Freitag, 8. November 2019

Seder-Masochism (Nina Paley, 2018)



In kleiner Besetzung (Silke und Rene mit und bei Gunnar) gab es den zweiten Langfilm des One-Woman-Animationsfilmwunders Nina Paley. Ihren Erstling haben wir auch schon vor annähernd zehn Jahren im VC gesehen und ich habe die Abwesenheit der beiden VC-Gucker, denen „Sita Sings the Blues“ damals nicht gefallen hatte, genutzt und so herrschte an diesem Abend einhellige Begeisterung.




Das heterogene Erzählprinzip ist sehr ähnlich wie bei ihrem Erstling, nur dass diesmal statt des Ramyana die biblische Exodusgeschichte erzählt wird und dass Paley sich nicht auf  Zwanziger-Jahre-Songs von Annette Hanshaw beschränkt sondern mit viel Geschick aus der Popgeschichte zusammenklaubt, was immer sie gebrauchen kann: Unter anderm sind der staatliche bulgarische Frauenchor, Louis Armstrong, die Beatles, John Lennon, die Four Tops, die Pointer Sisters, Led Zeppelin und die New Seekers zu hören. Visuell wechseln sich wieder sehr unterschiedliche Designs und Techniken ab, überwiegend wieder in digitaler 2D-Animation. Andererseits tauchen aber auch Statuen diverser weiblicher Gottheiten aus zig Kulturkreisen auf, die bei Paley die Hüften kreisen lassen.


Ja, irgendwie geht es auch um eine weibliche Urgottheit versus patriarchalischen Religionen und eine autobiographische Komponente gibt es in Form von Gesprächen über das Pessach-Fest mit ihrem Vater auch, aber vor allem wird die eigentliche Mosesgeschichte inklusive brennendem Busch, zehn Plagen, geteiltem Meer und goldenem Kalb parodistisch und gleichzeitig ernst als durchgeknalltes, feministisches Zeichentrick-Musical erzählt. Flankiert wird das Ganze von einer Erklärung der Pessachrituale durch Jesus höchstselbst, der, umringt von seinen Jüngern mit der Stimme einer religiösen Fünfziger-Jahre-Lehr-Schallplatte spricht, inklusive Vinylknistern, versteht sich. („Warum Jesus?“, fragte sich Silke an dem Abend. Ich hab’s nachgeguckt. Darum.)

Ein intelligentes, extrem kurzweiliges Vergnügen. Ich wünschte, es gäbe jedes Jahr einen weiteren Film nach dem gleichen Prinzip. An geeignetem Stoff von nordischen Mythen bis zur Odyssee sollte es nicht mangeln.

Teile von Seder-Masochism hatte Paley schon Jahre vorher als Kurzfilme vorab veröffenlicht und einen besonders blutrünstigen haben wir auch schon gemeinsam im VC als Vorfilm gesehen. Die Geschichte des heiligen Landes in Kurzform zum Titelsong von „Exodus“ animiert:



Hier noch ein Link zu einem Interview mit Paley, in dem sie unter anderem erklärt, was es mit dem ominösen "Producer X" aus Vorspann und Credits auf sich hat. (Doch kein One-Woman-Wonder?)

Als Vorfilm gab es einen Ausschnitt aus Sullivan's Travels, nämlich die Kirchenszene, in der "Go Down Moses" gesungen und anschließend über einen Pluto-Cartoon gelacht wird. Außerdem einen Ein-Minüter von Paley, die darin eine klare Haltung zu einem Aspekt der Online-Piraterie einnimmt. "Seder-Masochism" gibt es wie "Sita" wieder in voller Länge gratis im Netz.




3 Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Seufz – den hätte ich ja gerne gesehen. Und den Ausschnitt aus "Sullivan's Travels" auch.

Rene hat gesagt…

Toller Film, toller Eintrag, tolle animierte GIFs.
Besonders das letzte ist super!

Silke hat gesagt…

Ich schließe mich Rene an; alles toll. Als tollen Musikbeitrag im Film muss man natürlich noch erwähnen Dalidas & Alain Delons "Paroles, paroles" (1973). Lief bei mir im Anschluss wochenlang in Heavy rotation.
https://www.youtube.com/watch?v=LYAvhujK4nA