Gunnar und Sven trafen sich daraufhin bei Silke. Der Dealer hatte Weihnachtsfilme vorbereitet; wir wählten diesen Lubitsch-Klassiker, den erstaunlicherweise noch niemand von uns kannte. Das Format von 1.37:1 passte auch super zu dem alten erprobten Computer-Bildschirm der Gastgeberin. Anders als das schöne Filmplakat oben nahelegt, handelt es sich natürlich um einen Schwarzweiß-Film.
Handlung: Alfred Kralik und Klara Novak, die in anonymem Briefwechsel miteinander stehen über kulturelle und schöngeistige Themen, haben sich infolge in einander verliebt – ohne sich jemals gesehen zu haben! Vermeintlich, denn sie ahnen nicht, dass sie tagtäglich neben- und miteinander als Verkäufer bei Matuschek & Co., einem Budapester Laden für Lederwaren und Geschenkartikel, arbeiten, wo sie sich ständig zanken. Lubitsch verfilmte das ungarische Theaterstück Parfümerie von Miklós László aus dem Jahr 1937 mit James Stewart und Margaret Sullavan in den Hauptrollen. Wer „You’ve Got Mail“ (USA 1998) gesehen hat, ein aktualisiertes und nach New York City verlegtes Remake von Meg Ryan und Tom Hanks von Nora Ephron, ist mit dem zugrundeliegenden Plot vertraut.
Fanden wir so: Gunnar fühlte sich bestens unterhalten, Sven stimmte zu. Ich machte mal wieder den Miesepeter, der Film hatte mich trotz einiger pointierter Dialoge zu meinem Erstaunen kalt gelassen. Mir war das Drehbuch zu spröde, die Liebesgeschichte zu lau, die Handlung zu erwartbar, das schlussendliche Liebesglück irgendwie zu schal und die Charaktere einfach nur putzig in diesem putzigen Studio-Budapest. Auch die wenigen Wendungen waren wenig glaubwürdig, ein Beispiel: Klara erzählt plötzlich unmotiviert, dass sie zu Beginn ihrer Beschäftigung bei Matuschek & Co. verschossen war in Alfred; dies ist aber notwendig für das Filmziel, denn Alfred – der inzwischen weiß, das Klara seine Brieffreundin ist – traut sich daraufhin, um sie zu werben. Merkwürdig für mich auch, dass die ganze Szenerie 1940 bereits ein Anachronismus war: Da wird eine noch immer geradezu habsburgisch anmutende Welt dargestellt, die aber de facto schon im Versinken begriffen ist und in der es lange her ist, dass der Jobverlust die größte Gefahr im Leben bedeutet.
Wieso eigentlich „Weihnachtsfilm“? Der Dreiakter über den Laden um die Ecke zeigt circa in seiner Mitte das Dekorieren eines Weihnachtsfensters und mündet schließlich in den letzten Verkaufstag vor dem Fest am 24. Dezember. Am Abend ist die Registrierkasse dank des engagierten Einsatzes aller Verkäufer prall gefüllt, alle erhalten daher eine großzügige Gratifikation, und der frisch getrennte Ladenbesitzer Matuschek sucht eine Begleitung für das Weihnachtsessen – und findet sie in dem neuen Laufburschen Ruby, so wie auch die beiden sich bislang unbekannt Liebenden.
Soundtrack: Das vielleicht berühmteste russische Liebeslied überhaupt „Ochi tchornya“ (Schwarze Augen) scheppert hier regelmäßig aus einer leitmotivischen billig verklebten, kunstledernen Zigarettenbox und wird auch einmal von einer Café-Kapelle gespielt.
Rätsel „Red carnation“: Eine rote Nelke soll das Erkennungszeichen der beiden Brieffreunde sein bei dem ersten Treffen im Café; wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Lubitsch das Symbol der Arbeiterbewegung hierfür wählte.
