„Ein Berufskiller aus Taiwan scheitert bei einem Auftrag in Japan und wird auf der Flucht angeschossen. In einem Vorort von Tokio versorgt ihn ein kleiner Junge mit Essen und Medizin; im Gegenzug kümmert sich der Mann um seinen Retter und dessen drogenabhängige Mutter. Als er sich dabei als begnadeter Koch entpuppt, winkt die Chance, sein Leben zu ändern. Was als Gangsterfilm beginnt, wandelt sich unverhofft zum Melodram mit Elementen einer warmherzigen Nachbarschaftskomödie. Mitunter kolportagehaft, insgesamt aber eine effektvoll inszenierte Stilmischung, die im inneren Ringen der Hauptfigur auch einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt aufzeigt.“ (Zusammenfassung Filmdiens)
Bei Lisa in der Fichtenstraße: Lisa, Gunnar, Miriam, Sven, Wolfgang und Stefan. In der ersten Telko: Jö, Tilman, Heidrun und Andreas.
Andreas hat „Mr. Long“ von Sabu dankenswerterweise noch in die Chronik der VCs eingenordet: "Sabus "Dangan Ranna" war tatsächlich der Sieger im Jahresranking 1998, also im ersten Jahr des VC. Im Kino haben wir dann noch gerne "Postman Blues" und "Monday" geguckt."
Wahrnehmung im VC:
Der Film wurde durch Wolfang (mein Mitbewohner, der kurz vor Filmbeginn dazu kam) besonders kontrovers diskutiert.
Jö hat die Kampfszenen nicht ertragen. Erstaunlich (sagt Gunnar), dass Jö den Film trotz des tarantinohaften blutigen Gemetzels am Anfang, trotzdem weitergeschaut hat. Er ist dann wahrscheinlich erst beim zweiten Gemetzel, etwa 10 Minuten vor Ende, ausgestiegen. Die Gewalt hat ihm den Film vermiest.
Wolfgang war schockiert von dem Moment; als Lily ihren Dealer und Vergewaltiger auf der Straße wiedersieht, daraufhin ihrem Sohn Jun und Mr. Long zum Tempel ziehen lässt und selbst nach Hause zurückkehrt. Dort fängt die der üble Typ ab, vergewaltigt sie und spritz ihr erneut Drogen. Als Mr. Long und Jun zurückkehren hat, sie sich erhängt. Laut Wolfgang ein Fehler des Drehbuchs, in Zeiten von #metoo könne man Filme mit solchen passiven Frauenfiguren nicht mehr sehen. Ihm hätte diese Szene den gesamten Film, vermiest.
Diese Postion hat in der Vehemenz niemand nachvollziehen können. Alle anderen waren der Meinung, dass die Lily-Figur in sich stimmig war und man keine Selbstermächtigung von ihr verlangen könne. Manche, zB Gunnar, konnten zumindest den Ansatz von Wolfgang Kritik verstehen.
Im Nachgang fiel mir noch ein: 1. Der Selbstmord ist durchaus eine Form der Selbstermächtigung. 2. Wolfgang hat nicht die klischeehafte toxische Männlichkeit von Mr. Long und den anderen Killern erwähnt, sondern lediglich von der weiblichen Rolle eine Änderung/Verbesserung erwartet.
Miriam und Stefan fanden den Film richtig toll. Stefan hat sich keine Minute gelangweilt, so solle Kino sein. Miriam fand, genau wie ich, das herzerwärmende Ende schön.
Interessant auch die Darstellung der japanischen Freundesgruppe. Einerseits sind es Witzfiguren, auf der anderen Seite bringen sie etwas märchenhaftes und vor allem menschliches in den Film rein. Sie sind albern, aber auch hilfsbereit, freundlich, solidarisch, stehen für nichtentfremdete Arbeit und ESSEN (überhaupt, wie Essen zelebriert und inszeniert wird: grandios) und sie bringen die Handlung entscheidend voran. Ein Gegenentwurf zu der Welt der Killer, Prostitution und Drogen. Gunnar merkte bei der Diskussion an: Die Japaner treten als „Griechischer Chor“ auf.
Kommentar Andreas via Telegramm:
"Das Ende war dann doch eher bescheuert, um nicht zu sagen widerlich, oder?
