Samstag, 6. April 2019

Ordet (Dänemark 1955, Dreyer)


Bei Silke. Mit Miriam, Sven, Maren und Gunnar.

Es ging weiter mit den Klassikern. Und dänischen Filmen. Diesmal vom besten dänischen Regisseur überhaupt: Carl Theodor Dreyer (1889–1968). Wie alle seine Filme ist auch sein vorletzter Ordet (dt.: Das Wort) schwarzweiß, langsam und spröde. Dreyer verzichtete auf Vor- und Abspann; Schauspieler und Crew bleiben also uncreditiert. Zeit der Handlung ist das 20. Jahrhundert (Indiz: Der Arzt fährt ein Auto).

Vorlage des Films ist das gleichnamige Theaterstück von Kaj Munk (geschrieben 1925, erstaufgeführt in Kopenhagen 1932). Munk, der als Pastor und Schriftsteller in Vedersø an der jütischen Westküste nahe Ringkøbing lebte, wurde 1944 Opfer eines sogenannten „Ausgleichsmords“. Im Auftrag Himmlers erschossen, um den dänischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung zu schwächen. Mehr noch als wegen seiner Werke, von denen Ordet sicher das bekannteste ist, kennt ihn daher auch heute noch jedes Kind in Dänemark. Das Steinkreuz in den Dünen, an denen der Pferdewagen der Borgens zweimal vorbeifährt, soll laut der englischsprachigen Wikipedia der reale Gedenkstein für Munk am Fundort seiner Leiche sein.

Nach Filmende entbrannte eine Diskussion um – buchstäblich – Gott und die Welt. Und Wunder. Denn ein solches wird hier offenbar geschildert: Eine Bauersfrau an der Westküste, da wo der Wind immer weht, stirbt im Kindbett. Als ihr Schwager Johannes aber – angeblich ist er im Studium über die Lektüre Søren Kierkegaards (1813–1855) wahnsinnig geworden, seitdem hält er sich für Jesus – zusammen mit ihrer kleinen Tocher Maren Gott innig bittet, dass sie wieder leben solle, wacht die aufgebahrte Inger tatsächlich auf. Ihr Mann Mikkel findet infolge zum Glauben.

Der Schneider Peter Petersen mit Beck-Schnautzer laienpredigend
vor dem Porträt Vilhelm Becks (Minute 48:16)
Soweit der Plot. Es scheint in dem Film aber weniger um Wunder an sich zu gehen, als mehr generell um gegensätzliche Auffassungen vom Glauben, die in den Patriarchen zweier Familien personifiziert werden: Mikkels jüngster Bruder Anders liebt Anne Petersen, des Schneiders Tochter. Peter Petersen ist entschieden gegen die Verbindung, da die Familie Borgen nicht den rechten Glauben habe. An seiner Wand hängt ein Porträt von Vilhelm Beck (1829–1901; 1861 Gründungsmitglied des „Kirchlichen Vereins für die Innere Mission in Dänemark“ und später auch lange dessen Vorsitzender; zudem entscheidend beeinflußt von den Werken Kierkegaards, dessen Vater, ein pietistischer Grübler, übrigens auch dort an der Westküste in Sædding Kirke/Skjern aufgewachsen war und verwandt ist mit meiner Großmutter, die ebenfalls nahe Ringkøbing aus Ølstrup stammt).      
Der Hofbesitzer Morten Borgen mit Grundtvig-Bart sinnierend
vor dem Bildnis N.F.S. Grundtvigs (Minute 12:25)
      Diese Aussage empört Anders’ Vater, Morten Borgen, dessen Wand das Bildnis von N.F.S. Grundtvig (1783–1872) schmückt (als Gegner von Grundtvigs theologischen Anschauungen gilt der deutlich jüngere Kierkegaard). Beide Strömungen wurzeln in der Erweckungsbewegung und in pietistischen Vorläufern, die sich im 19. Jahrhundert gegen die vorherrschende rationalistische Anschauung in der dänischen Staatskirche richteten – im Film wohl verkörpert vom neuen jungen Pastor der Gemeinde („Es gibt keine Wunder mehr.“) und dem positivistischen Arzt („Es ist wohl eher mein Handwerk als Ihr Beten, das hier hilft.“). Grundtvigs Auffassung gilt als licht und lebensbejahend („Erst der Mensch, dann der Christ.“), jene der Inneren Mission als streng und jenseitsgewandt (kein Schnaps, kein Tanz, kein Kartenspiel usw.). Bei ihrem ersten Treffen wegen Anne und Anders bleiben die beiden alten Männer denn auch unversöhnlich.
       Ganz anders als die beiden Patriarchen wurde zuvor Inger präsentiert. Mit ihrer Freundlichkeit und Toleranz bildet sie den Mittelpunkt der Borgen-Familie, in die sie eingeheiratet hat. Sie selbst ist gläubig, sieht es aber ihrem Mann Mikkel nach, dass er ohne Glauben ist, denn das wichtige, so sagt sie zu ihm, sei, dass er ein gutes Herz habe, dann komme auch der Glaube irgendwann. Darin soll sie in Mikkels Fall zumindest recht behalten.
        An der Bahre der toten Inger versöhnen sich schließlich die beiden Patriarchen. Anders soll sogar Anne bekommen, die auf dem Borgen-Hof mit Segen ihres Vaters von nun an der Sonnenschein sein soll. Was bedeutet da Ingers Rückkehr ins Leben wohl für die Verbindung der beiden jungen Liebenden?
 
