Donnerstag, 9. November 2017

Incendies (CAN 2010)


Regie: Denis Villeneuve. Beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück von Wajdi Mouawad.
     Das französische "incendie" bedeutet laut Pons zu deutsch der Brand, so dass der Filmtitel wohl übersetzt "Brände" meint. Der deutsche Verleihtitel lautet wenig überzeugend "Die Frau, die singt".
     Die Zwillinge Simon und Jeanne erhalten nach dem Tod ihrer Mutter Nawal Marwan in Kanada je einen Brief ausgehändigt. Der eine soll ihrem Bruder, der andere ihrem Vater ausgehändigt werden. Keiner der beiden ist ihnen bekannt. Jeanne reist daraufhin nach Nahost, woher die Mutter stammt, um die Umstände ihrer Vergangenheit zu recherchieren.    

Bei Silke. Mit Andreas, Gunnar, René und Sven. Die beiden Erstgenannten waren in seltener Einigkeit empört über den Plottwist der Gegenwartshandlung, der ihrer Meinung die Darstellung der Bürgerkriegsschrecken der Vergangenheit fraß. Genau diese fand Sven als eigenen Plot bereits ausreichend erzählens- und sehenswert. René neigte eher Sven zu. Ich war merkwürdig unentschieden. Mit großem Gestus wird hier zu einer Geschichte altgriechischen Ausmasses angesetzt – warum auch nicht: Was Ödipus passiert ist, warum sollte das in einer Variante nicht auch in unserer Zeit einer Familie widerfahren? Aber wie werden dem Zuschauer die Erlebnisse der Mutter zuteil? Offenbar ohne jede Erzähllogik, denn es wird nicht bebildert, was die Tochter jeweils rausfindet. Warum dann aber diese Parallelmontage? Plottwists aus der Kategorie "Überraschung" sind in der Regel eh blöd; fand ich schon bei "The Sixth Sense". Einer der wenigen Beispiele, wo das gelungen eingesetzt wird, ist nach meiner Ansicht "The Usual Suspects".
    Es gibt zugegeben ganz schöne Landschaftsaufnahmen dieses namenlosen Nahoststaates, für das wohl der Libanon und seine Bürgerkriegswirren Vorbild war. Abgesehen von diesen wurden aber alle Innenaufnahmen im kanadischen Studio gedreht - also auch das so authentisch anmutende Damenteekränzchen im Heimatdorf Nawals. 
      Brände löscht man bekanntlich mit Wasser. Daher ist es wohl keine Willkür des Drehbuchs, sondern ein symbolhaftes Metaphernallegoriendings, dass Nawal in einem kanadischen Freibad erst einen lang inszenierten Tauchgang absolviert, bevor sie am Beckenrand ihren Erstgeborenen an seiner tätowierten Ferse erkennt und sich zum Friedenmachen entschließt. Den sollen die beiden Briefe an ihre Zwillinge erzielen.  
     Wir alle waren bass erstaunt, dass "Incendies" laut imdb der 132. beste Film aller Zeiten sein soll (Wertung: 8,2. Metascore: 80, Rotten Tomatoes: 93%). Plottwist plus Betroffenheitsfaktor schlägt also noch immer Erzähldefizite, so würd ich mal die Begeisterung der fremden Menschen auslegen. Zumindest können wir bei diesem Film ab sofort mitreden.

Villeneuve hat sich inzwischen auf dieser Liste selbst übertroffen: "Blade Runner 2049" aus diesem Jahr und aktuell in unseren Kinos, liegt derzeit auf Platz 62 mit der Wertung 8,4 (Metascore: 81, Rotten Tomatoes: 88%). Villeneuves "The Arrival" mit Amy Adams von 2016, den wir Anfang dieses Jahres im Videoclub gesehen haben, hat "nur" 8,0 (also im Ranking irgendwo nach dem 250. Platz, aber Metascore: 81 und Rotten Tomatoes: 94%). Der Mann mit seinen stabil hohen Wertungen ist auf jeden Fall eine verlässliche Größe für die Investion von Millionenbeträgen. Wir werden also sicher nicht lange auf den nächsten Villeneuve-Film warten müssen; einige unter uns vielleicht mit eher gemischten Gefühlen.

7 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Ich zumindest war nicht über einen Plottwist, der eine Darstellung frisst, empört. Kann man die Auflösung des Rätsels, um das es ja von Anfang an geht überhaupt als als Plottwist bezeichnen? Die besagte Auflösung finde ich jedenfalls wahnsinnig abgeschmackt. "Manipulativen Kolportagedreck" hatte ich, glaube ich, am Abend gesagt. Alles andere (Bürgerkriegsschrecken)ist doch bloß Zierrat für uns Wohlstandswestler mit vieeeeeel Mitgefühl für die weniger Privilegierten.

Gunnar hat gesagt…

Eine Anmerkung noch: Filmisch ist das alles richtig gut gemacht. Kamera, Schauspieler, Schnittrhythmus. Nicht einmal der Soundtrack ist so aufdringlich, wie man befürchten könnte. Insofern habe ich Verständnis für die milderen Urteile. Umso schlimmer aber, dass die Handlung von Grund auf ein reiner Scheißdreck ist.

Gunnar hat gesagt…

Und eine Richtigstellung: Verkürzt gesagt, fand Sven den Film gut, abgesehen von der Ich-bin-von-meinem-eigenen–Sohn-im-Gefängnis-gefoltert-vergewaltig-und-geschwängert-worden-und–ihr–seid-unsere-Kinder-Auflösung.