Lobpreisungen:
- imdb: 8,1
- Kein Oscar, aber ein Preis für James Stewart.
- Nicht auf der vorgestern vom werdenden Vater besprochenen BBC-Liste der besten Komödien aller Zeiten der BBC, …
- … aber die BBC wählte den Film 2015 auf Platz 58 der besten amerikanischen Filme aller Zeiten …
- … und auch auf der Liste der 100 größten Liebesgeschichten des US-amerikanischen Kinos vom American Film Institute findet sich der Film: auf Platz 28 – nach „Pretty Woman“ und „King Kong“, aber vor „Titanic“ und „Ninotchka“ sowie „The Unbearable Lightness of Being“.
- Und auf der TIME-Liste, die die besten 100 Filme seit 1923 listet: All-TIME 100 Movies
„Lubitsch erteilt uns eine Lektion darin, wie man gierigen Leuten blödes Zeug verkauft. Sein Vater, ein Schneidermeister, war Inhaber eines Geschäfts für Damenkonfektion. Der Sohn arbeitete dort, bevor er zur Bühne und dann zum Film ging. In solchen Dingen kannte er sich aus.“Auch das Lexikon des internationalen Films bekommt sein Fett ab:
„Lubitsch meinte es ernst, als er ankündigte, sich nach seinen Salonkomödien mit reichen Müßiggängern Leuten widmen zu wollen, die Geld verdienen müssen, um leben zu können. Darum spielt das Finanzielle eine tragende Rolle. Vor Menschen, die ihren Job verlieren, tut sich ein Abgrund auf, den man in einem als Liebeskomödie vermarkteten Drama nicht unbedingt erwarten würde. Wie so häufig ist auf das - leider viel zu oft konsultierte - Lexikon des internationalen Films Verlass, wenn es darum geht, eine unzutreffende Beschreibung zu liefern […]: ‚Die alltäglichen Freuden, Kümmernisse und Herzensnöte […] ergeben eine lebendige, warmherzige romantische Komödie, die von Lubitsch mit Liebe, Sensibilität und milder Gesellschaftskritik inszeniert und von einem gediegenen Darstellerensemble unwiderstehlich gespielt wurde.‘
Die ‚alltäglichen Freuden‘ sind Dinge wie die Zigarre, die sich Pirovitch vom Mund absparen muss, zu den ‚Kümmernissen‘ gehört ein Chef, der einen mit Psychoterror überzieht, wenn man pünktlich gehen will, die ‚Herzensnöte‘ haben einen Suizidversuch zur Folge, und als ‚milde Gesellschaftskritik‘ bietet Lubitsch Einblicke in das kapitalistische System, die ich so ungeschminkt von kaum einem amerikanischen Film dieser Jahre kenne. Man kann das leicht übersehen, weil die Kritik so gar nicht klassenkämpferisch daherkommt, obwohl der Held eine rote Nelke am Revers trägt. Lubitsch genügt die unspektakuläre Darstellung eines Alltags, der nur so tut, als wäre er gediegen, um seine Zweifel am real existierenden Kapitalismus zu äußern.“Auch die von mir unterstellte Weltvergessenheit des Films sieht Schmid anders:
„The Shop Around the Corner ist auch ein Film über Menschen, die bis zuletzt an ihrer Vorstellung von Vornehmheit und Korrektheit festhalten, während ihre Welt in Stücke fällt. Lubitsch erwähnt nie, dass die Nazis vor der Tür stehen, denkt es aber immer mit. Wenn wir es auch tun[,] wirken Kraliks und Matuscheks Bemühungen, allen Missgeschicken zum Trotz Haltung zu bewahren, sehr berührend.“Was mir gar nicht gefallen hat, zeigt Schmid als Strategie des Films auf:
„Kralik fällt nichts Besseres ein, als die Brieffreundin, die er beschlossen hat zu lieben, obwohl er sie noch nie getroffen hat, mit einem Bündel Geldscheine im Umschlag zu vergleichen.“Und zitiert passend eine andere Analyse:
