Freitag, 11. Februar 2022

Leave No Trace (USA 2018, Debra Granik), HVC

HVC bei Silke. Vor Ort dabei: Ute, Sven, ABo. Zugeschaltet: Rene, Miri, Andreas und Jö.

Von Debra Granik hatten wir vor einigen Jahren schon einmal einen Film gesehen, „Winter’s Bone“, der mir extrem gut gefallen hatte. Daher war ich gespannt auf ihrem jüngsten Film. Der traumatisierte Veteran Will lebt mit seiner 13-jährigen Tochter Tom möglichst weit weg von der Zivilisation im Wald nahe Portland. Eines Tages werden sie entdeckt und aus ihrem alles in allem zufrieden Leben herausgerissen. Die Behörden nötigen sie nun, ein „normales“ Leben zu führen mit Haus und Toastbrot und Fernsehen und Job. Für den Vater ist das nichts, aber die Tochter findet Gefallen am Austausch mit anderen Menschen und Tieren wie Hasen und Bienen. Noch einmal geht sie mit ihm in die Wälder, als er es nicht mehr aushält, aber eher widerwillig diesmal. Wegen eines Unfalls kommen sie in einer alternativen Gemeinschaft im Wald unter, die ihnen einen Trailer zur Verfügung stellt. Tom lebt sich gut in diese Lebensform ein, die dialektisch gesehen wie eine Synthese aus Leben eins und Leben zwei erscheint und eine Lösung für die beiden sein könnte. Aber Will hält das Leben unter Menschen nicht aus; und so trennen sich ihre Wege schließlich.

Vor Ort hat allen Anwesenden der Film sehr gut gefallen. Unter den Remotelern war die Meinung eher gespalten: In der zweiten TelKo sagte Miriam, dass sie den Film eher langweilig fand. Und René war von ihm so gar nicht berührt – und hörte sich dabei immer sehr verwundert an, wenn er das sagte, denn – so räumte er ein – das war ja technisch und auch sonst alles einwandfrei. Andreas, meine ich, war auch nicht so begeistert. Jö hingegen mochte den Film, wenn ich mich richtig erinnere. 

Das Drehbuch stammt von Granik und Anne Rosellini, die auch schon bei „Winter’s Bone“ zusammengearbeitet hatten. Der Film basiert auf dem Roman Meine Wildnis (Originaltitel My Abandonment) von Peter Rock aus dem Jahr 2009. Der Autor ließ sich laut Wikipedia von einer realen Geschichte inspirieren. 

Die Darstellerin der jungen Tom Thomasin McKenzie war übrigens auch die Hauptdarstellerin wie neulich in „Last Night in Soho“. So telegramisierte Jö denn auch metaleptisch: „klar ist jetzt warum Ellie danach Mode in London studiert, nach sonner Kindheit“. McKenzie stammt aus einer neuseeländischen Schauspielerdynastie. Ich freue mich schon auf den nächsten Film mit ihr; ähnlich beeindruckend fand ich zuletzt unter den sehr jungen Jennifer Lawrence in „Winter’s Bone“.

10 Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Das war eher umgekehrt mit Andreas und Jö...

Andreas hat gesagt…

Richtig, ich fand den Film super. Hat mich total gesmasht,

x hat gesagt…

Richtig und ich hatte Vorbehalte, weil mir das ganze zum Schluss hin zu so einem Thoreau-Waldschrat-Kitsch verkam. Dass Papi sich denkt, ach lass ich meine 13jährige Tochter mal bei so alten Alt-Country Elderlies und zieh stattdessen ins Gehölz, während die Tochter doch immer beherrscht und mit zarten 13 weiß, naja, ich bleib mal hier bei den Bienen und lass Papa mal gehen, der holt sich dann immer den Inhalt des Bündels, und alle sind so schön ruhig und verständig: das finde ich immer kitschiger und abgeschmackter, je länger ich darüber nachdenke.

