Donnerstag, 7. Februar 2019

Que horas ela volta? (Brasilien 2015, Anna Muylaert ♀)

Bei Silke. Mit Jö, Ute, Gunnar und Sven. Es gab einen Autorinnenfilm aus Brasilien, mit einer weiblichen Hauptperson, fotografiert von einer Kamerafrau.

Die Hausangestellte Val erhält Besuch von ihrer Tochter Jéssica, die in São Paulo ein Architekturstudium aufnehmen will. Die beiden haben sich vor zehn Jahren zuletzt gesehen. Nun liegt Panumbuco durchaus rund 2500 km entfernt von der Metropole, aber es ist wohl nicht die weite Reise allein, die Val so lange abgehalten hat. Jéssica wurde also von anderen erzogen; ihre Mutter sei Sandra schmettert sie denn auch Val einmal trotzig entgegen und spricht Val konsequent mit Vornamen an.
    Val wohnt auch bei ihren Arbeitgebern; ohne Störfaktoren wirkt das Verhältnis fast familiär und die unbeschwert erscheinende Val geradezu glücklich. Insbesondere zu dem mit Jéssica fast gleichaltrigen Fabinho hat Val eine innige Ersatzmutterbeziehung. Anders als Val begegnet Jéssica der Arbeitgeberfamilie aber keineswegs unterwürfig, sondern auf Augenhöhe, als „Gast“ statt als Personalmitglied. Zudem stürzt sie Vater und Sohn des Hauses in erotische Verwirrungen. Sie büffelt aber lieber für die anstehende Uni-Aufnahmeprüfung, während der Mitbewerber Fabinho kifft und sich anderweitig amüsiert.
     Nach zunehmenden Verwerfungen, für die Val sie verantwortlich macht, verlässt Jéssica das Haus. Val findet eher zufällig heraus, dass sie Großmutter ist und Jéssica ihren kleinen Sohn Jorge im Heimatort zurücklassen musste. Sie beginnt nun die Dinge anders zu sehen und kündigt schließlich, nachdem Jéssica bravorös bestanden hat, Fabinho aber mit Pauken und Trompeten durchgefallen ist (als „Strafe“ wird er sechs Monate nach Australien geschickt, wo es einen hervorragenden Englischkurs geben soll). Wir sehen Val zuletzt in der Küche der kleinen Wohnung sitzen, die Jéssica inzwischen gefunden hat, und ihre Tochter auffordern, ihren Enkel nach São Paulo zu holen. Auf deren Frage „Passt du auf ihn auf, Mama?”, lächelt sie nur versonnen und nimmt noch einen Schluck Kaffee aus ihrer weißen Tasse. 

Eine wichtige Rolle spielt ein schwarz-weißes Kaffeeservice, namens „Trix“ dass Val ihrer Chefin Donã Bárbara zum Geburtstag geschenkt hatte. Die verabscheute es aber offenkundig, und so nimmt Val es dann im Zuge ihrer Kündigung einfach mit. In der kleinen Mietwohnung Jéssicas angekommen deckt sie damit als erstes ein und vergleicht es mit Jéssica – wie sie auch sei es anders. Und modern. Ein Zufall, dass Jéssicas Balkon ebenfalls in Schachbrettmusterart gefliest ist und die beiden hier zuvor ihre entscheidende Aussprache hatten? Kaffeeservice und Balkonfliesen als Metapher für die harmonische Zusammenführung von Gegensätzen?

Der Original-Titel meint „Um wieviel Uhr wird sie zurückkehren?“ und spielt wohl darauf an, dass im Haus wohnende Angestellte in Brasilien als mehr oder weniger als rund um die Uhr verfügbar angesehen werden. Tatsächlich fordert Donã Bárbara einmal Val auf, nicht so spät heimzukommen an ihrem freien Abend, denn am nächsten Tag sei ja ihre Geburtstagsfeier.
    Vielleicht aber ist das auch die Frage der Kinder nach ihren Müttern – der noch kleine Fabinho fragt Val ganz zu Beginn dies und gegen Ende zitiert Jéssica sich selbst auf dem Schachbrettbalkon, wie sie, als noch klein war, immer nach Val gefragt hat. Der englische Titel „The Second Mother“ fokussiert mehr auf diesen Aspekt, während der deutsche Titel wie üblich selten doof ist: „Der Sommer mit Mamã“.

Uns gefiel der Film sehr gut. Gerade die Hauptdarstellerin Regina Casé bleibt sehr im Gedächtnis wegen ihres charmanten und natürlichen Spiels. Beachtlich waren auch die Vielzahl an Band-T-Shirts, die dem Zuschauer an Menschen oder Wäscheleinen vorgeführt wurden – wie hier rechts im Bild die „Ramones“.
     Formal interessant waren die Einstellungen, in denen die Kamera in der Küche festgenagelt durch die nur manchmal offene Tür auf das Familienleben schaut – irgendwie dabei und doch ausgeschlossen.
     Sven hatte aber Sorge, dass Val erneut wieder anderen dienen wird als sich selbst, wenn sie Jéssica und Jorge nun helfen wird. Gunnar haderte mit dem Happy Ending und hätte sich ein offeneres gewünscht. Ute hingegen war mit dem Ende zufrieden und sah es positiv, denn der Teufelskreislauf werde nun durchbrochen, da Jéssica und Val nun für Sohn bzw. Enkel da sein würden, statt – wie Jéssica oder Fabinho – von anderen Frauen erzogen würden. Jö bemängelte zu Recht, dass die Männer im Film alle Vollpfosten seien; das könne ein nach Gleichberechtigung strebender Feminismus doch nicht wirklich wollen. Mir gefiel die gelungene Mischung aus Humor, Herz und Sozialkritik; ich will aber nicht weiter darüber nachdenken, was die Aussage ist (etwa „Frauen, bleibt daheim und erzieht eure Kinder selbst?). 
Anna Muylaert (Regie und Drehbuch)
vor einer weiteren Filmplakatvariante

imdb: 7,8
Metascore: 82

„Que horas ela volta?“ wurde als Brasiliens Oscar-Bewerber eingereicht, aber nicht nominiert. Die Konkurrenz war auch hart; darunter waren gleich zwei VC-Filme (1+3):
1. Son of Saul (Hungary, in Hungarian, László Nemes) war der Gewinnerfilm
2.  Embrace of the Serpent (Colombia, in Spanish, Ciro Guerra)
3. Mustang (France, in Turkish, Deniz Gamze Ergüven)
4. Theeb (Jordan, in Arabic, Naji Abu Nowar)
5. A War (Denmark, in Danish and German, Tobias Lindholm)

Und noch ein Plakat
Stab
RegieAnna Muylaert
DrehbuchAnna Muylaert
MusikVitor Araújo, Fábio Trummer
KameraBarbara Alvarez
Besetzung

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