Auf den berühmt-berüchtigen Ken-Russell-Film war ich schon lange gespannt. Mit dabei waren real Silke, Ute, Abo, Rene, Larissa und Alex. Von fern haben Tilman, Sven, Andreas, Maren und Miriam zugeguckt, wobei letztere nach eigener Aussage nur kurz durchgehalten hat und zur zweiten Telko von Andreas per Telefon wach geklingelt werden musste. Jö hat sich den Film später mitten in der Nacht angeschaut, nachdem er nach Hause gekommen ist.
In The Devils geht es um eine politische Intrige im Frankreich des 17. Jahrhunderts: Der Priester Urbain Grandier (Oliver Reed) steht als Gouverneur der Stadt Loudon den Interessen von Kardinal Richelieu im Weg und wird auf den Scheiterhaufen gebracht. Eine maßgebliche Rolle spielt dabei die sexuell frustrierte Äbtissin Jeanne (Vanessa Redgrave), die sich in bizarren Traumszenen die Vereinigung mit Grandier ausmalt – einmal gar als personifizierter frisch gekreuzigter Heiland – und mit falschen Vorwürfen der Inquisition einen dringend benötigten Vorwand liefert.
Der Film gilt als Russells Meisterwerk und als blasphemischster Film der Filmgeschichte und erreicht trotzdem bei IMdB den Wert 7,8. Er wurde – trotz scharfen Protests des Vatikans – in Venedig uraufgeführt und Russell wurde mit dem Regie-Preis ausgezeichnet. In der kanonischen Meta-Kritiker-Liste TSPDT mit den 1000 besten Filmen aller Zeiten steht er auf Platz 612. (Direkt hinter Godards Bande à part, den wir kürzlich im VC zum zweiten Mal gesehen haben. Dahinter folgt Y tu mama tambien. Mir fällt kein anderer Film von der TSPDT-Liste ein, der in den letzten Jahren im VC aufgetaucht ist, obwohl da bestimmt noch einige Klassiker sind, die man problemlos durchbekommen würde. Die ersten beiden Filme, die ich nicht kenne, stehen schon auf den Plätzen 8 und 12: Murnaus Sunrise und Singin’ in the Rain.)
Die Reaktionen in unserer Runde waren gespalten wie selten. Ich war sehr angetan von diesem völlig unberechenbaren Spektakel, von den weißen Derek-Jarman-Kulissen, den monty-pythonesken Übertreibungen, von den erstaunlichen Leistungen der Darsteller, die ihre Figuren mal ins Karikaturistische abkippen lassen und im nächsten Moment völlig glaubwürdig sind, von der düsteren, atonalen Orchestermusik von Peter Maxwell Davies, von der Unerschrockenheit mit der die Verkommenheit der Kirche und ihrer menschenfeindlichen Sexualmoral vorgeführt wird und von den ganz erstaunlichen Szenen mit rasenden Nonnen, die zum Höhepunkt ein Kruzifix zu Fall bringen und den Gekreuzigten vergewaltigen.
Andreas war begeistert („Toller Film!“) und nach eigenem Bekunden hellwach wie selten beim allein gucken. „Das wird ja immer besser,“ schrieb er zwischendurch. Larissa fand ihn auch richtig gut („Mir ist zum kotzen aber ich bin begeistert!“) und Jö schrieb später: „krass. Orgien super, Vanessa Redgrave klasse, Gewalt guck ich bei weg, hatte Ken Russell mit durchgedrehtem buntem Experimentalfilm assoziiert, mit Kenneth Anger durcheinander gebrachtSchlucke noch schwer. Barré…“
Rene fand das Ganze einfach nur doof, Sven dagegen hat rekordverdächtig reagiert: „Endlich zuende. Ich guck’ mir nie wieder einen Film an.“ Auf Nachfrage erklärte er, dass die Gefahr zu groß sei, noch einmal so etwas „trashiges“ gucken zu müssen. Silke konnte immerhin inhaltlich den Devils etwas abgewinnen, aber meinte dass das formal überhaupt nicht ginge so. An andere Aussagen kann ich mich nicht mehr erinnern. Gut fand den Film, glaube ich, keiner ansonsten. Bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege.
