Freitag, 9. April 2021

Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (Thailand 2010, Apichatpong Weerasethakul)

Kurz und knapp zusammengefasst – die Rahmenhandlung: Onkel Boonmee, ein Farmer mit Nierenproblemen, lebt mit seiner Schwägerin Jen und seinem Neffen Tong im ländlichen Isan (Nord-Osten von Thailand) und wird von dem Laoten Jaai mit häuslicher Dialyse versorgt, sein nahender Tod scheint unausweichlich. Eines Abends erscheint seine 19 Jahre zuvor verstorbene Frau Huay beim gemeinsamen Abendessen. Kurz darauf tritt sein ebenfalls jahrelang verschollener Sohn Boonsong in Gestalt eines großen schwarzen Affen mit leuchtenden roten Augen auf. Er erzählt, dass er sich seinerzeit bei fotografischen Erkundungen einen Affengeist gefunden und sich mit ihm gepaart hätte. Später im Film folgen Boonmee, Jen und Tong der inzwischen stark materialisierten Huay in eine Höhle. Am Morgen scheint Boonmee nicht mehr aufwacht zu sein, Huay ist verschwunden und Tong klettert einen Fels hinauf. Nach Boonmees Beerdigung ist Jen mit ihrer Tochter in einem Hotelzimmer beim Zählen der Geldgaben der Kondulierenden zu sehen. Tong erscheint in Mönchskleidung zum Duschen; während die drei TV schauen, lösen sich Zweitversionen von Jen und Tong, um essen zu gehen. Als Handlung in der Handlung ist eine kurze Episode eingeschoben, in der eine Prinzessin mit Hautproblemen im Gesicht bei einer Rast an einem Wasserfall zuerst ihren Bediensteten und Liebhaber abweist und schließlich von der Stimme eines Wels‘ animiert in das Wasser steigt und sich dort von dem Fisch begatten lässt.

Inhaltlich ist der Film von animistischen Religionsauffassungen inspiriert: Der Film beginnt mit einem Wasserbüffel, der sich befreit und in einen Wald begibt; der zum Affengeist mutierte Sohn erscheint zum Abendessen; im Verlauf des Films sind immer wieder die rotäugigen Affenwesen schemenhaft zu sehen; Boonmee hält Bienen; die Prinzessin paart sich mit einem wie im Märchen sprechenden Wels, und es scheint, als mutiere sie – wie schon der Sohn – zu ebenso einem Wesen. Die Menschen leben in unmittelbarer Nähe und in starker Verbindung mit Tieren und Pflanzen. Boonmee erklärt seiner Schwägerin, das Nierenversagen sei auf sein Karma zurückzuführen: er habe zu viele Kommunisten und Insekten getötet.

Militärische Präsenz ist ein weiteres Unterthema: im TV sind wiederholt Soldaten zu sehen; in einer fotografischen Sequenz projiziert sich die Stimme Boonmees aus dem Off in eine Zukunft als Affenwesen unter Soldaten.

Für seine visuelle Eigenart und seine narrative Konventionslosigkeit wurde der Film 2010 mit der goldenen Palme in Cannes, als bester Film bei den Asian Film Awards und als bester fremdsprachiger Film von der Toronto Film Critics Association ausgezeichnet. Bei den VC Awards fiel der Film dagegen mehrheitlich durch: zu langsam, zu langweilig. Die Kritikerin des Uhlenhorster Flotow-Anzeigers ging sogar soweit, aufgrund des Films ihre weitere Mitarbeit in der Jury in Frage zu stellen. Positiv vermerkt wurden von einigen Teilnehmer*innen die Filmbilder und zuweilen lustige Dialoge. Anwesende VC-Awards Members waren neben Vorführer Jö, Gunnar, Maren, Miriam, Sven, Tillmann und mit starker Verspätung auch Silke.

Das Filmposter wurde übrigens von Chris Ware gestaltet, der dafür beim Chicago International Film Festival einen Preis erhielt.

Der Regisseur Apichatpong Weerasethakul kommt aus der bildenden Kunst, weshalb die assoziierten Kunstinstitutionen Haus der Kunst in München und FACT Liverpool nicht überraschen. Seinen ersten Kurzfilm drehte er 1993; „Blissfully Yours“ (2002) und „Tropical Malady“ (2004) wurden ebenfalls in Cannes mit Preisen geehrt. Letzteren hatte der Vorführer seinerzeit im Kino gesehen, „Cemetery of Splendour“ (2015) ebenso – beide Filme hatten bei mir positive Eindrücke hinterlassen. Bei Wikipedia wird in Bezug auf Uncle Boonmee der Kritiker des Daily Telegraph ziert und ich schließe mich da an, denn mir gefiel der Film schon sehr gut:

„It's barely a film; more a floating world. To watch it is to feel many things – balmed, seduced, amused, mystified, […] There are many elements of this film that remain elusive and secretive. But that's a large part of its appeal: Weerasethakul, without ever trading in stock images of Oriental inscrutability, successfully conveys the subtle but important other-worldliness of this part of Thailand.” 


2 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Wenn ich deine Inhaltszusammenfassung so lese, denke ich, das müsste ein Film für mich sein. Unkonventionell, lustig, überraschend. Schade, dass er andererseits so zäh ist.

Rene hat gesagt…

Hab ich gestern nachgeholt aber das war echt hart, ich brauchte 2 Anläufe und vor einigen Jahren hatte ich es auch schon mal versucht und bin bei dem Erscheinen des Affensohns ausgestiegen. Mir hat hier eine Story gefehlt und dieses "Prinzessinen" Interlude hat auch nicht geholfen, dem Film etwas positives abzugewinnen - Sex mit einem Fisch - okay, hat man jetzt auch mal gesehen. Schade, denn die Bilder waren teilweise sehr schön (die Szenen in der Höhle). Wahrscheinlich bin ich zu simpel gestrickt, das war bestimmt zuviel Kunst - für mich kann das weg :-D