… Der Wechsel von ernstem Sozialdrama (Selbstmord der Mutter) zu (ziemlich mieser) Action zu Schmierenkomödie mit Simpel-Happyend hat in meinen Augen so gar nicht funktioniert und den ansonsten ganz unterhaltsamen Film ruiniert."
Gunnar war genau davon begeistert. Ihm gefielen die völlig überraschenden Wechsel der Genres, des Tempos, der Erzählweise.
Ich – und Stefan glaube ich auch – fand toll, dass der romantische Teil sehr liebevoll erzählt, aber nur angedeutet wird. Beispiel: Die drei getöpferten Gefäße, die am Ende von dem Vergewaltiger-Arsch zerbrochen werden. Gunnar hat sich jedenfalls wahnsinnig gerne „am Nasenring durch den Film ziehen lassen“.
Ich hatte den Film vor sechs Jahren bereits gesehen und fand ihn damals richtig toll. Das erneute Schauen und die Diskussion im VC hat mir den Film noch mal anders näher gebracht. Sehen ihn jetzt kritischer, gefällt mir aber nach wie vor.

4 Kommentare:
Vielen Dank für den Eintrag, liebe Lisa! In dieser Kritik wird u. a. auf die außergewöhnliche Musik hingewiesen (die Stefan ja auch schon erwähnt hatte): https://www.fr.de/kultur/tv-kino/mr-long-arte-zaertlichkeit-gewalt-tv-kritik-12908145.html. Da müsste man den Film fast nochmal gucken und mehr darauf achten...
auch beim ersten Gemetzel habe ich eine Weile in der Küche lieber Tee gekocht, als zuzugucken.
Mich hat Mr. Long an die besten Filme von Takeshi Kitano erinnert: Vor allem an Sonatine, in dem ganz langsam von Tagen voller Müßiggang und Spiel am Strand und von angedeuteten Emotionen erzählt wird, eingerahmt von Yakuza-Gewaltexzessen am Anfang und Ende des Films. Und wegen der Beziehung zwischen Long und dem Jungen auch an Kikujiros Sommer natürlich. Dass mir ein solcher Film noch einmal so viel Freude machen würde, hätte ich nicht gedacht.
Also bevor ich jetzt wieder als der Nörgelopa da stehe, möchte ich betonen, dass der Film mir in gesamt recht gut gefallen hat (auch wenn der Kitano-Vergleich mir um ungefähr zwei Klassen zu hoch ausgefallen zu sein scheint) und dass ich mich auf jeden Fall gut unterhalten gefühlt habe. Die Musik ist in der Tat bemerkenswert, und der Wechsel zwischen den Genres ist an sich auch eine gute Sache, ebenso der ganz spezielle Rhythmus des Films, der sich unter anderem daraus ergibt. ABER dann war da eben das Ende, dass einige von euch ja offensichtlich als herzerwärmend empfunden haben. Da sehen wir zunächst, wie ein eh schon schwersttraumatisierter kleiner Junge die von der Decke baumelnde Leiche seiner geliebten Mutter entdecken muss. Im Anschluss daran darf er noch gleich herausfinden, dass sein gleichfalls geliebter Ersatzvater ein brutaler Profikiller ist, und miterleben, wie der ein Dutzend Menschen abmetzelt. So weit, so schrecklich. Dass Mr. Long sich danach vom Acker macht, sich aus dem Leben des Jungen herausstiehlt und wieder seinem alten Beruf nachgeht, ist eine ziemlich nachvollziehbare Aktion. Und dann kommt das „herzerwärmende“ Ende mit den tumben Nachbarn: Der Junge hat Mr Long halt doch noch lieb, und alles ist wieder gut, weil ... ja, warum eigentlich? Weil auch Profikiller gute Väter und Nachbarn sein können? Weil alles doch nicht so schlimm war, wie es aussah, also schwamm drüber? Weil der Junge halt hart im Nehmen ist? Mir fällt dafür jedenfalls keine Deutung ein, die nicht verlogen und/oder zynisch ist. Und ich sage das als jemand, der ein gutes Happyend mehr zu schätzen weiß als manche andere in unserer Runde. So, das wäre jezt gesagt. Insgesamt bin ich aber Lisa durchaus dankbar, dass sie den Film gezeigt hat!
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