Freitag, 29. September 2023

Case for a Rookie Hangman (1970, CSSR, Pavel Juráček)

 

Vor längerem hatte ich mir diesen Film herausgesucht: tschechische New Wave, surrealistische Handlung, Bezüge zu Jonathan Swift, Lewis Carroll und Franz Kafka, schwarz-weiß. Der Film wurde schnell verboten und der Regisseur Pavel Jurácek konnte keine weiteren Filme drehen: Ende der Karriere.

Zu Beginn steht die Hauptfigur, Lemuel Gulliver (gespielt von Lubomír Kostelka, der unter anderem in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ eine Rolle hatte), mit seinem Auto an versperrten Straßen, was mich an eigene Erlebnisse in Tschechien vor nicht zu langer Zeit erinnerte. Er kommt in Folge in einen Wald, sein Fahrzeug verselbständigt sich, er fängt es ein und landet schließlich in den merkwürdigen Ländern Balnibarbi und Laputa, die irgendwie auch wie eins mit zwei Regierungen wirkten, oder wie zwei zusammengefügte unterschiedliche Länder – vielleicht eine Anspielung auf die CSSR mit Tschechien und Slowakei. Die Erlebnisse in diesem Land habe ich nicht immer verstanden. Zunächst dachte ich, er sei tot und all diese Erlebnisse seien quasi das Jenseits. Im Wald war sein Fahrzeug einen Abhang hinuntergefallen, nur er schien dem zuvor auf unerklärte Weise entkommen zu sein. Dass er einen bekleideten Hasen tot auf der Straße findet, dem er einfach seine Uhr entwendet führt in Folge zu nächsten Komplikationen. Er wird festgehalten und –

Es würde ausufern, jeden Winkelzug der Handlung nachzuvollziehen, die sehr vielteilig, mit Wiederholungen von Situationen oder parallel gesetzten Handlungen zwar komplex, aber auch sehr ermüdend war. Mir gingen zuerst lange Voice-overs, später erläuterungslastige Dialoge an die Substanz. Aber dann waren da wieder tolle Einstellungen und bedrückende Szenarien. Mir ist die anfängliche Situation in einer Art Camp in Erinnerung, in der plötzlich ein Mann angeschossen worden zu sein scheint. Er strauchelt, ein Kind schreit, eine Meute rennt los, um Wasser aus einem Matschloch zu ergattern. Überhaupt gab es immer wieder Szenen, die wahlweise an Kafka oder an frühere Polanski-Filme erinnern. Die wie Zombies scheinenden Bewohner, die ein Sprechverbot durchsetzen.

Wie dem auch sei: Zur Post-Film-Telko hatten sich diverse Parteien aus Müdigkeitsgründen abgemeldet, sodass von den anfänglich zugeschalteten nur noch Maren, Sven, Tilmann und Vorführer Jö zusammenkamen. Unsere Anfangstelko war hingegen gut besucht: neben den Genannten waren Gunnar und Heidrun (zu Besuch bei Maren in Berlin) sowie Silke und Miriam dabei, die aber jeweils nicht mitgucken konnten. Andreas, Larissa und Alex haben die Telkos ausgelassen aber den Film (zumindest in Teilen) mitgeschaut.

Was noch: Bei Letterboxd fand ich einen schönen Kommentar: In Polen würden Filme, die man nicht verstünde, als tschechisches Kino bezeichnen, so seine polnische Freundin. Ein anderer: Das sei ein surrealistisches Kunstwerk, das müsse man nehmen, wie es ist. Damit hatten die mich natürlich wieder auf ihrer Seite.

Regisseur Pavel Jurácek war Co-Autor von Věra Chytilovás „Daisies“ (habt ihr 2017 gesehen), Jindřich Poláks „Ikarie XB 1“ und Karel Zemans „A Jester's Tale“. Sein Vorgängerkurzfilm „Josef Kilián“ (auch in der Plex-Sammlung) erhielt 1963 den Hauptpreis des Oberhausen International Short Film Festivals. Das BFI schreibt, der Kurzfilm sei „a magnificent primer to both the feature and his career as a whole”.

Wer mehr lesen will: Dieser englische Blogeintrag zum Film (Blog zu Lewis Carroll-Themen) ist sehr erhellend.





2 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Danke für den umfangreichen Post! Gern gewusst hätte ich noch: Wie ist der Film bei den anderen VC-Guckern angekommen?

Andreas hat gesagt…

Tja, ich habe es ja nur ungefähr bis zur Hälfte geschafft, aber nach den bis dahin gesammelten Eindrücken würde ich mich komplett deiner auf Telegram geposteten Einschätzung anschließen (die du vielleicht hierhin kopieren könntest).