Freitag, 17. Februar 2023

You Were Never Really Here (FR/USA/UK 2017, Lynne Ramsay)

Ein VVC mit Vorführerin Silke. In TelKo1: Miriam und Jö neben Silke und ABo. Andreas sagte kurzfristig ab, weil er unserer Runde ein Treffen mit einem HSV-Fan vorzog – kein Kommentar.

In Deutschland und Frankreich hat man als Verleihtitel den englischsprachigen Ausdruck „A Beautiful Day“ vorgezogen. Warum auch immer. Immerhin ist der Bezug klar, denn das sagt der Teenager Nina am Ende zu ihrem traumatisierten Retter Joe, kurz bevor sie den American Diner verlassen und aufbrechen werden, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen, weit weg von der korrumpierten Stadt NYC und der sexuellen Ausbeutung junger Mädchen. Warum der Film im Original „You Were Never Really Here“ heißt, blieb unklar. Aber hier gibt es eine gute Erklärung in einer schönen Rezension von Cody Lakin, der abschließend feststellt: 

    It’s my favorite film of the year, and one of my favorite films of all time.  

Einfache Geschichte aus dem typisch amerikanischen Rächer-Kanon, so schien uns, mit Anklängen an „Taxi Driver“, aber dann doch irgendwie anders erzählt. Die englische Wikipedia nennt als Genre: „neo-noir crime psychological thriller film“. Der abwesende Rene könnte ihn in die Reihe „Hammer“-Filme aufnehmen. Vorlage war eine Novelle von 2013 von Jonathan Ames, der mit Lynne Ramsay auch das Drehbuch geschrieben hat. Joaquin Phoenix lieferte wieder eine phantastische Schauspielerleistung ab.

Lynne Ramsay mit Joaquin Phoenix
Lynne Ramsay mit Joaquin Phoenix
 

Von Lynne (sprich: „Lein“, wie ich aus ihren kürzlich geschauten schottischen Kurzfilmen weiß) Ramsay habe ich in unserem Videoclub vor zwei Jahren bereits ihren 2002-Film „Morvern Callar“ gezeigt. Da konnte sie meinem Eindruck nach besser ihre Visionen umsetzen als in den US-Koproduktionen „We Need to Talk About Kevin“ und eben „You Were Never Really Here“. Ramsay realisiert dennoch einiges ihrer eigenen ungewöhnlichen Bildsprache, bspw. verwirrende Schnitte und elliptisches Erzählen: Wir sehen oft nicht die Szene selbst, wie Joe tötet, sondern die Leiche im Vordergrund, von der er sich im Hintergrund weiter entfernt, um den nächsten Schurken auszuschalten. Nicht handlungs-, sondern ergebnisorientiertes Erzählen würde ich das hier mal spontan nennen. Die visuelle und erzählerische Schlüsselszene ist sicher die Wasserbestattung seiner ermordeten Mutter und seine Vision von der untergehenden Nina, die verloren ist, wenn er sich nun ertränkt.

    Eine wichtige Rolle spielte die Musik, die – so meine ich – immer Teil der Szenen war, also auch von den Figuren hörbar ist. Das waren oft idealamerikanische Feelgood-Songs. Begeistert wurde von der Runde „If I Knew You Were Comin’ I’d’ve Baked a Cake“ begrüßt, das Sesamstraßengucker natürlich von Ernie kennen. Die sonstige Filmmusik stammt von Jonny Greenwood, Gitarrist bei Radiohead, der schon bei „We Need to Talk About Kevin“ mit Ramsay zusammenarbeitete und auch für den Score verantwortlich ist von bspw. „The Power of the Dog“ von Jane Campion oder „There will be blood“ und „Licorice Pizza“ von Paul Thomas Anderson.

In TelKo2 wurde allgemein Gefallen geäußert, wenn ich das richtig erinnere, wenn auch die expliziten Gewaltszene so manchen wiederholt zum Teekochen in die Küche gehen ließ. 

Allgemein wurde der Film sehr gut aufgenommen, Preise und Nominierungen en masse. Aber:
Imdb: 6,7 (What?!? Bestätigt mal wieder meine Meinung über deren Voter)
Metascore: 85

Lynne Ramsay hat wohl nach „You Were Never Really Here“ enorme Probleme bei dem Regieführen einer Serie in den USA bekommen, mit Verleumdungen und Rausschmiss, ähnlich wie Andrea Arnold mit der zweiten Staffel von „Big Little Lies“. Hoffentlich kehren beide nach UK zurück für ihre nächsten Filme. Ich freu mich jedenfalls auf das nächste Werk von beiden. Wie auf die nächste Platte von Feist. Aber das ist eine andere Geschichte.     

3 Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Also, mein Gefallen hielt sich ein bisschen in Grenzen, aber das bedeutet ja nicht viel... Der Eintrag gefällt mir auf jeden Fall deutlich besser als der "Hammer"-Film"!

Jö hat gesagt…

die Story war total bekloppt. Mir schien aber, dass die Regisseurin das Beste aus dem Blödsinn um den traumatisierten Joaquin gemacht hat den sie machen konnte. Ich möchte dann lieber mal Ratcatcher sehen.

Silke hat gesagt…

Dann sind wir ja schon zwei. :-)