zu animieren und sie zu unterhalten. Sex mit Gästen scheint, zumindest in diesem Film, ein Tabu und passiert natürlich trotzdem manchmal. Ein schwieriges Geschäft, gesellschaftlich anscheinend akzeptiert, aber von eher geringem Ansehen. Beschrieben wird das Leben der Frauen in diesem Beruf mit all seinen vorwiegend von Männern repräsentierten unangenehmen Begleiterscheinungen. Die Perspektive ist die der Frauen, die Männer kommen eher schlicht und schlecht weg, fast wie in den georgischen Filmen, sind sie doch unzuverlässig und verlogen, eifersüchtig und weinerlich und in einem Fall sogar gewalttätig, was Miriam allerdings nicht so gesehen hat. Ich glaub ja, sie hat den Moment verschlafen. Kann passieren. Mein Hinweis, dass der Film den Bechdel-Test problemlos passiert, wurde mir von Silke als Triumpfgeheul ausgelegt, was ich noch immer nicht kapiert habe. Schon weil es ja nicht mein Film ist.


Mir hat die unpathetische Art gefallen, mit der die Geschichte erzählt wird, das Spiel der Hauptdarstellerin, die sorgfältige und einfühlsame Betrachtung des Lebens als Geisha, die Ausstattung, insbesondere die der Bars, Keikos Klaglosigkeit, wenn ein Plan nicht gelingt, die Kamera, das Licht, eigentlich alles.
Wenn ich mich recht erinnere, wurde die Musik kritisiert, an die ich mich aber kaum erinnere. Ich glaube harmloser Barjazz. Kann eigentlich nicht so schlimm gewesen sein.
Ich sage: mehr von Mikio Naruse (Regie) und Hideko Takamine! In den Bücherhallen gibt es noch vier weitere Filme von Naruse, die kommen alle auf uns zu.

1 Kommentar:

Gunnar hat gesagt…

Sehr schöner Text, danke!