„‚Nicht die Herzensverwicklungen an sich interessierten Lubitsch‘, schreibt Karsten Witte, ‚sondern das, was die Herzen wirklich höher schlagen ließ als die Liebe. Und das war das Geld.‘“Fazit: Hin oder Her? Vielleicht überdenke ich meine Meinung zu dem Film und schau ihn noch mal – diesmal aber nicht als Weihnachtsunterhaltung oder leichte Liebeskomödie, sondern als Drama und als marxistische Analyse der kapitalistischen Warenwelt und was die mit den Menschen und ihrer Liebe macht. Kann sein, dass ich ihn dann unter den neuen Voraussetzungen richtig gut finden werde …


4 Kommentare:
Welch ein beeindruckender und interessanter Post! Habe den Film zwar vor vielen Jahren schon mal gesehen (ich glaube sogar mehrfach), aber ich erinnere mich doch nicht gut genug, um auf die in Silkes Bericht aufgeworfenen Fragen eine kompetente Antwort geben zu können. Jedenfalls schade, dass ich nicht dabei sein konnte bzw. dass ich so kurzfristig absagen musste. Falls es jemanden interessiert: Ich hatte wirklich noch den ganzen gestrigen Tag über Fieber, aber seit heute Morgen geht's mir wieder gut. Und vom Kind ist noch nichts zu sehen.
Was ich als alter Statistiker noch sagen wollte: Erstaunlicherweise war das erst der zweite Film mit James Stewart, dem wohl größten Schaupieler aller Zeiten, im Videoclub. Vor vielen Jahren gab es mal, sehr zum Missfallen der anwesenden Damen, "Winchester 73". Von Lubitsch müsste es das dritte Werk gewesen sein, nach "Heaven Can wait" und "Ninotschka" (beide bei mir, 2002 bzw. ca. 2012). Oder habe ich etwas vergessen?
Danke für die Recherche und die ausführlichen Anmerkungen. Hans Schmid (wer ist das eigentlich?) schießt aber übers Ziel hinaus, finde ich. Ein "Drama", das nur als "Liebeskomödie vermarktet" wird? Gerade weil der Hintergrund ernst und das Ganze traurige Aspekte hat, ist's doch eine so wirkungsvolle, tolle Komödie. (Die im übrigen nicht nur mit "einigen pointierten Dialogen" aufwartet, sondern nur aus solchen besteht, pausenlos. Und was ist eigentlich das Gegenteil von "spröde"? So ist das Drehbuch jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Ist mir ein Rätsel, wie einen das kalt lassen kann. Den Film auf die kritischen Aspekte zu reduzieren wird ihn für dich bei zweitem Gucken aber nicht retten, schätze ich.
Pauline Kael über den Film:
"Close to perfection – one of the most beautifully acted and paced romantic comedies ever made in this country. It is set in the enclosed world of the people who work together in a small department store; Margaret Sullavan and James Stewart are the employees who bicker with each other, and in no other movie has this kind of love-hate been made so convincing. Their performances are full of grace notes; when you watch later James Stewart films, you may wonder what became of this other deft, sensitive, pre-drawling Stewart. As for Sullavan, this is a peerless performance: she makes the shopgirl's pretenses believable, lyrical, and funny. The script by Samson Raphaelson is a free adaptation of a play by Nikolaus Laszlo, and though it's all set in a Hollywood Budapest, the director, Ernst Lubitsch, sustains a faintly European tone. With Frank Morgan, Joseph Schildkraut, William Tracy, Sara Haden, Edwin Maxwell, and Inez Courtney. (A 1949 musical remake starring Judy Garland and Van Johnson was called IN THE GOOD OLD SUMMERTIME.)"
http://www.geocities.ws/paulinekaelreviews/s4.html
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