Neben konkreten widerstreitenden Strömungen geht es aber auch um grundsätzliche theologische Fragen, scheint mir, deren paradoxer Gehalt einen schon mal um den Verstand bringen kann wie hier Johannes. Etwa das Theodizee-Problem: Wie kann ein Gott, den wir uns als allmächtig und gut denken müssen, zulassen, dass Böses in der Welt geschieht – hier Ingers Tod? Und wenn Gott allmächtig ist, dann muss er ja wohl auch Wunder vollbringen können – hier das Wunder von Ingers Auferweckung? Und eine dritte Frage: Wenn die Christen glauben, dass Jesus Gottes Sohn in Menschengestalt war, warum soll Jesus auf Geheiß eines allmächtigen Gottes dann nicht wieder in Menschengestalt erscheinen können – hier in Person von Johannes – und Tote erwecken können wie einst Jesus den Lazarus?
      Hat es damals Wunder gegeben, dann kann es sie auch heute wieder geben, so die feste Überzeugung des Irren Johannes und des Kindes Maren. Und zumindest im Film bekommen sie recht. Wahrhaft gläubige Gläubige müssten demzufolge eine rationalistische Weltsicht ablehnen; Atheisten und Agnostiker hingegen scheinen fein raus.

Bis heute ist dieser im 19. Jahrhundert entstandene Gegensatz zwischen Anhängern Grundtvigs und der Inneren Mission in Dänemark präsent, denn beide Strömungen haben sich beispielsweise in den Bildungssektor mit Heimvolkshochschulen (vorrangig junge Erwachsene ab 18 Jahre) und sog. Nachschulen (14- bis 18-Jährige) eingeschrieben, sind aber demungeachtet nach wie vor unter dem Dach der dänischen Volkskirche vereint.

Falls jemand mehr zu Kierkegaard und Ordet wissen wollen sollte, der ist mit diesem Aufsatz von Daniel Watts von Februar 2019 gut bedient.

Rankings und Preise für Dreyers Ordet:
  • In der TSPDT-Liste der besten Filme aller Zeiten steht Ordet auf Platz 33. Ordet ist einer von fünf seiner hier gelisteteten Filme nach The Passion of Joan of Arc (Platz 17) und vor Gertrud (Platz 87), Vampyr (Platz 229) und Day of Wrath (Platz 283). Vampyr meine ich, hab ich vor sehr vielen Jahren im VC mal gezeigt und auch einen Dreyer-Stummfilm, ebenso wie Lars von Triers Medea (1988), den er nach einem Szenario von Dreyer drehte.
  • In der TSPDT-Liste der besten Regisseure aller Zeiten steht Dreyer auf Platz 18.  
  • imdb: 8,2
  • Rotten Tomatoes: 100%
  • Goldener Löwe in Venedig (gewonnen gegen Filme von Fellini, Antonioni und Hitchcock)
  • Roger Ebert vergab 2008 vier von vier Sternen. Seine Rezension beginnt treffend so: „For the ordinary filmgoer, and I include myself, Ordet is a difficult film to enter. But once you're inside, it is impossible to escape.“
Eine biografische Notiz zu Dreyer: Er wurde 1889 unehelich in Kopenhagen geboren von dem schwedischen Dienstmädchen Josefine Bernhardine Nilsson, die anderthalb Jahre später bei dem Versuch starb, sich ihr zweites Kind eigenhändig abzutreiben. Nach Waisenhausaufenthalten wurde er adoptiert und erhielt den kompletten Namen seines Adoptivvaters; sein Aufwachsen in dieser Familie beschrieb er später als freudlos. Es heißt, dass das Schicksal seiner Mutter seine Filme stark beeinflusst habe. Anfangsverdacht women‘s director scheint gegeben.

Leichter als alle hier verhandelten Glaubensfragen ist die des Schneidersitzes zu klären. Die Position, in der der Schneider Peter Petersen tatsächlich auf seinem Schneidertisch am Fenster arbeitet, war einst allem Anschein nach eine in dieser Zunkft wirklich weit verbreitete Arbeitshaltung:

Ein realer Schneider bei der Arbeit (s. Wikipedia „Schneidersitz”)
Schneider Petersen im Schneidersitz bei der Arbeit; rechts seine Tochter Anne
mit zwei Vögeln im Käfig, zwischen ihnen die Nähmaschine



1 Kommentar:

Andreas hat gesagt…

Puh, so theologisch ist es im VC ja seit Bergmans "Licht im Winter" nicht mehr zugegangen, und das war 1998! Klingt aber interessant. Wie kam der Film denn beim Rest an?