Während Rene auch besagte Auflösung ganz o.k. fand.

Richtig?

Rene hat gesagt…

Äääh, nicht richtig!
Ich fand die Geschichte der Mutter im Libanon glaubhaft bzw. möglich - im Krieg ist vieles vorstellbar.
Diese Testaments /"schick die Kinder los, um etwas herauszufinden, was bereits bekannt ist"-Handlung voll für die Wurst.
...und als klar war, wer der Bruder und wer der Vater ist, bevor es im Film aufgelöst wurde - brachte doch alle zum Aufjaulen, oder?

Gunnar hat gesagt…

Danke für die Korrektur.

zander hat gesagt…

Ich weiß wohl, Mitgefühl für die "weniger Priviligierten" wird täglich mehr zum Anlass für Polemiken jeden Niveaus genommen. Dennoch bemühe ich mich darum und ich will es auch behalten. Und ich vermisse es bei vielen Menschen ebenso wie gesamtgesellschaftlich. Vor allem, wenn entsetzliche körperliche Qualen, Folter, Vergewaltigung, Massenmord, systematisch eingesetzter Hunger, Diskriminierung bis zum Tod und vieles mehr schön bequem distanziert unter "weiniger priviligiert" zusmmengefasst werden und somit unbenannt bleiben. Die fürchterlichen Schreie im Hintergrund als die Mutter in ihrer Zelle hockt, klingen mir noch immer im Ohr. Das ist nicht schön, vielleicht sogar uncool, aber ich will es so. Das sei nur "Zierrat für die Wohlstandswestler", meint Gunnar. Was bleibt übrig, wenn man diesen "Zierrat" wegnimmt? Kein Film jedenfalls. Und die Rolle des Wohlstandswestlers kann man annehmen oder nicht, sie ist jedenfalls unumgänglich, aber wohl sehr unterschiedlich interpretierbar.
Die von Andreas und Gunnar bemerkenswert heftig kritisierte, vermeintlich fehlende Reaktion der Zwillinge auf die Mitteilung, dass sie Vater und Bruder haben, ist eine simple Weglassung, ein beliebtes filmisches Mittel und auch bei uns eigentlich gern gesehen. Hier ist sie jedenfalls völlig angemessen, da die vermisste aufgeregte Reaktion für den weiteren Handlungsverlauf vollkommen irrelevant wäre. Die Annahme, dass jeder Mensch auf so eine Mitteilung reagiert, ist vielleicht richtig, das heißt aber nicht, dass die Reaktion in unserem Film eine Rolle spielen muss. Ganz abgesehen davon, dass die beiden sehr wohl reagieren. Im ersten Moment mit Sprachlosigkeit, dann ist der Bruder sauer und will von allem nichts wissen, die Schwester nimmt den Auftrag unverzüglich an und macht sich auf den Weg.
Die Auflösung, unnötig pathetisch und psychologisierend aufgeblasen, ist fraglos Mist. Das tut dem Film vor allem deswegen einen Abbruch, als von den Zuständen in diesem verharmlosten Krieg abgelenkt wird. Ansonsten wird hier wohl versucht, einer vermeintlichen Publikumserwartung nach dem großen Hammer gerecht zu werden. Fraglos blöd. Aber, wie bereits gesagt wurde, im Krieg ist jeden denkbare Scheiße möglich und realistisch.
Im Übrigen sehe ich den Film als eine Darstellung des Krieges und die Geschichte, die drumherum gestrickt wurde, ist ein Transportmittel ins Kino, mehr nicht und daher zweitrangig für die Bewertung des Films.

Gunnar hat gesagt…

Wenn's dem Film wrilich um eine Darstellung des Krieges ginge, dann wär's alles etwas konkreter, denke ich. Angefangen damit, dass das Land einen Namen hätte.

Ekkehard Knörer (in der Taz, hattten wir schon am Donnerstagabend entdeckt)interessiert sich offenbar nicht sonderlich für die schaurige Auflösung, aber er hat ein Problem gerade mit der Darstellung des Krieges:
"...in der Handlung ganz schön tragödisch und in den Bildern ganz schön poetisch. Zwischendurch spielt ganz schön mittelprächtig-pathetische Independent-Musik und erzeugt Stimmung auf eine Weise, dass man denkt: Hier wird jetzt aber ganz schön Stimmung erzeugt. (...)
Alles ist einen entscheidenden Schritt ins Allegorische entrückt - das Politische verliert so seinen konkreten Kontext, die Gewalt, die man sieht, ihren historischen Hintergrund. Es bleibt nur der ganz generische Bürgerkrieg: Vernichtung und Rache; der Hass der Religionen, Muslime, Juden und Christen, durch Mord- und Bluttaten stets aufs Neue genährt; politisches Attentat, Einzelzelle, Folter, singende Frau und vielfache Vergewaltigung; in den Kopf geschossenes Kind und in der Wüste pittoresk angezündeter Bus.(...)
Einer der Filme, in denen viel zu schönen Menschen viel zu viel Schreckliches widerfährt. Einer der Filme, die die Schäfchen der politischen Verwicklungen des Ostens besten Gewissens ins Trockene ihres Kinos des Westens bringen. Einer der für den Auslandsoscar nominierten politischen Filme, die handwerklich exzellent, aber an keiner Stelle politisch gemacht und die darum die perfekten Produkte für den gehobenen Kinokonsum sind: Sie ermöglichen dem Zuschauer den kultivierten Genuss der aufgeklärten eigenen Haltung zu den schrecklichen Dingen der Welt."