Aber Ellie war toll und ich freue mich über die transatlantische Intertextualität der beiden Filme Leave no trace und Last Night in Soho

Andreas hat gesagt…

Ach ja, die Sache mit dem Alter. Die hat mir das Ganze im Nachhinein etwas vermiest. Ich hatte die Tocher eher für 17 oder so gehalten (unbewusst orientiert am tatsächlichen Alter der Darstellerin), da fand ich die Entscheidungen am Schluss ganz plausibel. Aber überall steht nun mal, dass sie 13 sein soll, und vielleicht wird es auch mal im Film gesagt. Da ist Jös Einwand doch ziemlich berechtigt.

Gunnar hat gesagt…

Ich fand ihr Verhalten glaubwürdig für eine dreizehnjährige. Und Jös Beschreibung finde ich verfälschend. Der Papa denkt sich nicht "ach lass ich meine 13jährige Tochter mal bei so alten Alt-Country Elderlies". Er hat einen Knall und hält's nur einsam im Wald aus. Und dahin will er sie wieder mitnehmen. Und sie hat, langsam und nachvollziehbar eine Wandlung durchgemacht, nachdem sie hops genommen worden sind. Sie will das Leben mit Papa im kalten Dreck nicht mehr. Und sie entschließt sich auf dem Weg, nicht weiter mitzugehen. Das mit dem Bündel ist aus meiner Sicht auch eine Misinterpretation. Das Bündel ist für einen anderen Spinner im Wald. Es gibt null Hinweis darauf, dass sich das geändert hat. Es zeigt also nur ein grundsätzliches Verständnis und eine Billigung der Lebensweise der Waldschrate seitens der Tochter und der Hippie-Oma.

Der Thoreau-Vorwurf ist meines Erachtens unbegründet, es wird überhaupt kein Hehl daraus gemacht, dass der Papa krank ist. Es wird eine andere Sicht durch die Tocher dagegengestellt. Und – besonders lobenswert – die Vertreter der richtigen, als aus Thoreau-Sicht falschen Welt, werden kein bisschen denunziert. Nicht die Sozialarbeiter, nicht der Weihnachtsbaum-Farmer, nicht einmal die Polizisten.

Es wird vollkommen fair und ohne Bewertung erzählt. Die Bewertungen nimmt nicht der Film vor, sondern du, Jö.

x hat gesagt…

das verstehe ich jetzt als Vorwurf, ich würde das Leben der Waldschrate ablehnen - ich lehne weder die Thematik des Films, noch die Werte und untertschiedlichen Lebensweisen, die dargestellt werden, noch Thoreau ab. Ganz im Gegenteil: das war ja alles interessant. Schade war nur das, meiner Ansicht nach, kitschige Ende.

bzgl. des Bündels: da sie beim Weggehen schnalzt, scheint mir die Interpretation, das der Inhalt für den Vater bestimmt ist, nicht abwegig.

Rene hat gesagt…

Hoppla,hier ist ja wieder was los. Wird wohl Zeit, dass ich mal wieder nen Karate-Film zeig...
Also ich bin auch eher auf Jö's Seite und das mit dem Lebensmittel Sack, sehe ich genauso - der letzte Kontakt der Tochter mit ihrem Vater.
Ich hab auch diese Seepferdchen Anspielungen nicht kapiert, was sollte das?
Ich hab mir den Film angeschaut und fand's gut - getouched hat es mich null.
Das war bei Nomadsland ganz anders.

Gunnar hat gesagt…

Mit dem Bündel werdet ihr recht haben, das Schnalzen ist ein deutlicher Hinweis. Das heißt, dass das erste Bündel für den anderen Typen nur vorgekommen ist, damit wir die Schlussszene verstehen.

Wieso muss ich hier eigentlich allein diesen Film, der so zurückhaltend und frei von moralischen Bewertungen seine Geschichte erzählt gegen den vernichtenden Vorwurf, er verkäme zu "Thoreau-Waldschrat-Kitsch" verteidigen, wenn alle vor Ort den doch gut fanden?

Rene hat gesagt…

Weil alle damals Vorortigen den Film schon abgehakt haben :-D
Lass mal lieber im Wald spazieren gehen aber danach in die richtige Welt zurück kehren - warmer Ofen, trockene Wohnung und Internet sind einfach viel geiler

Andreas hat gesagt…

Hatte doch schon geschrieben, dass ich ihn toll fand und dass mich höchstens die leicht absurde Altersangabe irritiert hat. Ansonsten: nix "Thoreau-Waldschrat-Kitsch".