Mal wieder ein VVC wegen Sch***-Corona – der dritte in der neuen, zweiten Lockdown-Serie. Silke führte vor von Groß Borsel aus mit Andreas B., zudem dabei waren Sven und Carmen, Gunnar (mit Rocky), Andreas (und Katrin wohl zumindest am Anfang), Miri sowie Tilmann.
Der zweite Film der Schottin Lynne Ramsay (Jg. 1969) hat als Vorlage den gleichnamigen Debüt-Roman von Alan Warner, in dem Morvern die Ich-Erzählerin ist (sehr gute Rezension hier, die auch für den Film erhellend ist). Wie man lesen kann online, gibt sie hier keine Einblicke in ihre Gefühlswelt, sondern lässt die Schilderung von Handlungen für sich sprechen – was an einschlägige Beispiele für diese Erzählhaltung mit dem spröden Stil wie Camus’ „Der Fremde“ oder die Short stories von Hemingway denken lässt.
Die Titelfigur findet kurz vor Weihnachten ihren Freund suizidiert vor. Statt wie von ihm gewünscht sein Geld für sein Begräbnis zu verwenden, verbuddelt die Supermarktangestellte ihn nach Zerteilung in der heimischen Badewanne lieber selbst in den Highlands Schottlands bei Oban (Argyll and Bute) und fährt mit ihrer Freundin Lanna nach Andalusien. Im Hotel Rosinante (so hieß auch Don Quijotes treues Pferd) feiert sie in Bienenwabenarchitektur mit ihr und anderen Briten so was wie Christmas Spring Break – mit Sex, Drugs, Rock‘n‘Roll (bzw. Rave) und alles, was sonst noch dazugehört. Aber eigentlich ist es fast so wie auch zu Hause, wenn sie mit Lanna feiern geht. Auch das dortige Malpais, in das sie sich mit Lanna einmal verirrt, ist ähnlich öde und unwirtlich wie die Natur zu Hause.
Als das Buchmanuskript ihres toten Freundes, das sie unter ihrem Namen eingereicht hat, von einem Verlag begeistert akzeptiert wird, verläßt sie mit dem sechsstelligen Honorar ihre Heimatstadt. Obwohl Lanna ihr sagt „There‘s nothing wrong with here. It‘s the same crapness everywhere, so stop dreaming“, sehen wir Morvern in der letzten Szene auf dem Bahnhof.
Morvern heißt übrigens eine schottische Halbinsel, die nur im Nordwesten eine kleine Strecke Landanbindung hat und Oben gegenüberliegt. Auch wörtlich meint Morvern im schottischen Gälisch so was wie „Meereslücke“, also eine Fast-Insel. Callar stellte sich zu meiner Überraschung als spanisch heraus, es ist der Infinitiv für „schweigen“, „verschweigen“ oder auch „verstummen“. Also meint ihr Name so was Poetisches wie „das Schweigen der Meereslücke“.
Der Film wird von einigen Kritiker*innen enthusiastisch gelobt (ein Beispiel hier, wo Ramsays Stil mit dem von Andrea Arnold verglichen wird). Uns erschien die Story recht befremdlich, auch die Bedeutung der diversen Insektenbeobachtungen blieb uns ebenso unklar wie der Realitätsstatus oder die Chronologie einiger Szenen – infolge auch, ob mit oder ohne Ellipsen bzw. Auslassungen erzählt wird. Gunnar stieß sich vor allem an haarsträubenden Unplausibilitäten des Plots. Trotzdem wurde der Film bei aller Skepsis von uns nicht abgelehnt. Vor allem die Hauptdarstellerin Samantha Morton beeindruckte uns sehr. Roger Ebert vergleicht sie mit Isabelle Huppert: „Samantha Morton has, like Isabelle Huppert, a face that can convey enormous emotions without visibly changing. Because she reveals so little, we are drawn into her, fascinated, trying to read her thoughts.“ Und Elvis Mitchell schreibt in der New York Times, Samantha Morton sei „an actress, who has turned catatonia into a communication device“ (danke, Gunnar!). Auch Lanna ist toll gespielt von der Laiendarstellerin Kathleen McDermott.
Auch toller Soundtrack, wie Tilmann sogar schon per Schnellcheck vor Filmstart feststellte – die Wiedergabe des Mixtapes, das ihr Freund ihr als Weihnachtsgeschenk vorbereitet und ihr zusammen mit einem Walkman hinterlassen hatte. So hatte schon Alan Warner seinem Buch eine Art Soundtrack verschafft.
Am schönsten aber war wohl die lange Plauderei per TelKo im Anschluss.
Rene holte den Film zeitnah nach, war aber trotz seiner prinzipiellen Begeisterung für Samantha Morton nicht angetan.

4 Kommentare:
Danke für zusätzlichen Infos, vor allem zur Vorlage. Eine nebensächliche Frau aus reiner Neugier: Warum "Sch***-Corona" statt Scheiß-Corona? Wer von uns, meinst du, ist so empfindlich, dass der Anblick der drei weiteren Buchstaben ihm oder ihr nicht zuzumuten ist?
Nicht Frau. Frage.
Test
Jorn Ebner, [11.11.2020, 21:50:01]:
Mir hat Movern Callar gut gefallen, obwohl manches fasr wehtat zu gucken, wie die Szene mit den Verlegern.
Das trübe Schottland, das Feiern, das erinnerte mich an meine Zeit in GB.
Lynne Ramsays Ratcatcher hatte seinerzeit viel Aufmerksamtkeit bekommen.
Gunnar Geller, [11.11.2020, 23:14:19]:
Was fandest du an der Szene mit den Verlegern so schlimm? Hast du so mitgefühlt und Angst gehabt, dass ihr (sie und du) auffliegt?
Jorn Ebner, [12.11.2020, 00:09:46]:
Ja... dass irgendwas schief geht
Gunnar Geller, [12.11.2020, 00:11:59]:
Das hab' ich offenbar mehr Distanz zu der ich-zerleg-ihn-einfach-in-der-Badewanne-Hauptfigur gehabt...
Jorn Ebner, [12.11.2020, 07:01:36 (12.11.2020, 13:18:36)]:
Das war nicht nett. Musste an Ian McEwans Cement Garden denken, ähnliche Situation.
Gar nichr so sehr, dass sie auffliegt, sondern dass sie gar keine Gespräche über Literatur führen kann.
Englische Comedy basiert auf diesen Prinzipien. The Office, Alan Partridge, alles so an Rande des erträglichen, weil eine Person immer so schrecklich peinliche Sachen sagt
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