Freitag, 5. Februar 2021

The Diary of a Teenage Girl (USA 2015, Marielle Heller)

VVC am Todestag von Christopher Plummer, worüber uns René noch rechtzeitig informierte. 

    Nachdem Andreas von Miriam aus seinem gemütlichen Insbettbringen-Schlaf geweckt wurde, waren wir für den VVC-Abend komplett mit den beiden sowie Gunnar, Maren, dem (anfangs) telefonlosen Sven, René, Silke und ABo (Vorführer).

    Auf mehrfaches Bitten eines einzelnen Herrn hier noch der Hinweis, dass die Inspiration zu dem Debütfilm von Marielle Heller folgendem Recherche-Ergebnis zu Regisseurinnen entstammte: „10 Great Comedies You Forgot Were Directed By Women“.

     „In dem Film wird die Geschichte von der 15-jährige Minnie erzählt, die ein ganz normales, pubertierendes Mädchen im wilden San Francisco der 1970er Jahre ist. Sie zeichnet liebend gern, liest Comics und hält die Ereignisse ihres Lebens in einem Tonband-Tagebuch fest. Mit großer Neugier beginnt sie, die Welt um sich herum und ihre eigene Sexualität zu entdecken – und zwar mit Monroe, dem Freund ihrer Mutter Charlotte. Probleme sind vorprogrammiert, und die Affäre bringt die ohnehin chaotische Gefühlswelt des Mädchens ziemlich in Unordnung.“

    Soweit das offizielle Wikipedia-Bulletin. Im Film geht es aber recht unverblümt darum, dass Minnie endlich einmal richtigen Sex haben will, wozu sich Monroe von ihr verführen lässt.

 

Der Film überrascht durch – wie wir fanden – sehr gelungene Comic-Einspielungen. So wird z.B. gleich am Anfang aus einem Frauenbild eine Geburtsszene. Ein anderes Mal wird eine gezeichnete Figur zur imaginären Begleitung von Minnie. Was Gunnar bei der Telko zur Frage veranlasste, ob auch jemand von uns in Teenage-Zeiten so jemanden hatte. Jemand hatte …

    Auch die Musik gefiel – der Soundtrack kam vom Bruder der Regisseurin. Wie sich im Nachgang zeigte, sind sie ein eingespieltes Duo, denn auch bei ihren beiden nachfolgenden Filmen arbeiteten sie zusammen. Dass Monroe auf den Verführungsversuch eingeht, führt letztlich dazu, dass man den Film im Grenzbereich des Strafrechts ansiedeln muss und zwar auf der anderen Seite. Dies bringt dem Film in tutto jede Menge übler IMDb-Bewertungen ein. Ähnliche Diskussionen kamen auch in der Telko danach auf. Sven hatte vielleicht die größten Probleme damit. Überwiegend fanden wir den Film aber großartig und kamen bei näherer Betrachtung, auch der IMDb-Kommentare, in gewisse  Rechtfertigungsprobleme.

    Whatsoever, nach intensiver IMDb-Lektüre durch Gunnar und René im Nachgang, wollte letzterer sich gleich mal die Buchvorlage bestellen: Der Film basiert auf der hybriden „diaristic graphic novel“ The Diary of a Teenage Girl: An Account in Words and Pictures von Phoebe Gloeckner.


 (ABo, 6.3.2021, mit freundlicher Unterstützung von SL Productions) 

5 Kommentare:

Rene hat gesagt…

Ja, toller Film - toller Abend! Ich hatte den Film auch auf meiner VC-Liste und hab mich sehr gefreut, als ihn ABo vorgeschlagen hat.

Trotz des Themas "sexueller Missbrauch" wurde meiner Meinung nach deutlich, dass Minnie es nicht als solches erlebt und sich selbstbestimmt auf die Affaire eingelassen hat, dass Monroe darauf eingegangen ist, zeigt seinen wahren Charakter. Der "Coming-of-Age" Aspekt des Films fand ich großartig.

Den Soundtrack hab ich mir gleich am nächsten Tag geholt aber ohne den Film funktioniert er leider nicht und auf den Comic warte ich noch...

Gunnar hat gesagt…

Ich hab's an dem Abend ja schon gesagt, mal gucken, ob wir dieses Jahr noch einen besseren Film sehen werden. Ich bin auch keineswegs in "gewisse Rechtfertigungsprobleme" gekommen. Ich finde, dass man eine solche Geschichte so erzählen können muss. Aber nur weil man's aus ihrer Perspektive erlebt und sie da einigermaßen heil rauskommt, sollte man sich den Missbrauch nicht schön reden und ihn auch so benennen. Dass sich Zuschauer furchtbar aufregen und den Film miserabel bewerten, hat, glaube ich, eher nichts mit Strafrecht zu tun, sondern damit, dass der Film sich einer moralischen Bewertung des Missbrauchs enthält. Und dann gibt's auch noch jede Menge Nacktheit und explitzite Sex-Szenen. Ich könnte mir vorstellen, dass mancher Zuschauer heftig reagiert, wenn ihm ein falsches, zu verurteilendes sexuelles Verhältnis einfach so gezeigt wird und er die Ahnung bekommt, dass er in der Situation selber auch sexuelle Anziehung verspüren könnte und es nicht ausgeschlossen ist, dass er sich ähnlich verhielte. Oh Gott! Da ist moralische Empörung geradezu naheliegend, oder?

Zur Musik: Positiv geäußert wurde sich zur Auswahl der Popsongs, wenn ich mich recht erinnere. Stooges, Television, Nico usw. Nate Heller hat damit nix zu tun, er hat den Score komponiert, der mir zumindest nicht wirklich aufgefallen ist. Hier bei Squarespace kann man ihn anhören.

Die Comic-Vorlage habe ich auch bestellt, blöderweise nicht direkt in den USA, sondern bei buecher.de. Es gibt noch nicht einmal einen Liefertermin. Lange angekommen ist dagegen ein früheres Buch von Phoebe Gloeckner, das viele ihrer kürzeren Comics versammelt, darunter mehrere, die Minnies Geschichte zum Thema haben. Die Darstellung ist deutlich drastischer und expliziter als im Film, nicht auszudenken, wie die 1-Stern-Bewerter von IMdB darauf reagieren würden. Mit "Pornografie!"-Geschrei und Verbotsforderungen vermutlich. Wer's sich mal leihen will, bitte melden.

Gunnar hat gesagt…

Ich lese Comics, seit ich lesen kann und schätze das Medium sehr. Um so weniger mag ich den Begriff "Graphic Novel". Mit der Ablehnung bin ich nicht allein

ABo hat gesagt…

Messerscharfe Analyse!
Danke für die Einordnung.
Ich hatte zunächst überhaupt keine Probleme, den Film großartig zu finden. Vielleicht jetzt wieder...

Gunnar hat gesagt…

Musste gerade schon wieder an den Film denken und hab' mich gefragt, ob Miranda July den nicht super finden müsste. Bingo: Sie nennt Gloeckners Vorlage eines ihrer 10 Lieblingsbücher und erwähnt trotz ganz wenig Platz auch gleich den Film: "I was in a unique position to be influenced by this book because my parents published it when I was in my 20s (long before Marielle Heller made it into a great movie). It is the most graphic of all the graphic novels I own — and all from the point of view of a teenage girl."