Die zeitgenössische Kritik fand The Devils ziemlich einhellig schlimm. (Null Punkte von Roger Ebert, das gab’s fast nie. Pauline Kael schrieb: „Ken Russell doesn't report hysteria, he markets it.“ „Blutrünstig, bombastisch-obszön, effektgeladen und grell-übersteigert“ urteilte der Filmdienst bzw. das Filmlexikon.
Aus heutiger Perspektive schreibt Philip French im Guardian: „There is much to irritate in the film, but it's bold, individual and a landmark in British cinema, with outstanding performances from Oliver Reed as Grandier and Vanessa Redgrave as the possessed Mother Superior; memorable stylised sets by Derek Jarman; dramatic lighting by David Watkin; and an atonal score by Peter Maxwell Davies."
Vanessa Redgrave hat 2012 im Interview gesagt: „I’m very proud of it. Very proud of Ken Russell, of Derek Jarman, very proud of the decisions Russell made to not go for the general run -- medieval, tired, semi-reconstituted -- but to go for this fantastic… I can’t put a name to it, because it’s beyond putting a name to. The conception of Loudun and the white tiles of Loudun, which sort of encompass this world, and when they crumble, reveal a bleakness both within and without. There’s so much to take on board in the film, but in cinema terms and spiritual terms it’s extraordinary. I feel very inadequate even attempting to put one word after another. I’m very proud of it.“
Hier noch ein Auftritt von Oliver Reed in einer britischen Talkshow, als der Film gerade ins Kino kam:
Und hier eine halbstündige Doku von 2004. Mark Kermode hat die zensierten Partien entdeckt und besucht damit den alten Ken Russell:
Und hier noch einmal Mark Kermode 2012, der böse ist, dass Warner den restaurierten Film immer noch nicht freigegeben hat. (Ist bis heute nicht passiert, wir haben einen Fan-Edit geguckt.):

4 Kommentare:
Dass Derek Jarman die Kulissen entworfen hat... danke für die Info, auch dass dies nicht die restaurierte, sondern eine Fan-Fassung war. Das erklärt die Qualitätsunterschiede bei den entsprechenden Szenen
Toller Film, toller Post, vielen Dank! Kleine Anmerkung: Es handelt sich um das 17. Jahrhundert, nicht das 18. Konkret fanden die geschilderten Ereignisse in den Jahren 1633/34 statt. Wusstet ihr übrigens, dass es dazu auch eine Oper von Krzysztof Penderecki gibt?
Ist korrigiert, danke! (Von Krzysztof Penderecki hab' noch nie gehört.)
Die Teufel von Loudun ist eine Oper von Krzysztof Penderecki, die am 20. Juni 1969 als Auftragskomposition an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Libretto und Musik stammen gleichermaßen von Penderecki. Die Oper wurde im Rahmen der Veranstaltung „Zeitgenössisches Musiktheater“ in deutscher Sprache unter der musikalischen Leitung von Henryk Czyż in einer Inszenierung von Konrad Swinarski gegeben.[1] Der Stoff orientiert sich an dem gleichnamigen Buch von Aldous Huxley, das auf wahren geschichtlichen Vorkommnissen in der französischen Stadt Loudun um den Priester Urbain Grandier basiert, in der Dramatisierung von John Whiting und der Übertragung ins Deutsche von Erich Fried.[1] Zwei Tage nach der Uraufführung wurde das Werk am Staatstheater Stuttgart nachgespielt.[2] (wikipedia)
Vielleicht wusste Russell davon - seinem Interesse an Musikern, etc. nach, wäre es nicht unbedingt auszuschließen...
Jø
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