Donnerstag, 14. Januar 2010

Sita Sings The Blues (Nina Paley, 2008)

Bei Gunnar mit Miriam, Silke, Stefan, Andreas und Sven.

Nachtrag 2019: Statt hier im VC-Blog, der zu der Zeit sanft ruhte, hatte ich damals folgenden Text im Kinoprovinz-Blog geposted und darauf an dieser Stelle hingewiesen und der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass keiner etwas dagegen habe. Darauf beziehen sich die Kommentare unten.

Hier also der Beitrag aus der Kinoprovinz:
So, der Januar ist ja schon bald rum, Zeit zu verkünden, welches mein Filmerlebnis des Jahres war, des laufenden, versteht sich. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich in den kommenden elf Monaten noch etwas zu sehen bekommen werde, dass mich ähnlich überraschen und begeistern wird wie „Sita Sings The Blues“ von Nina Paley.

Es ist ein amerikanischer Trickfilm, der das indische Nationalepos Ramyana mit Bluessongs aus den zwanziger Jahren verbindet. Doch, das ist wirklich richtig gut. Im Ernst.
Gesehen habe ich das einzigartige Werk in kleiner Runde zuhause, nicht im Kino, wo es hierzulande voraussichtlich auch nie auftauchen wird. Allerdings hat seine unspektakuläre Premiere bei uns in Deutschland stattgefunden, im Rahmen der Berlinale 2008, da lief „Sita“ absurderweise gut versteckt in der Jugendsektion „Generation 14+“, mit der üblichen Folge, dass kein Mensch darüber berichtet hat.

„Sita Sings The Blues“ ist der erste abendfüllende Film, der im wesentlichen von einer einzigen Person hergestellt wurde, der erste „Autorenfilm“, der diese Bezeichnung wirklich verdient. Fast fünf Jahre hat das gedauert und die Voraussetzung dafür waren Flash und ähnliche Animationssoftware, Paley hat den Film am Laptop zusammengebastelt. Anderthalb Stunden simple Computeranimation, mag man sich fragen, ist das nicht furchtbar? Ist die Technik nicht viel zu limitiert, ist das Ergebnis nicht eintönig, primitiv und langweilig? Das Gegenteil ist der Fall. Komischerweise wirkt die ultraflache Animation hier kein bisschen beschränkt, sondern auf ihre sehr eigene Weise  geradezu prächtig und überbordend. Eine Rolle spielt dabei sicher, dass in mehreren völlig verschiedenen Stilen animiert wurde, die sich fortwährend abwechseln. Und das wirkt keineswegs wirr, da jeder Stil jeweils Ausdruck einer bestimmten inhaltlichen Ebene ist.

Teils wird die traurige Liebesgeschichte von Rama und Sita im Stil traditioneller indischer Malerei erzählt, die bewusst ruppig in Bewegung gesetzt wurde, begleitet von entsprechend hölzernen Dialogen. Dann versuchen immer wieder drei Inder, höchst unzuverlässige Erzähler allesamt, die Geschichte mündlich vorzutragen, nur leider erinnern sie sich nicht allzu gut. Dargestellt werden sie von traditionellen Schattenfiguren, während im Hintergrund ihre Erzählung fortwährend und blitzschnell von animierten Collagen illustriert und kommentiert wird. Oft ist das ausgesprochen komisch, vor allem wenn die Sprecher sich uneins sind und visuell Korrektur auf Korrektur folgt. Dazwischen erklingen immer wieder wunderschöne alte Bluessongs von Anette Hanshaw, die Sitas Liebesleid nicht nur widerspiegeln, sondern die Handlung auch weiter vorantreiben. Denn während Sita, die in diesen Sequenzen an Betty Boop erinnert, singt, überstürzen sich regelmäßig die dramatischen und teils recht blutigen Ereignisse. Die Optik dieser Passagen ist von einem knalligen, modern reduzierten Design geprägt.

Aber das ist noch nicht alles. Eine autobiografische Ebene gibt es auch noch, in der Paley in pseudoanaloger Wackelanimation von ihrer eigenen unglücklichen Liebe berichtet, die, wie sich heraustellt, der Anstoß für das ganze Projekt war. Und dann sind noch mehrere Szenen vorhanden, die sich keiner der genannten Ebenen zuordnen lassen, etwa eine wunderbare Tanzszene, für die Paley Realfilmaufnahmen als Vorlage verwendet hat (Rotoskoptechnik).

Das Ergebnis ist ein persönlicher Film, wie ihn zuvor noch keiner gemacht hat, der berührt und visuell schwer beeindruckt und auf verblüffende Weise scheinbar völlig disparate Elemente zusammenführt. Komisch zudem, intelligent und, wie gesagt, ganz und gar einzigartig.
In unserer kleinen Runde waren allerdings nicht alle gleichermaßen angetan, die Hälfte war begeistert, die andere eher ratlos. („Bleibt das so?“ „Ganz nett, aber das ist ja kein richtiger Film.“)
Wer neugierig geworden ist, kann sich „Sita“ hier gratis und völlig legal anschauen.

Paley hat also nicht nur als Erste im Alleingang einen abendfüllenden Film hergestellt, ihr Film ist auch der erste, der nach Belieben frei kopiert werden kann. Die Geschichte, wie sie eher zufällig zur Creative-Commons-Vorkämpferin wurde, ist fast so spannend wir „Sita“ selbst. Hier eine kurze Doku dazu, „The Revolution Will Be Animated“.

Auch interessant: Eine Online-Petiton aufgebrachter Hindus: „The animation film ‚Sita Sings The Blues‘ is derogatory and extremely insult to Hindu culture, its role models and Ramayana which is a religious book of Hindus.“ Ich hatte immer gedacht, die seien ein klein wenig entspannter. Von wegen.

6 Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Doch, ich. Und dann hast Du mich auch noch wieder mal als Deppen zitiert, aber damit muss ich als Ignorantin natürlich leben...

Hier noch ein Fehler:
spannend wie “Sita”

Gunnar hat gesagt…

Sollte kein entlarvendes Deppenzitat sein. Ich wollte nur erwähnt haben, dass offenbar nicht jeder was damit anfangen kann. Die Reaktion auf deine Äußerung am Abend war völlig überzogen. Kann man so sehen, finde ich. Kein Film.

Miriam hat gesagt…

Merci. Und Glückwunsch zu Deinen Einträgen (wenn auch der obere einige Fehler aufweist, und "Darrat" kam nach "Sita")! Mit "Hallam Foe" hast Du völlig recht.

Gunnar hat gesagt…

Na dann verbessere doch mal! Kannst gerne einfach reinschreiben, oder aber kommentieren, ist mir alles recht. Weißt du die anderen Filme und die anderen Daten aus den vergangenen Monaten?

Miriam hat gesagt…

Alles verbessert, Rest folgt.

Gunnar hat gesagt…

Danke!